Ich steh mit leeren Händen da…

Mensch, die Jahre vergehen wie im Flug.
Eben noch haben wir den Jahresanfang gefeiert und sehnsüchtig oder bange auf dieses Jahr geschaut, übrigens wie jedes Jahr um den Jahreswechsel herum, und heute feiern wir schon wieder Sommerfest und die Wochen des Sommerurlaubes liegen hinter den meisten und es dauert gar nicht mehr lange bis…
Ach lieber nicht.
Die Schnelllebigkeit nicht nur unsere Zeit,
die Flüchtigkeit der Jahre kann einen schon erschrecken oder zumindest verwundern.
Was ist eigentlich das besondere an diesen merkwürdigen Daten, die doch eigentlich ganz willkürlich gesetzt sind: ein Tag, ein Tag geht. Das geschieht im Durchschnitt doch ungefähr 29200 mal, wenn ein Leben 80 Jahre währt und ich die Schaltjahre einmal nicht mitzähle.
Zeit vergeht und ich kann sie nicht festhalten.
Das ist wohl die eine Merkwürdigkeit, die uns tief im Innern eigentlich gegen den Strich geht. Denn eigentlich sind wir Menschen so gestrickt, dass wir alles gerne im Blick und vor allem gerne in der Hand behalten. Aber meine Lebenszeit habe ich eben nicht in der Hand.
Ich kann mich bemühen, mich gesund und vernünftig zu ernähren…., wenn denn die Zeit danach ist, was erfahrungsgemäß nicht auf alle Zeiten zutrifft. Nach dem Krieg war nicht die Frage, ob gesund und ausgewogen oder nicht, sondern ob es satt macht und bis zum nächsten Tag reicht oder nicht.
Ich kann versuchen mich ausreichend zu bewegen, wenn nicht die Arbeit in meinem Leben am Ende eh schon zu sehr auf die Knochen gegangen ist und sie müde geworden bloß noch Ruhe wollen.
Aber wirklich meinem Leben etwas hinzufügen kann ich nicht.
Ich kann versuchen rechtschaffen und redlich durch das Leben zu kommen, aber auch da gilt, sofern die Umstände es wirklich zu lassen.
Da können sie ihren Enkeln bestimmt eine Menge erzählen aus einer Zeit, die wie aus einer anderen Welt klingt und auch eine andere Welt war, weil sich die Welt noch nie so schnell verändert hat, wie in den letzten Jahren und Jahrzehnten, obwohl sie sich immer noch genauso schnell oder langsam dreht wie bei unseren Vorfahren.
Die Zeit ist ein merkwürdiges Ding, sie verfliegt, sie liegt nicht in unserer Hand, sie ist mit einem Mal vergangen und jeder und jede kommt irgendwann an den Zeitpunkt, wo er nicht länger drum herum kommt, festzustellen, dass sie nun wirklich vergangen ist.
Kommt ein Urlaub an das Ende, kann ich mich lange Zeit im Leben darauf freuen, dass aller Voraussicht nach der nächste bestimmt kommt und es eigentlich auch gar nicht so lange dauert bis dahin, weil mich die Aufgaben des Alltages die Zeit ganz schnell vergessen lassen.
Ich gestehe gerne zu, dass sich die Ferien oft weiter weg anfühlen, aber das ist vor allem eine altersbedingte Wahrnehmung, die auch für Geburtstage zu trifft, nach der Geburtstage schneller kommen und vergehen, je älter man wird, und je weniger man sich wünscht, dass schon wieder Geburtstag und man selbst ein weiteres Jahr älter sei.
Nein die Zeit ist ein merkwürdiges Ding und jeder kommt an einen Zeitpunkt, wo sie ihm in besonderer Weise zu denken und aufzumerken gibt.
Es kommt der Zeitpunkt der Lebensbilanz:
Was hast du getan?
Was hast du geschafft?
Was hat eigentlich Bestand?
Auf den ersten und zweiten Blick durchaus unangenehme Fragen…
Was mache ich denn, wenn es heißt: erschreckend wenig!
Ich kann ja irgendwann überhaupt nichts mehr daran ändern.
Das muss ein furchtbar erschreckender Augenblick auch größter Ohnmacht im Leben sein, wenn ein Mensch mit solch einer Wahrheit sich konfrontiert sieht oder wenn einer einem so etwas ins Lebensstammbuch schreibt unabhängig davon, ob diese Wahrheit überhaupt zutrifft.
Manche beruhigen sich mit ihrem persönlichen Fazit: du bist doch ganz anständig geblieben in deinem Leben, warst fleißig und zuverlässig und hast dir nicht wirklich etwas zu Schulden lassen kommen.
Ich glaube das sofort.
Glücklicherweise können das die meisten von sich sagen und wahrscheinlich wäre unsere Welt in einem anderen Fall auch unerträglich und völlig aus den Fugen geraten.
Wie dem auch sei: Lebensbilanzen haben etwas unglaublich endgültiges und unwiederbringliches.
Die einen schämen sich still, die andren triumphieren lauthals…

Und der Apostel Paulus würde zu beiden sagen und das ist eine erstaunliche und noch merkwürdigere Denkweise als alles Empfinden im Umgang mit der Zeit:
Darauf kommt es überhaupt nicht an.
Wenn ihr am Ende allein mit dem dasteht, was ihr selbst euch im Leben erarbeitet oder verdient habt, im positiven oder im negativen, dann seid ihr arm dran, weil ihr eigentlich alle vor Gott nicht wirklich etwas vorzuweisen habt.
Kann ich denn wirklich die kleinen Schwindeleien und Mogeleien im Leben leichter unter den Tisch fallen lassen als die großen Betrügereien, wie wir es uns gerne vormachen?
Auf das, was wir in den Händen halten kommt es überhaupt nicht an –
Und ehe jetzt alle enttäuscht sind, die so stolz auf ihrer Hände Werk sind, schiebe ich hinterher, Gott sei Dank!
Weil es etwas viel größeres und wunderbareres gibt.
Gottes liebendes und freundliches Herz, mit dem er uns Zeit unseres Lebens und erst recht am Ende anschaut.
Wir sind reich, weil wir so fleißig sind, sondern weil Gott uns die Hände füllt.
Wir können erhobenen Hauptes durch das Leben gehen, nicht weil wir uns so verdient gemacht haben um alles und jeden, sondern weil Gott uns liebevoll ansieht und wir so echtes, tiefes, beständiges Ansehen haben.
Paulus hat das Rechtfertigung aus Glauben genannt.
Wir sind recht, nicht wir alles allen recht gemacht haben, sondern weil wir Gott recht sind. Deswegen muss er nicht mit all unseren Rechthabereien einverstanden sein.
Aber wir müssen es ihm auch nicht erst recht machen, damit er uns liebt, sondern weil er uns liebt, fällt es uns viel leichter seinen Ansprüchen zu genügen oder es einfach immer wieder aufs Neue zu versuchen.
Also keine Bange vor der Lebensbilanz.
Gott füllt unsere Hände um Christi willen.
Mit ihm schenkt er uns den größten Schatz im Leben, den ich mir für kein Gold der Welt kaufen kann, der mehr wert ist als jedes Leben, der vor allem, und das ist das letztgültige, nicht vergänglich ist, sondern Ewigkeitswert hat und damit eine Ewigkeit hält, denn die will Gott uns schenken. So ist es in seinen Augen recht, und so macht er es uns recht, lange ehe wir ihm irgendetwas recht machen müssen oder gar können.
Glaube heißt dieses Geschenk nicht erst am Ende zaghaft in die Hände nehmen, sondern heute schon mit vollen Händen und Gottes liebevollem Blick durch das Leben gehen und Gott im Auf und Ab des Lebens nicht aus den Augen zu verlieren. So lebt es sich ganz anders! Amen

drucken