Ein Engel im Gefängnis zu Tegel

Liebe Jugendliche, liebe Gemeinde,

das ist eine ganz schön schwierige und lebensgefährliche Situation: Wenn jemand ins Gefängnis muss, weil er seine Meinung sagt, weil er sich zu seinem Glauben bekennt, weil er zu dem steht, was er denkt. So war es dem Petrus in dieser Geschichte ergangen.

Von uns hier hat sicher kaum jemand eine Knasterfahrung gemacht. Aber ihr kennt sicher eine andere unangenehme Situation: Da stehen wir in einer Gruppe und quatschen; auf einmal merkst Du, dass alle anderen um dich herum etwas anderes denken und sagen als Du. Jetzt fällt es Dir schrecklich schwer, Deine Meinung weiter offen zu sagen. Du würdest allein gegen alle stehen.

Man kann es sich nicht so einfach leisten, anders zu sein, etwas anderes zu sagen, anderes anzuziehen oder auch andere Musik zu hören als die anderen. Keiner will ein NERD oder sonst ein komischer Typ sein. Alle wollen dazu gehören. Aber kann ich dann irgendwann einmal „Ich selber“ sein, wenn ich immer sein muss wie die anderen?

Dann soll es wirklich Menschen geben, die in den Knast gehen, weil sie Ihre Meinung laut gesagt haben oder weil sie konsequent zu ihrem Glauben stehen. Aber Hallo! Das kommt heute auch noch vor. Die TAZ – eine Berliner Tageszeitung – schreibt: Weltweit sitzen Menschen in Haft, nur weil sie andere politische oder gesellschaftliche Vorstellungen haben als ihre Regierung. Einigen droht sogar der Tod. Und das sind nicht nur einige wenige, das sind viele Zehntausende von Menschen in der ganzen Welt…

Auch den ersten Christen ist es so gegangen. Sie wurden ins Gefängnis geworfen, weil sie an Jesus glaubten. Manchmal kamen sie auch wieder raus aus dem Gefängnis, manchmal wurden sie den wilden Tieren in der Arena zum Fraß vorgeworfen. Man kann sich das hier in Europa im ruhigen Deutschland kaum vorstellen, welche Ängste die ersten Christen ausgestanden haben. Einmal fürchteten sich die im Gefängnis, die wirklich nicht wussten, wie es mit ihnen weiter gehen würde – ihre erste feste Tracht Prügel hatten sie schon auf dem Buckel. Und dann waren da noch die Freundinnen und Freunde draußen, die christliche Gemeinde, die schwebten in unendlichen Sorgen und Ängsten: „Was wird wohl mit unseren Freundinnen und Freunden passieren? Werden sie geschlagen und gefoltert? Werden wir sie überhaupt noch einmal wieder sehen und in die Arme nehmen können?“

Was macht man im Gefängnis, damit es einem besser geht? Was machen die da draußen, die in großer Ohnmacht einfach nur warten können? Sie erzählen sich Mutmachgeschichten. Dabei werden sie sicher ein wenig übertreiben. Geschichten entstehen – man kann sich nur wundern – Geschichten, in denen sich Wunder ereignen. Da kann auch schon einmal ein Engel erscheinen. Alle wissen, wie das Erdichten und Erzählen von Geschichten funktioniert und alle durchschauen es. Doch tut es so gut, wenn uns so eine Geschichte gegen die Angst hilft, wenn sie die Angst vertreibt und man dieses schreckliche Warten besser aushalten kann. Geschichten sind wahr, wenn sie uns helfen, Schreckliches auszuhalten und zu ertragen.

Es kann uns helfen, wenn wir einander gute Geschichten erzählen und miteinander beten. Aber das hilft nicht gegen alles. Der Apostel Jakobus war dennoch getötet wurden. Umso mehr brauchten seine Freundinnen und Freunde dann etwas, was sie tröstet und ermutigt. Was kann uns Mut geben, wenn wir wie gefangen sind, wenn die Ängste uns quälen? Mut und Trost in schlimmen Situationen ist kostbarer als alles Geld und ein dickes Bankkonto.

Sie erzählten Mutmach-Geschichten wie: Petrus wurde von einem Engel aus dem Gefängnis befreit. Eine Gefangenenbefreiung ist doch wirklich eine unglaubliche Geschichte. In einem Knast in Mexiko haben Gefangene ausgehend von der Tischlerwerkstatt heimlich einen 300 m langen Tunnel nach draußen gegraben – 132 Gefangene sind ausgebüchst. ‚Schon’ nach einer Stunde haben die Wächter das bemerkt, wahrscheinlich als sie aufwachten – unglaublich. Der Gefängnisdirektor sitzt jetzt selber im Knast, aber nicht in seinem eigenen, der wäre wohl zu unsicher. Diese Geschichte ist ja noch unglaublicher als die Geschichte vom Engel, der Petrus befreit.

Auch im Gefängnis können Menschen es erfahren, wie sie getröstet und ermutigt werden – doch noch und trotz allem, weiter zu machen. Nicht immer springen dann die äußeren Kerkertüren auf, nicht immer lösen sich die Fesseln an den Händen. Aber das Herz wird ein wenig freier. Ein Mensch wird mutiger und gelassener. Mitten in unmenschlichen Gefängnissen erstrahlt auf einmal ein Licht. Irgendetwas ist dann anders geworden. Nennen wir es Engel? Nennen wir es Gottesgeist? Geschah es durch einen Mensch, der etwas von Gott wusste? In jedem Fall ist es ein besonderes Ereignis, ein Wunder, wenn Menschen unter so schlimmen Bedingungen aushalten können. So hören wir von vielen Überlebensgeschichten, die Christinnen und Christen in Gefängnissen erlebt haben. Entweder sie kamen frei, oder sie gingen im befreiten Glauben in den Tod.

Ich möchte die Geschichte von Harald Poelchau erzählen. Manche haben ihn den Engel im Gefängnis genannt. Gefängnispfarrer war er in Berlin-Tegel: Als Seelsorger begleitete er viele Menschen auf ihrem letzten Weg zur Hinrichtung in Berlin-Plötzensee. Darunter waren Mörder, aber auch Widerstandskämpfer, die gewagt hatten ihre Meinung gegen das Hitlerregime frei zu äußern. Wer es auch immer war, für Poelchau waren es Menschen, die er begleitete. Wir sehen nun in einem kurzen Film die Hinrichtungsstätte in Berlin-Plötzensee und erfahren etwas über Harald Poelchau. (Trailer 2:31 http://www.youtube.com/watch?v=sW3yptLcnDA)

Poelchau begleitete die zum Tod Verurteilten. Den Talar, das Heilige Abendmahl und Zigaretten trug er mit sich. In so einer Situation passen Abendmahl und Zigaretten zusammen. Hier geht es darum, was ein Mensch braucht.

War Harald Poelchau nun ein Engel? Oder hatte er einen besonderen Engel, der auch ihn beschützte? Ich denke beides ist richtig. Im Gefängnis in Tegel hatte man großes Vertrauen zu ihm, oder hat man manchmal einfach die Augen zugedrückt? Oder wurden den Leuten die Augen von Gott verschlossen? Es ist schon unglaublich, wunderbar, was geschieht. Ein helles Licht in der Dunkelheit des Gefängnisses. Doch die vielen Todesurteile konnte auch er nicht verhindern.

Viele Menschen besuchte er – darunter auch den Widerstandskämpfer Helmuth James Graf von Moltke in seiner Todeszelle. Moltkes Frau Freya hatte Kontakt zu Poelchau und dessen Frau Dorothea gesucht. Heimlich trägt der Pfarrer in seinen Taschen die Briefe der beiden hin und her. Man kann sie heute alle in einem Buch nachlesen. Unglaublich – was wäre gewesen, wenn man Poelchau erwischt hätte. Freya von Moltke erzählt: „Dass uns dank der vielen Briefe hin und her eine lange, lange Zeit des Abschiednehmens gegönnt wurde, hat mein ganzes folgendes Leben beeinflusst und viel leichter gemacht.“ Da ist es wieder, der Trost, die Ermutigung, die ein Leben leichter gemacht hat. Ein Licht in der Finsternis des Todes im Tegeler Gefängnis. In einem seiner letzten Briefe schreibt von Moltke an seine Frau Freya: „Uns ist es (jetzt) nicht gegeben, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen, aber wir müssen sehr erschüttert sein, wenn wir plötzlich erkennen, dass er ein ganzes Leben hindurch am Tage als Wolke und bei Nacht als Feuersäule vor uns hergezogen ist und dass er uns erlaubt, das plötzlich, in einem Augenblick, zu sehen. Nun kann nichts mehr geschehen.“

Hier spüren wir etwas von dem Engel, der tröstet, der Zuversicht gibt im Gefängnis, eine solche Zuversicht, dass ein Mensch bereit ist, in den Tod zu gehen. In einem Augenblick wird er Gott schauen. Nun kann ihm nichts mehr geschehen. Ein Gefangener, der Briefe schreibt und dabei ganz frei ist.

Pfarrer Poelchau, wir sehen ihn, wie er die Ehefrauen von Widerstandskämpfern im Frauengefängnis besucht. Die Frauen waren in einer Art Sippenhaft festgenommen worden. Er bringt unter seinem Mantel gute und nahrhafte Speisen mit, die die Frauen so schnell wie möglich aufessen müssen, und es darf nichts, nicht einmal ein Krümelchen übrig bleiben, damit die Gefängniswärter nichts merken. Und der Engel war da und achtete auf sie, und niemand bemerkte etwas. Unglaublich.

Und er besucht in Tegel den Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, von dem er sagt: Von Bonhoeffer habe ich unendlich viel gelernt. Bonhoeffer macht sich Gedanken über die Zukunft Deutschlands und der Kirche. Seine Gedanken schreibt er auf, Manuskripte für Bücher entstehen, die nach dem Kriege veröffentlicht werden und viele Menschen zum Nachdenken und Handeln ermutigen. Er verfasst Briefe an seine Verlobte und dann Silvester 1944 dichtet er im Gefängnis das Lied von den Engeln, den unsichtbaren Mächten, die uns wunderbar behüten. Bonhoeffer wurde ermordet, aber sein Lied lebt weiter, weil Harald Poelchau, das Risiko einging, alle diese Texte unter seiner Kleidung an den Augen der Wächter vorbeizuschmuggeln. Licht im Gefängnis, Mut, Trost und Kraft für ungezählte Menschen.

Mitten im Gefängnis werden ihm stärkende Worte gegeben: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Da war ein Engel im Gefängnis zu Tegel.

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