Wunder tun wie Petrus kann ich nicht, aber Gold und Silber habe ich

Liebe Gemeindeglieder,

Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir.

Das ist einer der Spitzensätze aus unserem heutigen Predigttext, der uns an die „Schöne Pforte“ des Tempels in Jerusalem führt, von der wir soeben gesungen haben. (EG 166)
Nur kurze Zeit nach den Pfingstereignissen spielt dieser Text. Mit der Erfahrung, dass Jesus mit seinem Geist weiter bei ihnen ist, gehen die Jünger Petrus und Johannes in den Tempel zum Beten.
Aufgeschrieben ist das in der Apostelgeschichte.

Verlesen des Textes

Der erste große Auftritt von Petrus und Johannes im Tempel wird eingeleitet durch dieses erstaunliche Wunder. Der seit Geburt Gelähmte lernt nicht mühsam gehen, sondern läuft herum und springt umher. Wobei diese Formulierung sicher kein Zufall ist, sondern eine Erinnerung an Jesaja wo es mit Blick auf das nahende Gottesreich heißt: „Dann springt der Lahme wie ein Hirsch“ (Jes35,7).

Nach dem Wunder folgen die beiden Jünger dann dem Geheilten in den Tempel und halten dort eine große Predigt: Was staunt ihr über diese Tat? Viel Größeres hat Gott getan. Er hat Jesus von den Toten auferweckt. Und Jesus ist es, in dessen Namen wir heilen, nicht wir selbst. Er wirkt weiter unter uns.

Das war die entscheidende Botschaft: Er wirkt weiter unter uns.

Was es mit diesem Wunder an sich auf sich hat, wissen wir nicht. Die Apostelgeschichte erzählt davon, dass bei den ersten Christen viele Wunder geschehen sind. Ob dieses besonders ausgeschmückt wurde, ob der Fisch dabei wie beim Anglerlatein immer etwas größer wurde, wir wissen es nicht. Die Menschen hatten früher mit Wundern auch nicht die Schwierigkeiten, die wir heute damit haben. Wundertaten wurden von ganz vielen Menschen berichtet.

Fest aber steht, dass die Jünger gespürt haben, „Jesus ist weiter unter uns und durch uns wirksam.“ Für diese Überzeugung haben sie sich auspeitschen lassen. Sie sind lieber ins Gefängnis gegangen, als dem Befehl nachzukommen, von Jesus zu schweigen. So schreibt die Apostelgeschichte dann weiter. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Egal nun, wie es sich mit dem damaligen Wunder verhält, wir müssen heute damit leben, dass wir solche Wunder nicht vollbringen können.

Ich weiß noch, wie wir während der Pfarrerausbildung geschmunzelt haben, als jemand von einem seiner ersten Gottesdienste humorvoll berichtete, das nachher sogar ein Krückstock an der Kirchenbank hängen geblieben sei. „Ein Heilungswunder“ habe der Finder gesagt, als er ihm den Stock zeigte.

Aber selbst, wenn eine betagte Dame sich nur durch den Gottesdienst so beschwingt gefühlt hat, dass sie ganz vergessen hat, ihren Gehstock mitzunehmen, so ist das doch schon ein schönes Zeichen.

Und im Übrigen sind wir nicht die ersten, denen es so geht.

Schon als der sehr weltlich gesonnene Papst Leo X. um 1500 einem Gesandten stolz seine Schätze zeigte und lächelnd sagte: „Sie sehen, wir können nicht mehr ganz so wie unsere Vorgänger sagen: Silber und Gold habe ich nicht“, da antwortete der Besucher: „Man kann nicht alles haben. Eure Heiligkeit können darum jetzt auch nicht mehr … zum Lahmen sagen: Im Namen Jesu, stehe auf und wandle“. (nach Predigstudien 1999, S. 129)

Und damit kommen wir zu uns.

Der Text ist ja nicht geschrieben, um uns zu frustrieren, weil wir heute solche Wunder nicht fertig bringen.
Erst recht nicht, damit die einen Christen den anderen ihren Glauben absprechen, wenn sie so ein Wunder nicht wörtlich verstehen.

Vielmehr geht es auch hier um unseren Glauben; darum, was Glauben nach evangelischer Überzeugung ist: Der Wunsch, unser Leben im Vertrauen auf das Dasein Gottes zu leben und zwar so, wie es Jesus gelehrt und vorgelebt hat.

Das ist die wirkliche Herausforderung hinter diesem Text.

Und was sagen wir dann, wenn wir sozusagen am Eingang der schönen Pforte auf den Bettler treffen?

Ich könnte nur ehrlich antworten:

Wunder tun wie Petrus kann ich nicht, aber Gold und Silber habe ich.

Verdrehte Welt – aber unsere Welt.
Schwer wird es dann mit Teil zwei der Antwort:
Und was ich hab, das gebe ich Dir: Im Namen Jesu: Hier hast du …

Und schon stehen wir nicht mehr vor der bequemen theoretischen Frage nach den Wundern der Bibel, sondern stehen mitten vor der wirklichen Frage nach unserem Lebensstil, wie wir heute im 21. Jahrhundert unser Leben im Glauben führen wollen.
Als heutige Zeugen der Hoffnung, von der wir auch in der Schriftlesung bei Jesaja gehört haben: Dass das verdorrte Land grün wird, das die Notleidenden Rettung erfahren und dass das Unrecht auf der Erde ein Ende hat.

Wunder tun wie Petrus kann ich nicht, aber Gold und Silber habe ich.

Dabei sind unsere Herausforderung nicht primär bettelnde Menschen. Da hilft die einmalige Gabe nur wenig und ist auch nicht immer sinnvoll.

Es geht umfassender darum zu schauen, was habe ich und wie gehe ich damit um angesichts der Not und der Notwendigkeiten in der Welt. Handeln – wie Petrus, nicht Augen zu und durch, sondern stehen bleiben und richtig hinsehen. Und sich besinnen, auf das, was Gott mir zur Verfügung gestellt hat.

Wunder tun wie Petrus kann ich nicht, aber viele von uns haben mehr Geld, als sie unbedingt brauchen.

Warum also nicht den teureren Kaffe, Wein oder Schokolade aus dem EineWeltKiosk kaufen, so dass die Bauern von ihrer Ernte auch wirklich leben können?
Warum nicht mehr Bio kaufen für bessere Anbaubedingungen und weniger Fleisch essen für bessere Tierhaltung?
Sie mögen andere konkrete Beispiele kennen.

Andere haben wirklich nicht so viel Geld, aber vielleicht Zeit.

Es geht um die Frage: Wie will ich mein Leben vor Gott leben, wo ich doch an Gott glaube, der Gerechtigkeit will für jeden Menschen?

Wunder tun wie Petrus kann ich nicht, aber ich habe … ich kann …

Und dann,
wenn das klar ist,
dann kann ich doch noch einmal schauen, wie es mit Wundern in meinem Leben ist.

Dabei fällt uns vielleicht nichts ein im Sinne so eines übernatürlichen Wunders,
aber doch Dinge, die wir zutiefst als Wunder begreifen.

Im persönlichen Bereich: Die Geburt unseres Kindes, Neuanfänge nach Scheitern, Situationen, wo nichts mehr zu gehen schien.

Und ebenso im Politischen: Die Überwindung des Wettrüstens zwischen West und Ost, der Mauerfall, Menschen, die ihre Diktatoren vertreiben können.

Vielleicht fallen ihnen bei der folgenden Musik eigene Beispiele ein.

Erfahrungen, die ihnen Mut machen, noch einmal mehr im Vertrauen auf Gott zu leben.

Amen.

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