Mehr als peinlich!

Liebe Gemeinde,

schon ein bisschen peinlich, diese Geschichte. Nur ganz groben Klötzen mögen die erotischen Momente im Handeln dieser Frau entgehen. Erotik in einer Jesusgeschichte? Nein So was!

Dem Pharisäer, der Simon heißt, und der hier bei Tisch in seinem eigenen Haus ein vertrautes Gespräch mit Jesus führt, ist das natürlich nicht entgangen. Dass Pharisäer besser sind als ihr Ruf, sehen wir daran, dass Simon nicht gleich die Klappe aufreißt, sondern vornehm schweigt und sich seinen Teil denkt. Unter uns ist das ja leider oft anders.

Aber im Innern wurmt es den Pharisäer, der Simon heißt, doch. Wenn Jesus wirklich ein Prophet, ein Gottesmann wäre, dann wüsste er, wer und was für eine Frau ihn da anfasst; denn sie ist eine Sünderin. Simon zeigt uns, wie Propheten und Gottesmänner nach dem Geschmack von Pharisäern auszusehen haben: Propheten haben zu wissen, wer ein Gerechter und ein Sünder ist. Gottesmänner haben zu wissen, was richtig und falsch ist, angebracht und unpassend, edel und schmutzig. Sie haben zu wissen, mit wem man sich einlassen darf und von wem man sich fernhält. Gottesmänner nach dem Geschmack von Pharisäern sind immer fröhlich auch wenn sie niemals den Ernst einer möglichen Verdammnis vergessen. Auch wenn sie spontan sind haben sie sich immer unter Kontrolle. Und so mag Simon für den Fall, dass er auch ein Vorleben hatte, beim Anblick der Frau still seufzen: Bevor ich zum Glauben kam, war ich auch so unmöglich wie die!

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich mag diesen Simon. Es bringt ja gar nichts, ihn und seine Gedanken zu hassen. Schließlich sitzt Jesus ja nicht nur mit Zachäus, sondern auch mit Simon an einem Tisch. Schließlich ist dieser Pharisäer ja auch ein Teil von mir. Schließlich läuft er mir fast jeden Tag über den Weg und wir reden auf der Straße miteinander, oder beim Essen.

So vieles, was in den letzten Jahren zum Kruzifixurteil des Bundesverfassungsgerichts und anderen angeblichen Angriffen auf die deutsche Leitkultur gesagt und geschrieben wurde, könnte von ihm sein. Denn irgendwann hat seine Toleranz und seine Geduld einmal ein Ende. Irgendwann ist einmal sein kultureller und religiöser Nerv getroffen. Und dann legt er los und verliert aus dem Blick, dass es den unglücklichen Richtern damals doch nur darum ging, die – sicher für viele unverständlichen – Ängste und Gefühle eines einzelnen wahrzunehmen. Die Würde des Menschen und sein Grundrecht auf Freiheit schließt nun einmal auch sein Recht auf die ganz persönliche Dummheit und Ignoranz, den ganz privaten Irrglauben und Irrtum ein. Davon leben wir schließlich alle. Und so mag das Kruzifix im Klassenzimmer hängen bleiben, wenn alle einverstanden sind. Und so mag es in Gottes Namen abgehängt werden, wenn sich da einer vor dem Anblick graust. Und selbst wenn da nur einer ist, der sich wichtig machen möchte gegenüber unserer Kultur oder dem Gekreuzigten und solches Tun für eine Heldentat hält – was hätte Jesus einem solch traurigen Helden zu sagen und was hätte er getan, er der Ohnmächtige und Friedfertige? Nein, um seine Präsenz aus Prinzip in Klassenzimmern kämpft er nicht, sondern um seinen Einzug in Menschenherzen! Und selbst Kultur kann dem Menschen nicht verordnet werden, sondern sie lebt von seinem Einverständnis.

Und darum sitzt Jesus ja auch an einem Tisch mit Simon, dem Pharisäer. Und weiß sehr wohl, was der denkt, auch wenn er vornehm schweigt. Weiß sehr wohl, dass sein Nerv getroffen ist, auch wenn er nichts sagt. Das Verhalten der Frau rührt in Simon mehr an als Fragen nach dem guten Geschmack. Es löst mehr aus als die Frage: So was in meinem Haus, was werden denn die andern dazu sagen? Das Verhalten der Frau ist Simon sozusagen mehr als peinlich. Es trifft genau den Nerv der eigenen religiösen Identität. Es trifft den Nerv der Frage: Wer bin ich vor Gott? Auf welcher Seite stehe ich? Bin ich gut, oder schlecht? Bin ich Gott nah, oder fern? Es zeigt uns Simon als einen bis in die Tiefen seines Glaubens hinein doch nur mit sich selbst beschäftigten Menschen.

Was für ein Verhängnis. Da plagt man sich mit den letzten Fragen ab nach Gott und der Welt. Da führt man vielleicht ein frommes und anständiges Leben, das allerlei soziale und diakonische Wohltaten für andere Menschen aufzuweisen hat. Da ist man vielleicht einer, der weise und überzeugende Reden führen kann, die allgemeinen Beifall finden und manchen auf den rechten Weg bringen – und hat sich doch sein Leben lang mit nichts anderem beschäftigt, als mit sich selbst; – und war doch von nichts anderem angetrieben als von der Angst um sich selbst. Was für ein Verhängnis.

Nicht nur für Pharisäer, nicht nur für Simon, denn wenn ich ehrlich bin, ist er ja auch ein Teil von mir, und ich höre ihn reden aus den Worten von Menschen, mit denen ich lebe. Und doch, was für ein Verhängnis.

Was für ein Verhängnis, nicht loszukommen von der Angst um sich selbst; nicht einmal im Glauben. Was für ein Verhängnis, ein Leben lang unfähig zu bleiben zu wirklicher Zuwendung zu anderen, zur Welt und zu Gott. Denkt einmal nach, ob nicht fast alles, was wir an unserer Welt und unseren Lebensverhältnissen schlecht finden, eben aus dieser Unfähigkeit und aus dieser Angst heraus resultiert und geschieht. Denn die Angst frisst die Seele auf und lässt sie verhungern in ihrem einsamen Kerker. Mit Paulus geseufzt: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen aus diesem Leben, das schon dem Tod gehört? (Vgl. Römer 7/24)

Erlösung, das wäre Entlastung von der Sorge um sich selbst, das wäre die Freiheit sich dahinfahren zu lassen, sich gehen zu lassen. Erlösung, das wäre die Fähigkeit in einem anderen aufzugehen, um sich so neu zu gewinnen.

So wie diese Frau das kann, lieber Simon. Sie ist das Bild eines erlösten Menschen. Und das, was sie weint, sind nicht Tränen der Reue, sind nicht Tränen der Not. Es sind Tränen der Freude. Diese Frau feiert. Diese Frau liebt. Selbstvergessen, endlich sich selbst aus der Hand geglitten. Nicht länger mehr kontrolliert durch die Meinung der anderen und die eigene moralische Nabelschau. Spontan sein, das geht ja nur so. Und Glücklichsein auch. Gott sei Dank.

Und deshalb kann beides nicht befohlen werden. Deshalb kann beides nicht gewollt und hergestellt werden. Deshalb muss man zu beidem erlöst werden. Wie diese Frau. Sie ist der Schuldner im Gleichnis, das Jesus nun Simon erzählt, dem fünfhundert Silbergroschen erlassen wurden. Sie ist die Frau, die Gottes Gnade und Liebe erfahren hat. Darum lieber Simon, hat sie mir so viel Liebe gezeigt. So viel Liebe Gottes im menschlichen, ja erotischen Gewand.

Lassen wir sie doch wie Jesus beieinander, die göttliche und die menschliche Liebe. Denn auch in der menschlichen Liebe brechen die Bande, gewinnt sich das Ich, indem es aufgeht im andern. Und auch das Glück der Gottesgnade teilt nichts anderes mit, nur das dieses Glück auf das Fundament der Ewigkeit gestellt ist. Denn „alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit“. (Friedrich Nietzsche „Also sprach Zarathustra“ Insel Taschenbuch 1977 S.328)

Und dort gehört sie auch nach Gottes Willen hin, die Lust am Leben, die seine Güte schenkt und aus der heraus diese Frau handelt. Keine Konvention und keine Angst kann sie mehr einfangen. Wer so sich selbst entkommen ist, hat gar keine Lust mehr, nun andere auf sich selbst und ihre Sünden festzunageln.

So wie der Pharisäer das tut, der Simon heißt. Der Jesus kein Wasser für die Füße gegeben hat, geschweige denn Tränen. Der Jesus keinen Kuss gegeben hat und kein Parfüm für die Haare. Tja, Simon, sagt Jesus zu ihm, wem wenig vergeben ist, der liebt auch wenig. So mickrig ist und bleibt deine moralische Spitzenexistenz. Armer einsamer intakter Simon. Wie lange willst du dir da in dieser Hinsicht noch etwas vormachen? Ach, Simon, wenn ich ehrlich bin, bist du ein Teil von mir und ich höre dich reden aus den Worten von Menschen, mit denen ich lebe. Aber mich packt der Neid, geht’s euch denn anders, wenn ihr seht, wie diese Frau leben kann in himmlischer Extravaganz und Jesus gibt ihr Recht; Gottes Güte gibt ihr Recht?

Wie sollte ich da Gottes Güte nicht recht geben. Wie solltet ihr da Gottes Güte nicht recht geben? Wie sollten wir da unser Leben dieser Güte und Liebe nicht anvertrauen. Wir dürfen die Angst um uns selbst loslassen, um uns in ihm neu zu finden. Nicht länger festgenagelt auf das Urteil über uns selbst und das Urteil, das andere über uns fällen, sondern als freie Menschen; als freie Menschen deren Leben jede Minute in Gott ruht, in der himmlischen Extravaganz seiner Liebe. Und die lässt sich von niemand was vorschreiben.

Daran erinnert mich das Kruzifix an der Wand. Freilich auch daran, wozu Menschen aus Angst um sich selbst fähig sind: Zum Lügen, Verleumden, Quälen, Foltern und Morden. Z.B. solche wie Simon mit seinem mickrigen Leben und der ist auch ein Teil von mir. Aber ihm gibt das Kruzifix nicht recht, sondern es gibt Gottes Liebe und Gnade recht und allen, die sich ihr anvertrauen.

Drum bleibt mein Kruzifix an der Wand, Simon zum Trotz und in der Hoffnung, dass auch er einmal aufhört, sich und andere festzunageln; den Tanz um sich selbst als Zeitverschwendung aufgibt, und sich doch noch – zum Leben – bekehren lässt.

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