Von Tag zu Tag

Es ist sechs morgens. Unbarmherzig, zumindest hartnäckig wie an jedem Morgen in der Woche, klingelt der Wecker. Es ist Zeit aufzustehen, unter die Dusche zu schlüpfen, sich anzuziehen, den Kaffee aufzusetzen und die Tageszeitung aus dem Briefkasten zu holen! Die Tage sind verwechselbar, sie haben alle den gleichen Start, das gleiche Programm am Morgen, egal, was der Rest des Tages an Terminen vorhält. Aber das ist gut so. Dann muss ich noch nicht gleich nach dem Aufstehen so genau überlegen, was zu tun ist, kann mich erst langsam in den Tag hineinfinden und mit der Zeit wach und aufmerksam werden. Morgens läuft zunächst alles in ganz geregelten Bahnen, hat seine eigene, alltägliche Dramaturgie oder eine Liturgie des Alltages, die mir vertraut ist und die sich ständig wiederholt und in der neben Kaffee und Zeitung auch Losung und Lehrtext ihren Ort haben. Vielleicht kommt ihnen das ja auch bekannt vor!

Szenenwechsel, ein anderer Ort, eine andere Zeit.

Seit Jahren schon wird er jeden Tag zum Tempel an die schöne Pforte gebracht, verbringt dort den Tag in der Hoffnung auf Almosen der Pilger und Tempelbesucher, und wird abends wieder nach Hause gebracht.
Ich kenne seinen Namen nicht, ich weiß nicht, was in ihm vorgeht.
Wahrscheinlich hat er sich mit seiner Situation abgefunden. Von Geburt an, so wird berichtet, ist er gelähmt, konnte nie auf eigenen Beinen stehen. Er hat sich nicht nur damit abgefunden, sondern notwendigerweise auch eingerichtet in seinem Leben, gegen das zu protestieren doch keine wirkliche, realistische Aussicht auf Erfolg hat. Im Laufe der Zeit hat er seine Helfer gefunden, und kennen auch die Tempelbesucher seine Gestalt, und werfen ihm eine kleine Münze im Vorübergehen hin. Zum Überleben zumindest reicht es.
Er beklagt sich nicht oder nicht mehr,
er lebt,
Tag für Tag,
ohne Überraschung, immer im gleichen Rhythmus, nach der gleichen Ordnung.
Irgendwo ganz tief im Herzen allerdings wird es einen Winkel geben, in dem doch gegen allen Augenschein Hoffnung ist, dass es auch ganz anders sein könnte: Heilung, Leben, ohne auf andere angewiesen zu sein, Zukunft ohne Sorgen um das morgige Auskommen, was für ein Traum!
Kann man denn ganz ohne Hoffnung leben, muss man nicht zumindest die Hoffnung haben, der eigenen Krankheit Einhalt gebieten oder immer noch einige Schritte voraus sein, ihr und ihrem bedrohlichen Ausgang etwas Zeit abringen zu können?
Im Gleichmaß der Tage, im vertrauten Rahmen kann er, der Unbekannte, sich geborgen fühlen. Und die vage Hoffnung schenkt die Kraft, in der ewigen Wiederkehr des Gleichen nicht zu verzweifeln und unterzugehen.

Aber da kommen noch andere in den Blick.

Auch ihre Schritte verlaufen in ganz gewohnten, stets wiederkehrenden Bahnen. Morgens und abends geht es in den Tempel, wie es die Tradition und das Gesetz vorschreiben und die beiden es wohl auch gewohnt sind.
Sie sind Juden von der Abstammung und im Gesetz aufgewachsen, sie leben die Bräuche der Vorfahren ganz selbstverständlich ohne sie in Frage zu stellen, warum auch?
Vielleicht kann man sie im besten Sinne des Wortes fromm nennen. Sie leben ihren Glauben nach innen und nach außen, für sich und ihre Gottesbeziehung und für ihren Nächsten, der womöglich ihre Hilfe braucht: Leiturgia und Diakonia – Gottesdienst und Nächstenliebe.
Ohne alle Scheu diesem überkommenen Begriff gegenüber: sie sind fromm!
Der Besuch im Tempel, das tägliche Gebet und Opfer, mögen ganz viel Gewohnheit sein, sind aber auch ein Bedürfnis, Sehnsucht nach diesem Ort und dieser Zeit im Rhythmus des Tages.
Wenn Lukas davon berichtet, ihre Schritte dorthin lenkt, geschieht dies nicht zufällig, als literarischer Kunstgriff, damit die Wege sich für das noch größere Wunder kreuzen.
Diese Notizen am Rande von den alltäglichen Ritualen und Liturgien haben für sich eine eigene tiefe Bedeutung.
Die Liturgien des Alltags geben uns nicht nur Halt und helfen uns durch die Tage, sie ermöglichen auch Räume, sich fallenzulassen, aus der allerhöchsten Anspannung der Aufgaben herauszukommen, um nicht immer nur funktionieren und Erwartungen erfüllen zu müssen. Sie konzentrieren Aufmerksamkeit auf das Wesentliche und Wichtige auch außerhalb meiner eigenen Person oder Befindlichkeit.
Sie helfen den Hoffnungsarmen, beinahe schon Hoffnungslosen, ihr Leben dennoch zu bewältigen und die Kraft des kleinen Funken im Herzenswinkel doch noch am Leben zu erhalten.
Tadele bitte keiner die Frommen, die religiösen Alltagstäter, die Gewohnheitsbeter, die ihr Leben lang nicht anders geglaubt oder gebetet haben als sie es einmal gelernt oder das erste Mal erlebt haben.
Lächele bitte keiner über die Orte, an denen Menschen sich dem Himmel ein Stück näher fühlen wie an einer schönen Pforte. Gibt es denn einen größeren Schatz als diese Orte, die uns zur Himmelspforte werden?
Die Liturgien und Drehbücher des Alltags sind oft ganz alltägliche Dinge, die wir tun, die uns begegnen und Überraschendes ermöglichen können.
Die Liturgien und Drehbücher des Alltags sind Ausdruck einer alltäglichen Spiritualität, die immer und immer wieder Raum für Begegnungen mit Gott und Mensch schaffen.
Sie übersetzen die Feiern und Feste des Glaubens – damals vom Schabbat, für uns heute vom Sonntag, vom Gottesdienst – in den Alltag, machen auch den Glauben so lebbar und im Miteinander und Füreinander erfahrbar Tag für Tag, alltäglich. Gott hat seinen Geist, berichtet Lukas in der Pfingstgeschichte über alles Fleisch, also über den ganzen Menschen, ausgegossen.
Und so leben wir Glauben hoffentlich auch, sind mit Haut und Haar Christenmenschen oder bleiben zumindest Gottes- und Nächstensucher.
Jürgen Moltmann, den ich sehr schätze und so manche Einsicht verdanke, spricht von einer Spiritualität der Sinne: nach innen gekehrt eine Herzensfrömmigkeit, die Gott Wohnung nehmen lässt und zugleich nach außen hin eine aufmerksame, allen geltende Weltzugewandheit.
Wenn Gottes Wort Mensch geworden ist, dann will es nicht nur das Ohr erreichen, sondern will gefühlt, empfunden, geschmeckt, gesehen, gerochen und geteilt werden, damit wir eine Ahnung von der Tiefe und der Wahrheit und dem Reichtum des Evangeliums bekommen. Der Alltag ist voller Möglichkeiten, Gott zu begegnen, seine Häuser sind Räume, die sich und uns für ihn öffnen, wo wir ihn mit allen Sinnen wahrnehmen und in die Welt tragen.

Mit einem Mal passieren wundersame Dinge, die keiner für möglich gehalten hätte, jetzt kreuzen sich Wege, begegnen sich Menschen und so verändert sich Leben.

Auch das ist kein Zufall, keine schriftstellerische Raffinesse, sondern geistliche Wahrheit.
Es geschieht nicht mit Silber und Gold, auch wenn es sich damit sorgloser leben ließe, aber Garantie für ein Leben, wie es auch sein kann, ist dies ja auch noch lange nicht!
Die Auferstehung des Gelähmten mitten im Leben hängt an der Begegnung und Berührung, die ihn auf die eigenen Beine stellt, und zwar im Namen und in der Vollmacht Jesu Christi. Und wird zum Sinnbild wahrer Hilfe zum Leben, zum eigentlichen diakonischen Leitbild, um nichts anderes geht es vorrangig, als soweit als möglich auf die eigenen Beine zu kommen und auf den eigenen Beinen zu stehen.
Der eigentliche Schatz, der hier geteilt und verschenkt wird, scheint mir darin zu liegen, in Eigenverantwortung durch das Leben gehen zu können und sich dabei immer berührt, eingehüllt, getragen und geborgen zu wissen vom Namen, von der Wirklichkeit und Gegenwart Jesu Christi. Dieser Schatz, den wir ja als Kirche den unseren nennen dürfen, ist krisenfest und vor allem kirchensteueraufkommenunabhängig und gehört uns niemals allein, sondern muss verschenkt werden, damit er Bestand haben kann oder sich gar vermehrt.
Und wie reich sind wir erst, wenn wir neben dem Namen und der Gegenwart Jesu Christi auch noch Silber und Gold haben, mit denen wir das alltägliche Leben von Menschen gestalten und begleiten, Gotteshäuser und Begegnungsorte öffnen, Gottes Wort unter Menschen bringen, Kranken und Verzweifelten, Einsamen und Heimatlosen die Hoffnung nähren und , wo Gott es will und möglich macht, Heilung ermöglichen oder Hunger stillen können!
Hand aufs Herz: ist unser gemeinsames Leben hier in der uns anvertrauten Landschaft unseres Kirchenkreises nicht so begnadet? Unser Leben mit anrührenden und das Herz stärkenden Gottesdiensten und der Sendung unter die Menschen, die das Evangelium in Wort und Tat erreichen will? Den Fröhlichen und Starken ebenso wie den Kranken, Einsamen, Zuflucht- und Hilfe suchenden. Mit Jürgen Moltmann:
„Wir beten und danken, um zu erwachen und alle unsere Sinne für die Welt Gottes zu öffnen. Im Beten erwachen wir für die Welt, wie sie vor Gott in ihren Höhen und Tiefen offenbar ist. Wir vernehmen das Seufzen der Kreatur ums uns herum und hören die Schreie der verstummten Opfer. Wir hören den Lobgesang des blühenden Frühlings und spüren die göttliche Liebe zu allem Lebendigen. So erweckt das Gottesgebet alle unsere Sinne und bringt große Wachheit in unseren Geist.“ (S.79, So komm, dass wir das Offene schauen).
Das schenke uns der allmächtige und barmherzige Gott Amen

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