Keine Angst vor Rückenschmerzen: Einer trage des anderen Last!

Einer trage des anderen Last! Das klingt nach Schwere. Nach Entbehrungen, vielleicht auch nach dem Joch, das ein anderer für mich trägt.

Einer trage des anderen Last! ist nicht nur ein beliebter Trauspruch, sondern zugleich Zuspruch und Anspruch. Und es klingt nach Verantwortung füreinander. Was wiederum schwer und nicht immer einfach zu schultern ist. Was wir jedoch als Last empfinden, und was nicht, das liegt nicht nur an den uns umgebenden Bedingungen. „Luxus kann zur Last werden, wenn er unsere Seele bindet. Armut kann zur Last werden, wenn sie uns klein macht und niederdrückt. Eine Familie kann zur Last werden, wenn Menschen Gewalt und Missbrauch oder unerträgliche Ansprüche erleben. Aber auch die Freiheit kann schmerzen, wenn sie uns einsam und wurzellos macht. Vielleicht sind die unsichtbaren Lasten, die wir tragen, sogar die schwersten. Sehnsüchte, ja – auch Süchte können Menschen schwer zu schaffen machen und Leben zerstören. […] Wie viele Menschen haben Rückenschmerzen, obwohl sie äußerlich gar nichts tragen. Viele sind niedergedrückt vom Leben, obwohl sie nichts auf den Schultern haben.“(Vgl.: Nikolaus Schneider: Predigt über Gal. 5, 25 – 6, 2 zur Eröffnung der Woche für das Leben am 7. Mai 2011 in Berlin, http://www.ekd.de/predigten/schneider/110507_schneider_wfdl.html).

Paulus selbst wird im Predigttext nicht konkret und bleibt vage: Welche Lasten er meint, welche wir nun teilen sollen und welche nicht, dazu macht er keine genaueren Angaben. Das lädt natürlich zu Spekulationen ein. Gibt es etwa Lasten die ich tragen muss und andere, derer ich mich entledigen kann? Das wäre sicherlich einfach, würde aber der Sache nicht gerecht. Dennoch bleibt es anscheinend verlockend, den Vers genauso auszulegen.

Für manchen unserer Zeitgenossen scheint das ein überaus bequemer Weg zu sein. Immerhin hören wir in den letzten Tagen und Wochen wenig von dieser solidarischen Losung. Und es trifft mich auch ein bisschen, wenn ausgerechnet ein Politiker einer großen deutschen „C“-Partei diese Aufforderung für kurze Zeit ausblenden kann. Immerhin ist die Euro-Krise ein gutes Anwendungsfeld für die Wahrheit der paulinischen Aussage, einer trage des anderen Last. Aber wie so oft im Leben scheint einem die Jacke näher als die Lederhose. Schade. Wieder einmal die Chance vertan zur Solidargemeinschaft aufzurufen, die sich um die Menschen und ihre Schicksale auch in der Euro-Zone kümmert.

Haben Sie gewusst, dass sich mittlerweile viele Athener Bürger an die medizinische Hilfsorganisation „Ärzte der Welt“, im Hafen von Athen wenden, um überhaupt noch eine annehmliche medizinische Versorgung zu bekommen? Eigentlich sind die Ärzte der Welt in Athen, um den Flüchtlingen aus Nicht-EU-Staaten medizinisch bei zu stehen. In diesen Tagen aber kommen immer mehr Einheimische in den Athener Hafen, weil sie das Geld nicht mehr haben, um die Arztrechnung bezahlen zu können. Das ist Europa im August 2012.

Einer trage des anderen Last! Die Ärztinnen und Ärzte der Organisation haben das wohl für sich als Notwendigkeit erkannt. Andere Zeitgenossen brauchen immer etwas länger, um zu verstehen, dass es nicht nur eine monetäre Frage ist, die über das ja und Nein des Helfens entscheidet. Es gibt auch eine solidarische Verantwortung zu helfen.

Einer trage des anderen Last! ist nicht der Mittel zum Zweck um Verantwortung abzugeben oder klar zu machen, wer hier nicht richtig trägt. Vielmehr unterstreicht dieser Satz „die Notwendigkeit, das ‚Fehl‘ zu sehen, anzunehmen, ebenso gemeinsam zu bekämpfen.“ (Vgl.: W. Weise, in: Assoziationen, Bd. 4, S. 164).

Leider scheint ja die vorherrschende Meinung, auch unter Christen, die zu sein, dass man es sich nicht immer leisten könne, bis ins letzte solidarisch zu sein.
Der „C“-Politiker macht das deutlich und verrät sich selber wenn er im Spiegel-Interview preisgibt: "Das ist ja gerade das Supermoderne: auf klassische, traditionelle Motive hinzuweisen, ohne sie wirklich zu haben." (Vgl.: Spiegel, Nr. 6/2012).

Mit Verlaub: Nein, es ist nicht supermodern, alte traditionelle Motive zu gebrauchen, ohne sie wirklich zu haben. Denn Traditionen sind nicht dazu da, um diese beliebig zu gebrauchen. Schon gar nicht im Hinblick auf ihre Nutzbarkeit in dieser oder jenen politischen Frage. Damit wird man schließlich keiner Sache gerecht: Nicht der Tradition und nicht der aktuellen Frage. Denn was es wirklich braucht sind vielmehr verbindliche Strukturen, keine Beliebigkeit. Paulus weiß darum und stellt heraus, worum es geht: „Lasset uns aber Gutes tun und nicht müde werden!“ Kein Wort von Opportunismus oder von der Frage danach, was das alles kosten wird. Nein, Paulus formuliert eine klare Handlungsaufgabe in schlichter Eleganz an uns: „Lasset uns aber Gutes tun!“

Eine Weiterentwicklung im Sinne dieser Maxime kann dann logischerweise nur so aussehen, dass man trotzdem versucht, das Gute zu tun! Man kann sicherlich auf vieles verzichten, auf unnötigen Ballast, alte Aktenordner können den Weg allen irdischen gehen. Auch wird man mitunter im Leben Freundschaften und Bekanntschaften neu bzw. ab-schließen. Ebenso wird man sich fragen können, ob man all die unnötigen Kilos auch ertragen muss, oder ob man sich aufmacht und sich von dem einen oder anderen Polster trennen will. All das sind gesunde und gute Schrumpfungsprozesse. Aber die Nächstenliebe schrumpfen? Aus parteipolitischen oder zeitgeistgesteuerten Überlegungen heraus? Sparen wir denn wirklich, wenn wir die Griechen schlichtweg ihrem Schicksal überlassen?

Oder errichten wir nur eine neue Baustelle, wenn wir so verfahren, wie manche Lautsprecher es heute fordern? Darum kann es nicht gehen.

Natürlich stimme ich darüber ein, dass „das Gute“ ein schwer zu definierendes Gut ist. Was ist „gut“ und was ist „schlecht“? Jede Zeit mag darauf ihre eigene Antwort gefunden haben. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Paulus sich in der Beschreibung dieses Guten nicht näher festlegen will oder kann.

Wir erkennen: Das Gute ist keine allgemein her leitbare Formel. Und: „Die Frage nach dem Guten darf nicht verengt werden zu der Untersuchung von Handlungen auf ihre Motive bzw. auf ihre Erfolge durch Anlegen eines bereits fertigen ethischen Maßstabes.“ (Vgl.: D. Bonhoeffer: Ethik, S. 36ff., 1998). Das bedeutet nichts anderes, als das wir Christen wiederum vorsichtig sein müssen in der Beurteilung anderer, die in unseren Augen eventuell nicht das Richtige tun. Sollte dieses Tun aber dem Leben schaden und Menschen unterdrücken, kann es nicht gut sein. Denn das Gute erkennen wir in der Nachfolge Jesu: So wie er unsere Lasten trägt, sollen natürlich auch wir die Lasten unserer Nächsten tragen. Dass eine solche Einschätzung der Situation die Wirklichkeit in ihrem Leistungsprinzip bedroht, erkennt man natürlich sofort. Denn hier gilt ja nach wie vor die Annahme, dass man erst etwas leisten muss, um eine Gegenleistung zu bekommen. Die vorauseilende Gnade, die Barmherzigkeit ohne mein eigenes Zutun verwirrt die Welt und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, werden diese Wahrheiten und Angebote gar nicht aufgenommen.

Nun, ein Christ hat sich entschlossen, Jesus nachzufolgen, das bedeutet: „[…] sich mit den Zumutungen des Lebens auseinanderzusetzen, nicht vor ihnen zu fliehen. Es miteinander und mit uns selbst auszuhalten. Andere nicht zu beschämen und herauszufordern, aber auch nicht zu beneiden, sondern die eigenen Lasten anzunehmen und Leiden mit anderen zu teilen. Das ist, könnte man sagen, ein theologischer und ein therapeutischer Prozess. Auf diesem Weg können wir lernen, Gott zu finden, zu uns selbst und zueinander zu finden. Menschlich zu werden und zugleich Erben des Reiches Gottes. […] In diesem Geist lässt sich jetzt schon leben und das Leben teilen. In schwierigen Zeiten und auch in fröhlichen Stunden. Wenn wir einander in Liebe begegnen und uns gegenseitig die Lasten tragen, fällt ein neues Licht auf unseren Weg.“ (Vgl.: Nikolaus Schneider: Ebd.)

Wer also nicht daran glaubt, dass ein alles umfassender Sparkurs das Heil und den Aufstieg bringen, der muss nicht zwangsläufig gar nichts ernten. Oder welche Ernte erwarten die, die weiterhin predigen, dass Verzicht und Einschränkungen nötig und richtig sind? Einen Teil dieser schlechteren Ernte fahren wir heute schon ein, wenn wir mitten in Europa Menschen dazu bringen, sich an Hilfsorganisationen zu wende, um sich medizinisch versorgen lassen zu können.

Gibt es also Lasten die ich tragen muss und andere, derer ich mich entledigen kann? Nein, denn in der richtig verstandenen Solidarität kann es kein abwägen von leichten und schweren Lasten geben. Darum helfen Christen sich untereinander – losgelöst vom Zeitgeist und postmodernen Ansichten – und haben ein Auge auf unseren Nachbarn. Auf den Nahen und auch auf den Fernen. Wir tragen und ertragen einander – ganz egal, ob schwer oder leicht und manchmal auch, wenn der Rücken schmerzt. So tun wir Gutes in der Nachfolge Christi und „säen auf den Geist!“ Dabei fragen wir nicht nach unserem Nutzen, sondern danach, was dem Nächsten hilft.

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