… Erfolg haben!

Sobald wir es wagen, Rückschau zu halten, inne zu halten, um zu betrachten was war, mag man eine gewisse Leichtigkeit empfinden. Vieles scheint gelungen. Gut so, denn „Erfolg haben“ ist wichtig. „Erfolg haben“ oder nicht, das ist der Gradmesser einer Leistungsgesellschaft, die Schwächen, Einbrüche in den Bilanzen und eben „kein Erfolg“ nur schwer verzeiht.

„Wer heute Öffentlichkeitswirkung erzielen will, muss sich selbst gut verkaufen und ins Rampenlicht stellen können.“ (G. Hoffmann: Assoziationen, Bd.4, S. 172, Stuttgart 1981.) Das gilt für Karrieristen ebenso, wie für kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einen von diesen lernen wir heute kennen: Jesaja!

Und Jesaja kann sich ganz sicher sein: Schon vom Mutterleibe an war er berufen, die Karriere schon vorgezeichnet. Immerhin braucht es schon jemand besonderen, der Israel Gott näher zu bringen vermag. Für eine solche Aufgabe braucht es einen starken Mann. Einen, dessen Persönlichkeit gut ausgerüstet ist. Einen, der Reden halten kann die scharf sind wie ein Schwert und der pfeilschnell Zusammenhänge erkenn kann. Jesaja hat all das. Wenn er spricht, dann schneiden seine Worte wie Schwerter in die Gedanken der Angesprochenen, wie Pfeile treffen seine Worte die versammelte Schar und treffen ins Ziel.
Jesaja ist der richtige Mann für diese Aufgabe. Er ist nicht weichgewaschen. Er hat eine Mission, er verfolgt ein Ziel. Er wird Gottes Wort verkünden und Israel zurückbringen. Jesaja ist der Prototyp des Volksmissionars: Einsatzfreudig, belastbar und stark.

Das erzählen die ersten drei Verse. Der vierte Vers aber landet dann hart auf dem Boden der Realität – und Jesaja mit ihm.
Drei Verse lang ist alles gut. Jahrelang ist alles gut. Für Jesaja, für uns. Die Kraft reicht, die verschiedenen Rückschläge steckt man locker weg. Das Fell wird dicker mit der Zeit. man arbeitet viel und hart. Man knechtet sich. Ganz so wie Jesaja. Und sozusagen als Bonuszahlung oben drauf, bekommt Jesaja einen Titel: Der Gottesknecht! Mit der Unterschrift: Gott, der Herr, will sich durch seinen Knecht verherrlichen. (Vgl.: C. Westermann, ATD, Nr.19, S. 170ff., Göttingen 1970).
Nun aber folgt die harte Realität! Jesaja kann nicht mehr. Seine Kraft läuft ins Leere, er vermag nichts auszurichten. Sein Tun, so der Knecht, ist vergebens! Jesaja ist ein verzweifelter Knecht.

Sobald wir es wagen, Rückschau zu halten, inne zu halten, um zu betrachten was war, mag sich, wenn wir ehrlich zu uns sind, zu einer gewissen Leichtigkeit auch eine gewisse Schwere gesellen. Vieles scheint gelungen, aber anderes konnten wir nicht bearbeiten. Aus verschiedenen Gründen: Keine Lust, keine Zeit, kein Erfolg.
Am schwersten mag der Grund „kein Erfolg“ wiegen. Immerhin: „Erfolg haben“ ist wichtig. „Erfolg haben“ oder nicht, das ist der Gradmesser einer Leistungsgesellschaft, die Schwächen, Einbrüche in den Bilanzen und eben „kein Erfolg“ nur schwer verzeiht. Was aber, wenn man keinen Erfolg hat? Wenn das Wirken, ganz so wie Jesaja es beschreibt, vergeblich ist? Für nichts?

„Morgens war er immer gut gefüllt mit Anträgen, Nachfragen und auch mal mit Beschwerden. Mittags trafen ihn prüfende Blicke. Und wenn alles gut lief, und das war normal, dann war er am Feierabend leer. Der Postkorb war der Maßstab einer Generation von Sachbearbeitern bei der Gothaer Versicherung, 5350 Angestellte, rund 3,5 Millionen Versicherte. Der Postkorb teilte den Tag in mal anstrengende und mal befriedigende Aufgaben, die immer gleich endeten: mit ihrer Erledigung. "So ist der Mensch", sagt Thomas Barann, der bei der Gothaer fürs Personal verantwortlich ist. "Er braucht Anfang und Ende." (J. Brenner: Burnout. Immer noch besser werden, http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/burnout-immer-noch-besser-werden-a-763016.html).
Ein solches geregeltes „Ende“ gibt es aber heute nicht mehr. Iphone, Blackberry, facebook und twitter sei Dank. Eine E-Mail kommt immer noch durch, ein Anruf muss immer noch getan werden, nur noch bloß diesen einen facebook-Eintrag kommentieren.

Es gibt Überforderungen im Leben und die Frage, der man sich stellen sollte ist, wie man damit umgeht. Mit Jesaja trifft diese Frage eine ganz prominente Persönlichkeit des gesellschaftlichen Lebens. Jesaja, das prophetische Zugpferd resümiert und zieht eine negative Bilanz. Er ist an seinem Auftrag verzweifelt.

Und Gott? Immerhin hatte er den Knecht noch vor dessen Geburt in Beschlag genommen und ihn auserwählt. Jetzt steht der Knecht da, buchstäblich im Regen. Aufgeweicht und beschädigt. Das Licht des Erfolgs ist ausgegangen, Dunkelheit umfängt den, der so aufopferungsvoll gedient hat.

Gott hat ein Ohr für das Leiden seines Auserwählten. Nicht nur, dass er dem angeblichen Scheitern entgegensetzt, dass der Auftrag und seine Wirkung gut aufgehoben sind bei ihm selbst, nein, dabei bleibt Gott nicht. Er rechtfertigt Jesaja und bestätigt ihn in seiner Person. Das Verhältnis zwischen beiden ist nicht beschädigt.

Wie mögen diese Worte, diese Zusagen in den Ohren derer klingen, die einem straffen Zeit-, und Wachtstumsdiktat folgen? Die vor schier unlösbaren Aufgaben stehen und Angst vor dem Scheitern haben? Was ist mit den Bankern, den Postkorbsortieren, den Paketfahrern auf der einen Seite und den pflegenden Angehörigen, den Krankenschwestern, den Politikerinnen auf der anderen Seite? Was ist mit den Christinnen und Christen, die sich Sorgen machen um den Bestand der Kirchen, ihrer Gemeinden machen?
Die Kirche Jesu Christi hat ein Trostamt! Gott übt es hier aus und erinnert uns daran. Jesajas empfängt seinen Lohn – trotz seines Scheiterns. Gott lässt ihn nicht fallen, er lässt ihn nicht im Stich, er vergisst ihn auch nicht. Gott ist das heil und das heil kommt. Jesaja selber gibt davon beredtes Zeugnis.

Die Not der Trostlosigkeit, der Versagensangst umgibt uns auch heute. Es braucht nicht viel, um das wahr zu nehmen, auch wenn die Fassade anderes aussagen möchte. „Es gibt auch eine Trostlosigkeit, die darin besteht, dass die Menschen sich in ihrer Not verkrampfen, bis sie sich schließlich in ihrer Trostlosigkeit wohlfühlen.“ (Vgl. O. Dibelius, Predigten, S. 121, Berlin 1952.)

Jesaja ist untröstlich aber Gott macht es gut! Und dafür steht diese Geschichte! „Es gibt keine Not, deren Wirkung nicht überwunden werden kann. Jede Not kann umgeschmolzen werden in eine neue Kraft zu beten und zu glauben und zu lieben […].“ Immerhin gehört es zu den wundervollsten Stunden im Menschenleben, wenn jemand sagen kann: Auch deine […] Not ist morgen überwunden“, so wie der Prophet das ja eigentlich seinem Volk und den Völkern sagen sollte. (A.a.O.)

Sobald wir es wagen, Rückschau zu halten, inne zu halten, um zu betrachten was war, gibt es keinen Grund, sich vor einem Gefühl der Fehlbarkeit, des Misserfolgs und des Versagens zu fürchten. Vieles scheint gelungen, aber anderes konnten wir nicht bearbeiten. Aus verschiedenen Gründen: Keine Lust, keine Zeit, kein Erfolg.
Wenn der Erfolg ausgeblieben ist, beurteilt das nicht unsere Persönlichkeit im Ganzen. Gott vertraut dem gescheiterten Jesaja und überträgt ihm eine noch größere Aufgabe. Und noch mehr:

Und nun spricht der HERR, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde, ich bin ich vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke.

drucken