Was macht einen Menschen zum Christenmenschen

Am Anfang stand die Frage: Wie wird ein Mensch eigentlich zum Christenmensch? Was muss ich tun, damit ich ein Christ werde?
Die Frage ist eigentlich einfach und die Antwort ist in einem einzigen Wort zusammenzufassen: Taufe!

So kennen wir das heute und so war es eigentlich auch schon immer. Schon in frühesten Zeiten musste man erst mal getauft sein, um dazuzugehören.
Aber so selbstverständlich das heute auch ist – es war nicht immer so klar. Der erste der letztendlich die Taufe zum Eintrittsportal des Christentums gemacht hat, war Paulus. Auch wenn er das so nicht gesagt hat, es ergibt sich aus dem, was er gelehrt hat. In der Taufe wird aus einem Mensch ein Christenmensch – und nur in der Taufe und durch nichts anderes als die Taufe.

Heute geht’s um einen Kern des christlichen Glau­bens. Und dazu tauchen wir tief in die Anfänge unseres Glaubens und unserer Kirche ein. Wir machen eine Reise in die Vergangenheit in die Zeit des Apostels Paulus.

Es war in der Mitte des 1. Jahrhunderts. Einige wenige Jahrzehnte nachdem in Jerusalem Jesus Christus am Kreuz gestorben war. Aber er ist nicht im Tod geblieben. Am dritten Tag nach seinem Tod war den Frauen am Grab erschienen. Maria aus Magdala hatte ihn gesehen und mit ihm gesprochen, hatte ihn aber fast nicht erkannt. Auch viele der Jünger Jesu, die mit ihm zu seinen Lebzeiten durch das Land gezogen waren und an seinen Lippen gehangen hatten, hatten ihn gesehen.
Nach und nach hatten auch immer mehr Menschen angefangen an ihn zu glauben, an seine Auferstehung und daran, dass er der Erlöser, der Messias, der Sohn Gottes sei.

Zunächst hatte sich das alles in Jerusalem und der Umgebung abgespielt. Und dementsprechend waren die meisten Menschen, die an Jesus glaubten Jüdinnen und Juden. Und unter den Juden hatte sich der neue Glaube ausgebreitet. Juden gab es nicht nur in Palästina, sondern im ganzen Mittelmehrraum im ganzen römischen Reich. Dort waren sie oft eine kleine Minderheit und lebten unter Griechen und Römern und vielen anderen Völkern. Und unter dieser Minderheit waren die christusgläubigen Juden noch mal eine Minderheit.

Einer von diesen war Paulus. Zunächst hatte er als frommer Jude noch versucht, die Umtriebe der Christusgläubigen zu bekämpfen, aber dann war auch ihm der Auferstandene erschienen und er war zum christusgläubigen Juden geworden – eines weiteres Mitglied der Minderheit in der Minderheit.
Diese Minderheit unterschied sich von den anderen Jüdinnen und Juden aber darin, dass sie ihren neuen Glauben nicht nur für sich lebten, sondern alle Welt daran teilhaben lassen wollte.

So kam es, dass auch Menschen christusgläubig wur­den, die zuvor keine Juden waren, sondern zumeist Griechen. Paulus, der seinen Glauben voller Überzeu­gung lebte und verbreitete, machte in seinen Schriften und sicherlich auch in seinen Predigten klar, dass das absolut richtig so sei. Wer christusgläubig geworden sei, müsse nur seinen Glauben bekennen und sich tau­fen lassen. Er müsse aber nicht die jüdischen Gesetze für sein Leben übernehmen, denn er war zwar chris­tusgläubig aber eben kein Jude. Und die jüdischen Gesetze, die Gesetze der Thora, der fünf Bücher Mose sein nur für Jüdinnen und Juden gedacht. Aber alle, die an Christus glauben, sind in diesem Glauben vereinigt zu einer neuen Glaubensgemeinschaft. Und in dieser Gemeinschaft zählt eben nur der Glaube an Jesus Christus.

So weit, so gut. Das klingt alles gut, aber es war nicht so, dass alle christusgläubigen Menschen Paulus‘ Meinung teilten. Im Gegenteil. Die christusgläubigen Juden waren ganz anderer Meinung. Schließlich waren sie alle mit den jüdischen Gesetzen und Traditionen aufgewachsen: Die Beschneidung war für sie so selbstverständlich, wie für uns die Taufe; die Bar-Mizwa so normal, wie für uns heute die Konfir­mation; Schweinefleisch war für sie so eklig, wie für uns Heuschrecken; und die Feier des Schabbat gehörte für sie zum Leben wie für andere der Sonntagsbraten. Und dass alles sollte für die christusgläubigen Grie­chen nicht gelten?!? Mit diesen unbeschnittenen Schweinefleischessern sollte man eine Gemeinschaft bilden?!? Das kam überhaupt nicht in Frage. Schließ­lich war auch Jesus Christus Jude: er war beschnitten, aß kein Schweinefleisch und feierte den Schabbat, selbst wenn er an diesem Tag auch Menschen heilte. Wer also dazugehören wollte, musste eigentlich vorher Jude werden.

Übrigens: Das alles gehört nicht in eine ferne Zeit. Hier geht es nicht nur um religiöse Regeln, sondern um tief im kulturellen Empfinden verwurzelte Tradi­tionen. Unsere christlichen Brüder und Schwestern in Indien – die Mitglieder unserer Partnergemeinden in der Tamilkirche – essen z.B. auch kein Rind, obwohl sie es vom christlichen Glauben her dürften. Aber Tatsache, dass man eben kein Rind isst, ist so tief im Bewusstsein der Menschen verankert, dass sie eben kein Rind essen. Und die meisten auch kein Schwein.

Paulus wischte diese Argumente aber mehr oder weniger beiseite und seine Position, dass allein der Glaube und die Taufe einen christusgläubigen Men­schen auch zu einem Christenmenschen machte, setzte sich immer mehr durch. Aber dann geschah etwas bedeutendes:

Niemand geringeres als Petrus, der „Oberjünger“, beging einen absoluten Fauxpas: Es war Mitte des 1. Jahrhunderts. Es war in Antiochia in der Nähe des heutigen Antalya.
Dort gab es eine der größten christusgläubigen Ge­meinden der damaligen Zeit. Mit Sicherheit aber war es die Gemeinde mit den meisten christusgläubigen Griechen. Nicht nur Paulus auch Petrus war auf Reisen gegangen und besuchte Gemeinden, predigte und taufte. So tat er es auch in Antiochia. Er feiert mit den Menschen dort Gottesdienste, d.h. es wurde aus den Schriften des Alten Testaments gelesen und es wurde von Jesu erzählt und es wurde miteinander gegessen und Abendmahl gefeiert.
Petrus war dabei und feierte mit den Menschen dort – mit christusgläubigen Juden und christusgläubigen Griechen, die sich an die jüdischen Speisegebote nicht halten mussten.

Dann kamen weitere Reisende nach Antiochia. Christusgläubige Juden aus Jerusalem. Jakobus und andere der noch lebenden Jünger Jesu. Christusgläu­big waren sie, oh ja. Aber eben auch überzeugte Juden, die die Thora sehr ernst nahmen. Und plötzlich war von Petrus nichts mehr zu sehen. Jedenfalls hielt er sich von den gemeinsamen Mahlzeiten und den Mahlfeiern fern. Ging auf Distanz zu denen, die sich nicht an die Gebote hielten – den christusgläubigen Griechen.
Mit anderen Worten: Petrus spielte ein doppeltes Spiel.

Und Paulus? Der hörte davon und es packte ihn die Wut. Was fiel diesem Petrus nur ein? Wie konnte er sich nur so verhalten? Erst scheint es so, als würde er Paulus‘ Auffassung teilen, teilt das Brot mit den Griechen, aber dann kann er seine jüdischen Wurzeln doch nicht ablegen und schwenkt auf die Linie der Jerusalemer Gemeinde um.
Und als Paulus dann noch hört, dass auch in Galatien, in der heutigen Zentraltürkei, christusgläubige Juden aufgetaucht sind um in den Gemeinden dort, in denen es so gut wie keine Juden gibt, von den Gesetzen der Thora und der Beschneiden zu reden, schreibt er einen Brief. Und niemals zuvor hat Paulus so scharf formuliert, ist niemals zuvor so polemisch geworden.
"Wenn du, Paulus, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben?" (Gal 2,14), so schreibt er.

Warum reagiert er so energisch? Warum scheut er nicht davor zurück selbst Petrus anzugreifen, den sicherlich bedeutendsten Jünger Jesu?
Zum einen sicherlich, weil Petrus schon einmal durch seinen Wankelmut aufgefallen ist. Damals in der Nacht als Jesus verraten wurde und er dreimal geleugnet hat, Jesus zu kennen.
Zum anderen geht es aber darum, dass Paulus hier den Kern des Glaubens bedroht sieht. Ein Mensch wird ein Christenmensch, weil der an Jesus Christus glaubt und weil er getauft ist. Das allein macht einen Chris­tenmenschen aus – nicht mehr und nicht weniger! Und dass wir glauben und dass wir getauft sind – das ist ein Geschenk Gottes.

Die Gesetze der Thora sind für Christenmenschen nicht bedeutungslos, denn sie zeigen uns, wie wir miteinander umgehen sollen und wie wir mit Gott umgehen sollen. Sie sind eine wichtige Richtschnur für das Leben. Aber wer wir sind und was wir sind, dass können wir nicht daran ablesen, wie gut wie diese Regeln befolgen. Es wird nicht gezählt, wie oft jemand betet oder den Gottesdienst besucht.
Und selbst wenn wir unseren Konfirmanden sagen, sie sollen 35 Unterschriften sammeln – dann fordern wir dies, weil wir möchten, dass sie den Gottesdienst kennenlernen und erfahren, wie Menschen ihren Glauben leben und feiern, nicht weil wir glauben, dass sie dann automatisch bessere Menschen werden. Obwohl ich schon des Überzeugung bin, dass ein Gottesdienstbesuch bisher noch nie geschadet sondern immer nur genutzt hat und wir vielleicht doch ein bisschen bessere Menschen werden.
Es geht um die Ernsthaftigkeit und um die Ehrlichkeit dabei.
Es geht um die Freude, die wir empfinden.
Es geht um den Glauben, den wir spüren.
Es geht um die Liebe, die wir leben
Es geht um die Hoffnung, die wir verbreiten.
Und es geht nicht um Zahlen. Ein inniges Gebet ist allemal besser als hundert einfach so dahingesagte.
Und jeder soll das tun, was in seinen Kräften steht.

Am Anfang stand die Frage: Wie wird ein Mensch eigentlich zum Christenmensch? Was muss ich tun, damit ich ein Christ werde?
Ich muss getauft sein und glauben und muss diesen Glauben leben. Dieser Glaube ist ein Geschenk.
Lasst uns Gott dafür danken, indem wir immer versuchen gute Menschen zu sein.

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