Wettstreit des Friedens um den Glauben

“Ganz großes Kino” lädt eine Meditation ein.
"Lehn dich zurück, mach es dir bequem, das wird ein schöner und spannender Abendunterhalter" – denke ich gleich und bin schon ganz gespannt.
Mit ein bisschen Phantasie kann ich mir in der Tat die erste Filmsequenz vorstellen. In einem dunklen Verließ, gefangen bei Wasser und Brot, gröllender Spott der Mitgefangenen, ein gequältes, geschundenes Angesicht, dass die Geschichte und Gefühle eines unschuldigen Menschen ahnen lässt: Petrus, urchristlicher Superheld mit menschlichen Anwandlungen und Schwächen im Gefängnis.
Aber mit einem Mal sind diese Bilder vor meinem inneren Auge verschwunden und andere, aktuelle schieben sich davor, weil andere Worte, andere Eindrücke, andere Gefühle, die sonst gar nicht so schwer wiegen, eigentlich übersehen oder überlesen werden wollen, weil sie nur die Einleitung zu wichtigerem sind, sich wohl zu Recht in der Vordergrund drängeln.
Ganz beiläufig erzählt Lukas von einer Zeit, in der König Herodes Hand an einige aus der Gemeinde legte, um sie zu misshandeln.
Das klingt wie damals war es, als die Christen noch verfolgt wurden oder wie: in dem Jahr als Salman Rushdie seine satanischen Verse veröffentlichte und öffentlich zu seiner Ermordung aufgerufen wurde, oder in dem Jahr als die Zwillingstürme in New York einstürzten, weil radikale Kräfte vermeintlich religiös motiviert Flugzeuge in sie lenkten oder heute, wo Videoclips und Karikaturen abertausende Muslime auf die Straße locken zu Demonstrationen, die in Gewalt enden – und ich könnte eigentlich auch einfach die Jahreszahlen nennen aus diesen Jahren, die ja auch anderes Erinnernswertes beinhalteten und doch davon geprägt sind, dass Religion Gegenkräfte mobilisiert oder selber zu Gewalt motiviert. Auch unsere Geschichte ist ja nicht nur eine Geschichte der verfolgten, sondern auch der verfolgenden Christen.
Hinter diesen Nachrichten verbergen sich also viel größere, ernstere, und vielschichtige Probleme.
Religion, ernsthafter Glaube und Gewalt sind sich in der Geschichte der Menschheit immer wieder in unterschiedlichster Gestalt begegnet.
Glaube, der Menschen erfüllt und bewegt, hat immer schon zum Widerstand herausgefordert und das eigene Lebenskonzept oder Gesellschafstmodell in Frage gestellt, damals bei Herodes, heute bei den politischen und religiösen Führern dieser Welt egal welcher Konfession, oder selber Gewalt produziert. Toleranz und religiöse Freizügigkeit müssen immer erst erarbeitet und erstritten werden – auch um des Glaubens, um der Religionsfreiheit willen; und damit ist nicht die Freiheit von Religion, sondern die Freiheit zu freier Glaubensausübung für alle Menschen gleichermaßen gemeint.
Gewalt kann nicht Gottes Wille sein, das ahnen wir alle mit unserer Prägung, unserer Bildung und unserem Glauben längst, aber indirekt bestätigt Lukas unabhängig vom großen Kino genau dieses Gefühl, diese Einsicht, dieses Wissen. Gottes Gefangenenbefreiung ist auch eine Befreiung aus den Fesseln und Gefängnissen der Gewalt und der religiösen Intoleranz.
Wer Menschen bedrängt, wer Menschen verfolgt um ihres Glaubens willen, wer Menschen verspottet, belächelt, sie dem Hohn anderer preisgibt, kann sich nicht auf Gott berufen, hinter ihm verstecken oder gar vor ihm verbergen, sondern trägt dafür auch vor ihm Verantwortung.
Es braucht ja oft gar nicht körperliche Gewalt, um solchen Schrecken zu verbreiten. Reichte nicht auch schon die spöttische Frage, ob hier in dieser Klasse etwa noch ein Kind zur Christenlehre geht, um dann von der Klasse kollektiv ausgelacht zu werden? Schon damit wurde und blieb die Seele verwundet und verletzt
Was passiert eigentlich in diesen Tagen in unserem Land und in unserer Welt?
Ich sehe Bilder von Gewalt, die man nur verurteilen kann.
Keine verletzten religiösen Gefühle, können die Bedrohung von Leib und Leben an irgendeinem Ort dieser Welt rechtfertigen.
Viele stumme, namenslose, unbekannte und dennoch fromme Muslime werden das ähnlich sehen, aber andere schaffen es durch die ihre gewalttätigen Taten in die Medien.
Aber religiöse Gefühle dürfen ebenso nicht verletzt werden.
Weder die Gefühle der Menschen, für die Mohammed ein Prophet ist, noch die derjenigen für die wie für uns Jesus Christus der eine Trost im Leben und im Sterben ist.
Wer Karikaturen nur veröffentlichen will, um zu verletzten und zu verunglimpfen, wer Filme öffentlich zeigen will, um zu provozieren und Gewalt zu instrumentalisieren, macht sich schuldig und darf sich nicht auf die Meinungsfreiheit als hohes, demokratisches Gut berufen, sondern muss von der Religionsfreiheit eingefangen werden.
Im nächsten Jahr bereitet sich der Protestantismus nach dem Jahr der Musik mit dem Begriff der Toleranz auf das Reformationsjubiläum vor. Gegenseitige Toleranz und Achtung schließen ja nicht aus, dass wir in der Art, wie wir ernsthaft und aufrichtig unseren Glauben leben, um die Wahrheit unseres Glaubens auch miteinander ringen.
Diesen Wettstreit möchte ich gerne eröffnen und da tut uns protestantischen Christ eine gehörige Portion Bekennermut, der dann auch Gefängnismauern oder Mauern des Schweigens, der Ignoranz oder auch nur der Selbstbescheidung überwindet, im besten Sinne des Wortes gut. Aber für Gewalt und Intoleranz gibt es keine Legitimation und unser Glaube an das Leben nötigt uns geradezu allen lebens- und damit auch glaubensfeindlichen Tendenzen ein deutliches Nein entgegenzusetzen.
In Potsdam hat gestern die interreligiöse Woche begonnen. Unterschiede des Glaubens sollen dabei nicht verschleiert, aber der Wunsch nach gegenseitigem Respekt und gemeinsamer Freiheit zum Lobe und zum Dienste Gottes gestärkt werden.
Da ist jeder einzelne gefragt.
Petrus konnte seinen Platz im Gefängnis nicht mit einem beliebigen anderen Christenmenschen tauschen: er musste bekennen: ich glaube und stehe dafür ein…
Verstecken hinter anderen ging und geht nicht.
Jakobus musste sein Schicksal erleiden. Und gerade die gewaltlosen Märtyrer und Zeugen waren immer besondere Botschafter für die Sache des Glaubens und des Lebens und haben den christlichen Glauben nur noch attraktiver gemacht und genau das Gegenteil von dem bewirkt, was die Mächtigen eigentlich wollten.
Auch mein Bekenntnis: ja, ich glaube, ist in meinem Alltag, auf meinem Weg, in meinem Leben gefragt – auch wenn es mich Gott sei Dank nicht mehr mein Leben kostet.
Aber genauso kostbar, wichtig und unerlässlich ist die fürbittende, also buchstäblich die Verfolgten auf betenden Händen tragende Gemeinde. Sie kann Mauern zum Einstürzen und Herzen zum Fühlen, Mitfühlen und zum Versöhnen bewegen.
Wenn wir in diesen Tagen etwas brauchen, dann nicht die Passivität, Geschehenes wie großes Kino anzuschauen und dann beiseite zu legen, sondern diese Tage, diese Welt und das friedliche Miteinander, das Leben und den gegenseitigen Respekt fest in den Händen des Gebetes zu halten, damit vor Gott zu treten und ihm in den Ohren zu liegen: dass er uns alle festhalte in der Hand seines Erbarmens, dass er unsere Wege begleite und uns unser Ziel erreichen lasse, dass seine Liebe die ganze Welt trage und verwandle, dass wir einander zu Engeln werden können, die aus den Mauern der Angst und des Misstrauens befreien.
Dahin bringe uns Gott alle Tage neu! Amen

drucken