Gottessehnsucht

Griechenland, Spanien, Portugal, aber noch viel mehr Lettland und Litauen – diese Länder haben ein Pro­blem. Nicht nur, dass Sie an sich schon besonders unter der Schuldenkrise zu leiden haben, nein, diese hat noch eine bösartige Nebenwirkung: Sie vertreibt die Menschen aus diesen Ländern und zwar besonders die jungen und gut ausgebildeten. Diese sehen keine Perspektive mehr in ihrer Heimat und suchen nach neuen Lebensperspektiven z.B. in Deutschland.
Uns kann’s eigentlich nur recht sein: Gut ausgebildete junge Fachkräfte – die werden hier gesucht. Aber für die Heimatländer ist es einmal mehr der Verlust einer Zukunft. Die Schuldenkrise vertreibt Menschen aus ihrer Heimat.

Vertreibungen hat es schon immer gegeben. Diese, die wir gerade erleben, ist ja eine vergleichsweise harmlose. Viele Ältere hier haben in den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegswochen eine viel, viel schlimmere Form von Vertreibung erlebt. Die Flucht aus dem Osten – da ging es um Tod und Leben.

Ich habe nichts dergleichen erlebt. Zum Glück! Die Erfahrung die Heimat verlassen zu müssen – sei es bloß aus wirtschaftlichen Gründen oder weil mir Menschen nach dem Leben trachten – ist mir erspart geblieben. Nochmal: Zum Glück!
Es fällt mir aber deshalb immer schwer mich in solche Erfahrungen hineinzudenken.

Für das Judentum ist die Erfahrung geradezu Grund­lage des eigenen Selbstverständnisses.
Das Judentum versteht sich zum einen nämlich natür­lich als religiöse Gemeinschaft und damit als Welt­religion. Jüdinnen und Juden, die in Deutschland leben, haben sich immer schon auch und besonders als Deutsche verstanden. Jüdinnen und Juden, die in den USA leben, sind durch aus stolz darauf Teil der amerikanischen Nation zu sein.
Auf der anderen Seite heißt Jüdin oder Jude zu sein immer auch Teil eines jüdischen Volkes zu sein. Es hat eben auch immer eine nationale Komponente.

Wie soll das denn gehen, mag mancher fragen: Man kann doch nicht beides sein: Angehöriger des deut­schen und des jüdischen Volkes! Deutscher jüdischen Glaubens – ja das können wir uns vorstellen, aber das andere?!? Aber selbst den Jüdinnen und Juden in Israel geht es nicht anders: Sie sind nämlich selbst dort nicht einfach nur Jüdinnen und Juden sondern eben auch Israelis: israelische Juden und deutsche Juden.

Aber diese Erfahrung, dieser scheinbare Zwiespalt, ist gar nicht so selten und wenn wir uns in unserer Gesellschaft umsehen, werden wir das oft sehen. Die jungen, gutausgebildeten Menschen, die jetzt aus Griechenland oder Spanien kommen, wird es viel­leicht in ein paar Jahren ähnlich gehen. Spätestens ihren Kindern:
Sie kommen hierher, sie lernen unsere Sprache, sie finden deutsche Freunde. Sie werden ein Teil unserer Gesellschaft. Und ihre Kinder wachsen hier auf, gehen hier in den Kindergarten und in die Schule. Lernen fließend und akzentfrei Deutsch und werden dieses Land als ihre Heimat betrachten – und zugleich werden sie doch auch der Heimat ihrer Eltern verbunden bleiben.
So war es vor Jahrzehnten mit den Italienern und Spaniern und auch den Türken. Und ich denke jetzt nicht an die paar wenigen, die man gemeinhin als „integrationsunwillig“ bezeichnet. Ich meine die vielen anderen, die wir gar nicht mehr als „Ausländer“ wahrnehmen. Weil sie es eigentlich auch nicht mehr sind.
Vielleicht können das diejenigen, die damals vertrie­ben wurden noch besser nachvollziehen: Immer mal wieder höre ich ältere Menschen sagen z.B. „ich bin doch Schlesier.“ – „Und wo ist ihre Heimat?“ – „Naja, jetzt hier!“

Zurück zum Judentum: Das Judentum hat von Anfang an die Erfahrung der Vertreibung, der Ferne von der Heimat erlebt. Im 6. Jh. v. Chr. Kam der babylonische Herrscher Nebukadnezzar und unterwarf das König­reich Juda, vertrieb – oder genauer: deportierte – alle, die dort irgendetwas zusagen hatten, setzte eine babylonische Herrschaft ein. Der Tempel wurde zerstört, der Tempelkult hatte ein (vorläufiges Ende). Auch wenn 60 Jahre später die Deportierten wieder zurückkehren durften, blieben doch etliche in der Ferne – denn das waren ja schon die Kinder und Enkel derjenigen, die vorher weggeführt wurden. Die eigentlich Deportierten waren längst tot.
Und es war erst diese Erfahrung, die aus dem Volk Israel Juden gemacht hat. Da erst begann sich so etwas wie das Judentum zu entwickeln. Ein Volk und ein Glaube, der fern der Heimat war.
Und in der Zeit, als Jesus auf der Erde wandelte, lebten wahrscheinlich schon sechsmal mehr Jüdinnen und Juden außerhalb des Heiligen Landes als inner­halb. Und trotzdem: Was sie alle immer verbunden hat, war die Sehnsucht nach diesem Heiligen Land. Aber vielleicht war und ist es mehr die Sehnsucht nach einem Heiligen Land, wie es heute schon lange nicht mehr existiert.

Und an dieses Volk mit dieser Sehnsucht und dieser Erfahrung richtet sich der Text aus dem Jesajabuch, den wir vorhin schon gehört haben:

[Text]

Die Sehnsucht soll erfüllt werden – so könnte man diesen Text zusammenfassen. Die Sehnsucht des Volkes soll erfüllt werden.

Damals als dieser Text aufgeschrieben wurde, da ging es um die Sehnsucht der Vertriebenen aus Jerusalem. Die Sehnsucht, die ihre Kinder und Enkel nur aus Erzählungen kannten. Jerusalem soll wieder schön und zur Heimat werden.
Aber auch die Sehnsucht derer, die da geblieben waren, soll gestillt werden. Es soll wieder so werden, wie es war – wie es war, bevor Nebukadnezzar und seine Soldaten kamen und dem Tempel zerstörten. Es soll wieder schön werden, wie früher, wie damals, wovon immer Oma und Opa erzählen. Damals, als wir noch klein waren, als wir noch nicht mal geboren waren…

Die Sehnsucht wurde nicht erfüllt. Der Tempel wurde wieder errichtet. Jerusalem wurde wieder zur Haupt­stadt und irgendwann gab es auch wieder einen König. Aber die Sehnsucht bliebt – mindestens bei denen, die in der Ferne blieben. Aber letztendlich bei allen. Die Sehnsucht blieb.
Sie blieb bis heute. Denn auch wenn es im Heiligen Land gerade wieder einen jüdischen Staat gibt, die Sehnsucht bleibt. Und selbst wenn es irgendwann dort Frieden gibt und selbst wenn es gelänge das Juden und Palästinenser gemeinsam dort in wirklichem Frieden lebten, bliebe doch die Sehnsucht.

Ich denke, dass wir diese Sehnsucht alle kennen. Bei uns Christenmenschen macht sie sich nicht an der Stadt Jerusalem oder dem Heiligen Land fest. Wir können unseren Glauben auch leben, ohne dass uns der Sinn danach strebt, dorthin zu kommen.
Ich denke, es ist die Sehnsucht nach einer Nähe zu Gott, von der wir glauben, dass wir sie irgendwann einmal hatten, die aber irgendwie verloren gegangen ist. Es ist die Sehnsucht, nach einer göttlichen Nähe und Geborgenheit.

Und diese Sehnsucht beruht auf Gegenseitigkeit:
Man wird sie nennen „Heiliges Volk“, „Erlöste des Herrn“ und dich, Jerusalem, wird man nennen „Gesuchte“ und „Nicht mehr verlassene Stadt“.
→ Gesuchte. Gesucht und nicht verlassen. Von Gott gesucht (und gefunden) und nicht mehr verlassen.
Gott sehnt sich nach uns Menschen. Sehnt sich nach unserer Nähe. Möchte uns nicht verlassen. Möchte bei uns sein unsere Nähe genießen. Nicht als irgendein Freund aus längst vergangenen Tagen, den man mal anruft, wenn man gerade nichts besseres zu tun hat. Oder von dem denkt, dass der einem doch helfen könnte, wenn alle anderen Stricke schon gerissen sind.
Gott, sucht unsere Nähe, sehnt sich danach einen Platz in unseren Herzen zu bekommen. Einen wichtigen Platz, einen Platz, der ihn immer teilhaben lässt an allen unseren Freuden, unserem Glück, unseren kleinen und großen Sorgen, an unserem Alltag und unseren Festzeiten.
Vielleicht hat er deshalb diese ferne Sehnsucht in un­sere Herzen gelegt, die manch einer nicht einmal rich­tig zuordnen kann. Diese Sehnsucht nach einer fernen Geborgenheit. Warum erkennen wir nur einfach nicht, dass es Gott ist, der alle Sehnsucht stillen kann? Wir müssen doch nur erkennen, dass es Gott ist, der unsere Sehnsucht stillen kann.

Aber anscheinend sind wir eben doch alle ein bisschen wie Vertriebene. In uns lebt die Sehnsucht nach einer fernen Heimat und ist da zugleich die Erkenntnis, dass wir unsere Heimat hier gefunden haben. Dass es an uns ist jetzt hier an diesem Ort zu leben und uns hier zu engagieren. Hier ist der Ort an dem wir leben und hier sind die Menschen mit denen wir leben und für die wir leben.
Und die Sehnsucht nach Gott bleibt in unseren Herzen lebendig. Sie treibt uns an, gibt uns Hoffnung und vielleicht findet der eine oder andere seinen Weg Gott ins Herz zu lassen um die Sehnsucht zu stillen. Oder hat den Weg sogar schon gefunden.

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