Einen Wächter bitte!

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde, liebe Gäste,

„O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen.“

Eine Stadt steht im Mittelpunkt der heutigen Predigt, ja des heutigen Sonntags: Jerusalem. Der Profet, der im letzten Teil des Jesajabuches spricht, hat eine eigentümliche Bestellung aufgegeben. Wächter hat er bestellt für Jerusalem. Wo es doch nichts zu bewachen gibt! Nicht einmal mehr eine Stadtmauer, keine Tore, keine Türme – nichts. Wüst liegt sie da die ehemals stolze Stadt, im Jahr 535 vor Christi Geburt. Hier und da hat man schon angefangen, die Mauer wieder zu errichten, die Tore an angestammter Stelle wieder aufzubauen, sogar Pläne für einen neuen Tempel gibt es. Aber eigentlich könnte jeder Feind im Handumdrehen die Stadt einnehmen. So desolat ihr Zustand nach der letzten Niederlage. Wozu da Wächter?

„…ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, [7] lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!"

Diese Männer brauchen keine Lanzen und Hörner, ihr 24-Stunden-Dienst besteht im Rufen, im Beten, im Singen, im Flehen, im Ringen mit Gott. „Erinnerer“ sollen sie sein, den Herrn erinnern an das, was er versprochen hat. Als wollten sie ihn wecken, sollen sie rufen, dass er der Stadt Jerusalem zu neuem Glanz verhelfe. Dass er die Stadt wieder erbaue. Die alte Verheißung wahr mache: Gott, handle. Sonst sind wir verloren! Löse deine Versprechen ein! Gelobt sei dein Name!

„Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, [9] sondern die es einsammeln, sollen’s auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums."

Die Feinde werden für immer draußen bleiben. Die Früchte unserer Arbeit können wir selbst genießen. Niemand wird Krieg mit uns führen. Wir werden sicher wohnen und Wein trinken in den Vorhöfen des Tempels.
Was für ein Bild, was für eine Vision! Sie werden hinfort nicht mehr lernen Krieg zu führen. Schaf und Löwe weiden gemeinsam und das Kind spielt am Loch der Otter… Schalom, Friede sei mit dir, Jerusalem.

"Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!"

Alle Welt wird auf diese Stadt schauen. Das Elend ist ausgestanden, sie ist wiederhergestellt, heil und eine Heimat für das Volk Gottes. Schnell die letzten Steine aus dem Weg geräumt, jetzt kommen sie, alle die Verstreuten, die Weggeführten, die Zersprengten, die Umgesiedelten, die Flüchtlinge. Die Geschundenen und Wartenden, die Opfer der Geschichte. Diese Stadt ist die Stadt des Friedens, die Stadt des erneuerten Volkes Gottes und die ganze Welt wird auf diesen Ort sehen.

"Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! [12] Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«."

Siehe, dein Heil kommt. Es wird kommen. Gott selbst wird einziehen und mit ihm alles Volk, alle, die zu ihm gehören, die Heiligen Gottes, die Erlösten, die endlich Erlösten, Befreiten, frei von allen Fesseln. Und Jerusalem wird einen Kosenamen bekommen: die gesuchte Stadt. Die Stadt, nach der wir schon immer gesucht haben. „Die Gesuchte“ wird sie heißen und endlich gefunden sein. Nie mehr verlassen, nie mehr menschenleer, nie wieder Trümmer und Zerstörung, nie wieder Morden und Wehklagen, keine Toten mehr in deinen Mauern du „Nicht mehr Verlassene“ du von fröhlichen Menschen bevölkerte Stadt.

Solche Bilder sah er, der Profet im 4. Jahrhundert vor Christus. So eine große Hoffnung hatte er für diese Stadt, die damals erst 500 Jahre alt war und doch schon so viel Blut gesehen hatte. Wächter hat er sich kommen lassen, „Erinnerer“ Gottes. Sie sollten an ihm rütteln, dass er doch wahrmache, was alle ersehnten. Die Stadt des Friedens. Den Ort, an dem Gott unter seinem Volk wohnt.

Jerusalem. Heute 3000 Jahre alt. Die Steine, die der Profet mit auf die Mauer trug, sie waren bald wieder nur ein Schutthaufen. Der neue Tempel, für die er die Pläne sah, wurde längst wieder geschliffen. Eine Mauer steht noch. Ihr Name: Die Klagemauer. Immer noch rütteln Menschen Gott auf, lassen ihn nicht in Ruhe, erhoffen sich von ihm den Schalom, den Frieden, der sich mit der Gerechtigkeit küsst. 24 Stunden am Tag beten Menschen zu Gott, an dieser Mauer, in dieser Stadt und überall auf dieser Welt.

„Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht…“

Jerusalem, du hochgebaute Stadt, du Beispiel-Stadt für unser Leben. Wie verschieden wir Bewohner sind. Verschiedenen Glaubens, verschiedener Überzeugungen. Verschiedene Traditionen und Geschichten haben uns geprägt, wir können nicht aus unsrer Haut und müssen doch zusammen wohnen. Und wollen doch immer alles klar und eindeutig. Und das natürlich für uns. Alles für uns und deshalb nichts für die anderen. Mit denen reden wir nicht…!
Und deshalb sprechen am Ende die Waffen. Und deshalb liegen sie am Ende wieder auf dem Schutt, die Steine der stolzen Stadt. Und wieder wird aufgebaut und wieder ist noch Hoffnung da und wieder beten Menschen zu Gott, rufen und rütteln. Bis wieder die anderen kommen und es besser wissen, die den einzig wahren Glauben haben, für den sie sogar bereit sind, in den Tod zu gehen, und dabei möglichst viele von den anderen mitnehmen. Tod und Blut in der Stadt des Friedens.

Wird das denn nie anders werden? Werden wir nie zur Vernunft kommen? Wird es nicht immer die Scharfmacher geben, die Hardliner, die Ideologen? Und die, die ihnen willig folgen, für die gerechte Sache, den endgültigen Sieg, die ultimative Säuberung? Die Strategen und Taktiker, die im Hintergrund an den Schreibtischen und Bildschirmen die Strippen ziehen und meistens dabei eine Menge Geld verdienen? Die den Massen eine einfache Lösung anbieten, Versprechen auf ein besseres Leben, für das nur noch dieses eine Ofer gebracht werden muss. Wenn man da durch ist, dann wird es schöner als je zuvor. Dann sind alle Probleme gelöst und das Friedensreich ist da.

Wir sind müde geworden. Und wir wollen am liebsten nichts mehr davon hören und sehen. Die aktuellen Bilder aus Jerusalem nicht, die Bilder der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 nicht, die lange Geschichte des Antisemitismus in Europa auch nicht mehr – die bis zum Knöchel im Blut der Ungläubigen watenden Kreuzritter in eben dieser Stadt. Jerusalem. Nimmt das denn nie ein Ende?

Liebe Gemeinde, der heutige Sonntag ist der Sonntag zum Gedenken an die Zerstörung Israels- so der offizielle Titel. Welcher der vielen Zerstörungen sollen wir gedenken? Er heißt seit einigen Jahren auch Israel-Sonntag. Welches Israel wollen wir sehen? Das alttestamentliche Gottesvolk? Den Staat, den es seit 1948 gibt? Die vieltausend Juden, die in aller Herren Länder leben. Die jüdische Gemeinde hier in Chemnitz? Dieser Sontag soll der Verständigung von Christen und Juden dienen. Welche Juden wollen wir ansprechen? Die in der Jerusalemer Altstadt, wenn wir als Touristen in ihrer Stadt zu Gast sind? Die Überlebenden des Holocaust, wenn sie erzählen von damals und aus ihren Erinnerungen vorlesen?

Der Profet im Jerusalem des Jahres 535, der an der wiederaufzubauenden Stadtmauer steht und seine Wächter um die gedachte Linie dieser Mauer herum aufstellt, damit sie rufen und singen, bitten und flehn, Gott rütteln und schütteln, dieser Profet bringt uns auf die naheliegendste Idee: Wir könnten seine Wächter werden. Wächter für Jerusalem, die Beispiel-Stadt für unser Leben. Ohne Maschinenpistole an der Seite gehen wir auf der gedachten Linie der Mauern dieser Stadt. Mit gefalteten Händen bleiben wir ab und an stehen und lassen nicht ab, Gott um den Schalom zu bitten. Dass die Stadt endlich kommt, in der Frieden ist. Die so lange Gesuchte, die immer vermisste, dieses uneingelöste Versprechen Gottes. Dass der Ort sich endlich sehen lässt, an dem es keine Träne mehr gibt, kein Leid und kein Geschrei.

Und dann fällt uns vielleicht auch jener andere Profet ein, ein Christ wie wir, der 500 Jahre nach seinem Kollegen diese Stadt schon vom Himmel kommen sah, geschmückt wie eine Braut zu ihrer Hochzeit. Der schon sehen konnte, dass Gott einst seine Hütte, sein Zelt bei den Menschen aufschlagen wird. Und der das, was er sah, denen, die mit ihm auf dem Weg waren – und auch das war ein blutiger Weg – mit auf den Weg gab. Haltet daran fest! Lasst nicht locker! Ermüdet nicht! Seht hin! Lasst diese Hoffnung nicht fahren. Bestürmt den Schöpfer des Himmels und der Erde, es könnte Morgen schon sein…

2000 Jahre sind seither vergangen. 3000 Jahre alt ist Jerusalem. Und immer gab es Wächter, die gebetet haben. Menschen, die Gott geglaubt haben. Gegen allen Augenschein. Dass der Frieden kommen wird. Es könnte morgen schon sein.

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