Recht machen oder Recht sein

Liebe Gemeinde,

es ist für heutige Menschen kaum mehr nachvollziehbar, dass diese sperrigen und komplizierten Worte Menschen regelrecht umgeworfen, sogar eine ganze Kirche aus den Angeln gehoben hat. Paulus stürzte damals vor 2000 Jahren vom Pferd, als er genau das anfing zu begreifen, dass nicht sein Handeln, nicht seine Taten, dass überhaupt nicht er selbst seinem Leben Sinn geben kann, sondern allein die bedingungslose Liebe Gottes. Und das hat auch Martin Luther vor 500 Jahren endlich seinen inneren Frieden finden lassen, einen Frieden, der ihn dann aber alle bisher geltenden Ordnungen der Kirche in Frage stellen ließ. Liebe als die umwälzende Macht in der Welt, das war die Entdeckung des Paulus und Luthers.

Hätte es dann Paulus nicht einfacher ausdrücken können? Wäre das Ganze nicht leichter mit dem schlichten Zuspruch der Vergebung zu vermitteln?

Sicher wäre das eine Möglichkeit. Aber der Zuspruch der Vergebung bringt nur eine Seite dieser Botschaft zum Ausdruck. „Sündenvergebung“ hat unsere Schwächen und Fehler im Blick und bedeutet: du brauchst keine Angst vor Versagen, vor Schwäche, vor nicht-mehr- Können haben. Meine Liebe gilt dir trotzdem!

„Rechtfertigung allein aus Glauben“ zielt aber auch noch in eine andere Richtung. Sie hat nicht in erster Linie unsere Unvollkommenheiten im Blick. Sie setzt sich vielmehr mit unseren Stärken auseinander.

Die Worte des Paulus stammen aus einer heftigen Auseinandersetzung: Zwei Apostel geraten da aneinander. Es war in Antiochia, der drittgrößten Stadt des Römischen Reiches. In dieser Großstadt war eine Gemeinde von Jesus-Gläubigen entstanden. Zum ersten Mal in der Geschichte der jungen Jesus-Bewegung gehörten nicht nur Angehörige des jüdischen Volkes, sondern auch Nichtjuden dazu. Diese bunte Zusammensetzung der Christengemeinde wirkte sich auf deren Lebensstil aus. Man war so frei und setzte sich an einen Tisch, aß miteinander. Petrus, der damals gleichzeitig mit Paulus in der Stadt war, nahm zunächst unbekümmert an diesen gemeinsamen Mahlzeiten teil. Doch eines Tages kamen strenggläubige Christen aus Jerusalem. Die nahmen daran Anstoß, dass Christen jüdischer Herkunft ungeniert mit Christen aus anderen Völkern an einem gemeinsamen Tisch saßen. Da war ja kein koscheres Essen mehr! Da wurden die guten heiligen Regeln nicht mehr eingehalten. Auch Petrus bekam nun Skrupel. Er wollte es doch recht machen. War er zu weit gegangen, als er sich mit den nichtjüdischen Christen an einen Tisch gesetzt hatte? Er bekam Angst vor seiner eigenen Courage und zog sich zurück. Eben weil er es recht machen wollte. Weil er ja keinen Fehler machen wollte.

Da stellte Paulus in öffentlich zur Rede und erteilte ihm eine Lektion in Sachen Christsein. Christsein ist noch etwas anderes als „es recht machen wollen“. So weit die Geschichte in Antiochia.

Ist das nur ferne, für den modernen Mensch unverständliche Auseinandersetzung? Ich denke, nicht. Wir kennen das doch auch: man will es recht machen. Auch heute gibt es viele Menschen, die ehrlichen Herzens sagen können: „Ich hab’s doch immer recht machen wollen!“

Natürlich ist es gut, wenn wir uns bemühen, unseren Pflichten gewissenhaft nachzukommen, unsere Aufgaben im beruflichen und im privaten Bereich verantwortungsvoll zu erfüllen. Es ist gut, wenn wir uns an Gebote und Regeln halten, von den Höflichkeitsformeln bis hin zur Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Das erleichtert das Leben und das Zusammenleben ungemein.

Und doch: Ist es nicht merkwürdig? Obwohl es so viele recht machen wollen, gibt es so viele Probleme, Störungen und Zwistigkeiten. Beziehungen gehen kaputt. Gerde nicht nur wegen der Bösewichte, die sich an keine Regeln halten. Nein, sie wollten es recht machen. Und doch ist das Leben schal geworden, es funktioniert vielleicht noch, aber es ist alles nur noch Routine, es hat seinen Glanz verloren. Und manchmal ist noch mehr passiert. Man steht vor einem Scherbenhaufen. „Wir wollten doch nur das Beste für unseren Sohn, für unsere Tochter. Und jetzt ist der Faden gerissen. Wir sind uns nur noch fremd.“ Oder: „Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen, habe gearbeitet, gesorgt, habe meine Frau nie mit meinen beruflichen Problemen belastet, wir konnten uns doch leisten, was wir wollten – und jetzt ist die Beziehung am Ende. Warum eigentlich?“

Aber wie oft hat die Frau vielleicht gedacht: „Würde er mir doch auch mal was von seinen Sorgen und seiner Hilflosigkeit mitteilen, wir kämen uns vielleicht näher.“ Und der Sohn weiß ja, dass seine Eltern es gut meinten. Aber hatten sie ihn je wirklich wahrgenommen? Oder war er mehr dazu da, ihre unerfüllten Träume zu verwirklichen?

Das sind Erfahrungen die zu dem Satz des Paulus passen: „Der Mensch wird durch Werke des Gesetzes nicht gerecht!“ Alles recht machen wollen, ist also keine Garantie dafür, dass das Leben gelingt.

Oft stehen uns nicht nur unsere Schwächen und Fehler, sondern manchmal sogar mehr unsere Stärken im Wege! Wir wissen dann so genau, was gut wäre für den und jenen, und tun und machen dafür alles Mögliche, aber wir sind dabei so sehr auf uns und das Tun konzentriert, dass wir nicht mehr wahrnehmen, dass dies vielleicht an dem Bedürfnis des anderen vorbeigeht.

Und wie oft stehen unsere Stärken zwischen uns und Gott: Weil wir so tüchtig sind, meinen wir, das Leben im Griff zu haben. Wozu brauchen wir dann noch Gott? Aus unserer Rechtschaffenheit wird dann leicht Selbstgerechtigkeit; Pflichtbewusstsein kann zur Starrheit werden, die das Leben erstickt. Und vor lauter Verantwortungsgefühl sehen wir nur noch uns selbst.

Der Weg zum Leben aber heißt Glauben, – sagt Paulus. Und Glauben ist für ihn ganz eng mit Jesus Christus verbunden, der uns geliebt hat und sich selbst für uns hingegeben hat.

Aber was ist denn das: Glauben? Eine zusätzliche Pflichterfüllung – nun eben religiöser Art? Das wäre ein grausames Missverständnis! Dietrich Bonhoeffer hat das, was Glauben bedeutet, so ausgedrückt: Glauben heißt: sich Gott in die Arme werfen. An kleinen Kindern können wir das so faszinierend sehen: Voller Vertrauen, laut jauchzend, lassen sie sich vom Gartenzaun in die Arme der Mutter fallen. Voller Vertrauen lassen sie sich hoch über den Kopf des Vaters werfen, kein Zweifel, dass der sie wieder fängt!

Dazu erzählt Jesus eine Geschichte: Da steht ein gesetzestreuer, wirklich rechtschaffener Frommer im Tempel Und zählt Gott auf, was er alles recht gemacht hat, und einige Sonderleistungen noch dazu. Jesus nun – ganz anders als viele von uns, die eine solche Selbstdarstellung als überheblich abwerten, er macht diesen Frommen nicht schlecht. Er stellt die Qualitäten dieses Mannes nicht in Frage. Das mag alles stimmen, und doch stimmt etwas Entscheidendes nicht: ‚Dieser fromme Mensch definiert sich von seinem Tun her, er bestimmt seinen Wert durch seine Leistung. – Und Hand aufs Herz: durch was bestimmen Sie Ihren Wert? Wie ist das mit uns, wenn wir selbst nicht mehr können? Können wir uns getrost der Hilfe anderer ausliefern? Können wir auch noch einen Sinn i(n unsere)m Leben sehen, wenn wir in keiner Weise mehr produktiv sein können? Sind wir wirklich so anders als dieser Fromme? „Der Zöllner aber stand ferne und sagte: Gott sei mir Sünder gnädig!“ Er hatte nichts, was er seinem Gott und den anderen präsentieren konnte. Nur die leeren, bittenden Hände. Und Jesus sagt dazu: Das ist Glauben. Der Zöllner wirft sich Gott, wie er ist, in die Arme. Er stand ferne – und ist doch ganz nah dem Herzen Gottes.

Oder: Da ist der Vater mit seinem kranken Kind. Er bittet Jesus um Hilfe und bekommt von Jesus dann auch noch zu hören. „Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt!“ Was tut der Vater? Lässt er sich von diesem schroffen Wort abhalten. Im Gegenteil heißt es da bei: „Er schrie.“ Er macht es nicht recht! Er hält sich nicht an die Etikette. Nichts mehr von Demut! Nein, er schrie: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Er wirft sich Gott in die Arme – mitsamt seinem Unglauben, mitsamt seinen Zweifeln. Das ist Glaube! Nicht eine Leistung. Sondern dies, dass ein Mensch sein Herz über die Brücke wirft. Da, nimm mich – du!

Bei Paulus hört sich das so an: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ Damit will er sagen: Ich muss nicht mehr auf mich selbst schauen, um auszumachen, wer ich bin, wie viel ich wert bin. Ich schaue auf Christus. Ich muss mich nicht mehr selbst präsentieren, auch nicht mit meiner Frömmigkeit und Gläubigkeit. Ich muss mir nicht durch eigene Qualitäten und Leistungen meinen Lebenssinn verschaffen. Ich bekomme von Christus her meinen Wert und meine Geltung.

Natürlich: ich darf mich freuen an dem, was ich kann – mit einer unverkrampften, unbeschwerten Freude. Ich kann dann aber auch zu dem stehen, was ich nicht – oder nicht mehr – kann. Ich kann zugeben, wo meine Grenzen sind, denn ich stehe und falle nicht damit. Weder an meinem Können noch an meinem Versagen hängt das ganze Gewicht meines Lebenserfolges und Lebenssinnes.

Er steht und fällt mit dem einen großen Ja Gottes, auf das er sich in Christus auf ewig festgelegt hat. Ich hänge und halte mich allein an dieser Liebe fest. „So lebe nun nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.“

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