Gute Früchte wachsen nicht von selbst

Wie lebt ein Christenmensch? Diese Frage muss immer neu gestellt und beantwortet werden. Von Anfang an haben sich die Menschen, die den Ruf Jesu gehört haben mit dieser Frage befasst. Die Antwort muss immer neu aktuelle Anforderungen bedenken, darf aber nicht diesen Kern verlassen: Leben im Geist. Das ist die Grundlage, wenn Paulus an die Gemeinde oder die Gemeinden in Galatien schreibt (so genau kennen wir halt seine Adressaten nicht).

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Der Galaterbrief ist wirklich von Paulus. Entweder an eine Gemeinde, oder eine Gruppe von Gemeinden, die nicht ganz genau zu lokalisieren sind, wahrscheinlich im Bereich der heutigen Türkei.

Galater 5,1 bildet die Voraussetzung: ‚Zur Freiheit hat uns Christus befreit‘. Das ist die Grundlage auch unseres Abschnittes: Weil wir im Geist leben, müssen wir auch entsprechend Leben. Wir tragen eine Verantwortung für das, was uns geschenkt ist. Gott selber hat seinen Segen über uns gesprochen. Wir dürfen leben als Gesegnete des Herrn. Mit seinem Segen leben, das kann heißen, den Segen Gottes denen zuzusprechen, die ihn brauchen, die auf ein gutes Wort und eine freundliche Tat warten.

Es gibt also ein Gesetz Christi, obwohl immer wieder betont werden muss, dass Jesus nichts Schriftliches hinterlassen hat. Und über das Gesetz hat er immer die Not des Einzelnen gestellt. Dieses Gesetz Christi muss ich darum selber formulieren. Es ist nicht niedergeschrieben. Es lässt sich erschließen aus dem liebevollen und zugewandten Handeln Christi, der Lasten getragen hat bis zum Kreuz. Es lässt sich erschließen aus der Güte des Mannes, der sich den Zöllnern und Sündern zugewandt hat.

Das Gesetz Christi ist nicht fest gemeißelt in Stein. Es ist in unserer Seele, unserem Gewissen. Wir selber dürfen unser Leben sehen und immer neu entscheiden, was wirklich wichtig ist.

In jedem Fall: Ich muss mich ansprechen lassen und darf diesen Text nicht benutzen, um über Andere zu reden. Es geht nur noch um mich und mein Tun. Die Frage nach dem Umgang mit der Schwester oder dem Bruder, der sich nicht so verhält, wie es dem Gesetz Christi entsprechen könnte, provoziert geradezu den berühmten Vers 2 (‚Einer trage ……‘). Dann wird klar, dass ich mit der Verfehlung der Schwestern und Brüder nur angemessen umgehen kann, wenn ich sie mittrage und nicht, wenn ich mit dem Finger drauf zeige. Die Menschen sind Geschöpfe Gottes. Sie sind mehr als die Summe ihrer Taten.

Das Verhalten gegenüber denen, die gefehlt haben ist eine Aussage über mein Sein. Kann ich trennen zwischen einer zu verurteilenden Tat und einem liebenswerten Geschöpf Gottes, das viel mehr wert ist, als nur ‚Täter sein‘.

Lasten tragen ist etwas für Esel, für Sklavinnen und Sklaven. Den Mut muss ich erst einmal entwickeln. Mich für andere zum Esel oder zum Sklaven zu machen. Nicht weil ein Gesetz das gebietet, sondern weil ich spüre, dass nur dann eine Gesellschaft entstehen kann, die wirklich christlich ist. Die Christlichkeit unserer Gesellschaft wird weder dort entschieden wo Moscheen gebaut werden noch dort wo Homo-Ehen erlaubt werden. Sondern ausschließlich dort, wo Menschen sich vom Geist Christi erfüllt zu Eseln machen und Sklavinnen und Sklaven werden, damit andere nicht zusammenbrechen unter ihren Lasten.

Es geht nicht um ein: Seid lieb zueinander, sondern um Lasten tragen, also etwas, das weh tut. Allerdings geht es nicht um einseitiges Tun, sondern um Tun in Gemeinschaft. In einer christlichen Gemeinschaft darf ich Lasten tragen und darauf vertrauen, dass andere meine Lasten zu den Ihren machen. Und manche Lasten können wir gemeinsam tragen, weil sie zu viel für Einen allein sind.

Die guten Früchte wachsen nicht von selbst. Die guten Werke kommen nicht selbstverständlich, nur weil ich als guter Christ weiß, dass es keine Pflicht zu guten werken gibt. So wie ich andere Dinge gelernt habe, indem ich sie für wichtig gehalten habe, so muss ich auch hier lernen – wie die Pfadfinder. Jeden Tag eine gute Tat, klingt gesetzlich. Es könnte aber, wenn ich mir das als Ziel setze, ein guter Weg werden, das Gut sein zu meiner Lebensart zu machen, mir selber anzuerziehen. Ob es funktioniert? Aber ausprobieren könnte sich lohnen.

Wichtig bleibt, dass ich bei mir selber bleibe. Es geht nicht um etwas, das ich tun muss. Es geht um die Antwort auf die Zuwendung Christi. Wie eine solche Antwort in meinem Leben aussehen kann, das muss ich selber herausfinden. Da gibt es kein Gesetz in unserem Sinne

Vielleicht aber eine Gesetzmäßigkeit: Christi Wille ist, dass den Menschen geholfen wird – allen Menschen. Und seine Hoffnung ist, dass sich dafür immer auch Menschen finden, die bereit sind, sich zum Esel zu machen.

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