Wie werde ich vor Gott gerecht?

Liebe Gemeinde,
wissen Sie, wie es mir ging, als ich den Predigttext das erste Mal gelesen habe? Ich habe mich an früher erinnert, als ich noch ein Kind war. Ich höre meine Mutter oder andere Erwachsenen, wie sie zu mir sagen:
Tu dies nicht, tu das nicht!
Putz dir die Nase!
Halte dich gerade!
Iss ordentlich!
Zieh dich warm an!
Pass auf, dass du dich nicht erkältest!

Ermahnungen und Aufforderungen, Vorschriften und Verbote sind mir nur so um die Ohren geklatscht. Und heute erinnere ich mich daran. Denn Paulus tut mit uns dasselbe, indem er sagt:
Tu dies nicht, tu das nicht!
Wandle im Geist!
Trachte nicht nach eitler Ehre!
Trage des anderen Last!
Tue Gutes!

Pu, liebe Gemeinde, das ist ziemlich hart! Denn wenn ich so viele Ermahnungen höre, dann werde ich ganz automatisch taub. Ich möchte das nicht hören! Das wird mir zu viel! Am liebsten würde ich mir einen anderen Predigttext suchen. Aber halt! Auf den zweiten Blick entdecke ich, wie wichtig das ist, was Paulus da schreibt.
Zwei Sätze ragen für mich aus dieser Aufzählung heraus: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ und: „Was der Mensch sät, das wird er ernten!“ Ich merke, wir sind schlagartig im Zentrum unseres Glaubens angelangt. Denn worum geht es denn in unserem Glauben? Doch darum, wie wir vor Gott gerecht werden.

„Wie werde ich vor Gott gerecht?“ – das war die große Frage, die Martin Luther die ersten 34 Jahre seines Lebens umgetrieben hat: „Wie werde ich vor Gott gerecht?“
Er hat nach Antworten gerungen. Zunächst fand er sie in der Bibel, in den Geboten. Nicht nur den 10 Geboten, sondern allen Geboten. „Wenn ich also diese Gebote halte“, dachte er, „dann müsste es mir doch gelingen, vor Gott gut dazustehen!“ Doch schnell merkt er, dass er es niemals schaffen wird, alle Gebote zu halten. Es sind zu viele, zu komplizierte, zu schwer zu halten. Wer kann da noch richtig leben?
Martin Luther lebt zu dieser Zeit ja in einem Kloster. Da sollte es ihm doch gelingen, dachte er, einen Weg zu Gott zu finden. Er stürzt sich in das Gebet und die Arbeit, er sucht zu Gott vorzudringen. Doch immer wieder spürt er seine Grenzen, seine Beschränkungen. „Na gut“, denkt er, „wenn alles nichts hilft, dann gibt es ja noch den Ablass oder eine Pilgerfahrt nach Rom.“ So kauft er einen Ablassbrief und macht eine Wallfahrt nach Rom. Doch auch das macht ihn nicht glücklich, denn er spürt: „Gerecht vor Gott werde ich so nicht!“
Und so lebt Martin Luther – innerlich zerrissen – weiter und studiert die Bibel. Plötzlich stolpert er über mehrere Bibelstellen. Eine haben wir vorhin gehört: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Er stutzt, er überlegt: Was ist das Gesetz Christi? Sind es die 10 Gebote? Oder versteht man unter dem Gesetz Christi die 248 Gebote und 365 Verbote aus dem Alten Testament? Nirgends in der Bibel ist das Gesetz Christi so belegt, dass es heißt: „Das Gesetz Christi lautet: …“
Martin Luther forscht weiter, er sucht nach dem Gesetz Christi. Jeder unter uns, der die Frage nach der Gerechtigkeit vor Gott ernst nimmt, muss nach dem Gesetz Christi suchen, muss es entdecken, um es erfüllen zu können. Ich weiß nicht, welche Bibelstelle Martin Luther hier weitergeholfen hat. Mir hilft die Bibelstelle, in der Jesus nach dem höchsten Gebot gefragt wird. Besonders eindrücklich schildert sie der Evangelist Lukas (Lk.10,25-28). Er schreibt:

Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Jesus aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.
Als dann der Schriftgelehrte nachfragt, wer denn sein Nächster sei, erzählt Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter als Beispiel.

Für mich besteht das Gesetz Christi aus diesen zwei Sätzen:
„Du sollst Gott lieben aus vollstem Herzen!“ und:
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“
Doch was bedeutet das für unser Leben? Wie sieht Liebe zu Gott und Liebe zum Mitmenschen denn konkret aus?

Liebe Gemeinde,
ich denke, wohl jeder unter uns war schon mal so richtig verliebt. Wenn Sie sich da zurückerinnern, dann wissen Sie wahrscheinlich noch:
Man sucht die Nähe des anderen.
Man möchte die ganze Zeit mit ihm zusammen sein.
Man möchte alles Böse und Schlimme von ihm abhalten.
Man möchte im jeden Wunsch von den Augen oder den Lippen ablesen.
Wer richtig verliebt ist, der will nicht dem anderen etwas Böses tun. Er will nur das Gute. Ebenso ist es mit dem Gesetz Christ: Wer Gott richtig liebt und wer seinen Mitmenschen richtig liebt, der wird nichts gegen sie tun wollen. Er wird so leben wollen, dass es Gott und den Mitmenschen gefällt. Und damit erfüllt er das Gesetz Christi, denke ich.
Der andere Satz, der mir bei Paulus aufgefallen ist, lautet: „Was der Mensch sät, das wird er ernten!“ Ich verstehe es als Erläuterung zum Gesetz Christi. Es leuchtet ein, weil wir diese Erfahrung schon gemacht haben. Wer immerzu andere Menschen anpöbelt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn zurückgepöbelt wird. Wer dagegen immer freundlich ist, der wird auch freundlich behandelt. „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es wieder heraus“ – heißt ein Sprichwort. Oder eben: „Was der Mensch sät, das wird er ernten!“

Wie werde ich vor Gott gerecht? Reicht es, das Gesetz Christi zu erfüllen? Oder ist meine Aussaat hier auf Erden nicht so gut, dass die Ernte im Himmel gut ausfallen wird?
Ich glaube, dass es reicht, wenn wir uns darum bemühen, das Gesetz Christi zu erfüllen. In allem anderen verlasse ich mich auf Christus. Durch sein Sterben und Auferstehen hat er für meine Fehler gebüßt, damit ich lebe; daran glaube ich und das bekenne ich.

Liebe Gemeinde,
ganz so schlimm ist der Predigttext dann doch nicht. Ich muss nicht hunderttausend Gebote erfüllen, muss auch nicht unzählige Ermahnungen, Vorschriften und Verbote einhalten. Sondern darf mich an den Auferstandenen halten, an Christus und sein Gesetz. Darf ihm vertrauen und hoffen. Denn ich weiß: Durch ihn werde ich vor Gott gerecht!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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