Sprechend wandelt uns Gott

Liebe Gemeinde,

Sonntag für Sonntag hören und bedenken wir Texte der Bibel. Was bringt uns das? Diese Frage stellen nicht nur die Konfirmanden. Heute wollen wir diese einfachen Frage nachgehen. Da haben Propheten vor tausenden von Jahren geredet. Andere haben es aufgeschrieben. Was bringt uns das?

Woher wussten Propheten, was sie sagen im Auftrag Gottes sollten? Gab es und gibt es immer noch eine Art heimliche, der übrigen Welt verborgene Kommunikation zwischen Gott und den wenigen Auserwählten. Erhielten nur sie Mitteilungen des Schöpfers und sind deswegen die alten Texte so wichtig? Oder ist es ganz anders: Die Propheten vernahmen das, was auch wir im Prinzip vernehmen könnten?

Woher wissen Propheten, was sie sagen? Und: Stimmt es, was sie gesagt haben? Wir werden versuchen, einige Antworten zu finden.

I. Wenn Kummer mich drückt

Anfangen aber wollen wir mitten im Leben. Anfangen wollen wir dort, wo wir nie gerne sind und doch immer wieder hingeraten. Jede/r von uns kennt solche Zeiten: Zeiten, in denen das Leben scheinbar stehen geblieben ist, stehen bleiben musste, weil man unversehens in eine Sackgasse geraten war. Quer über den Lebensweg hat sich über Nacht eine Mauer gezogen. Wie es weitergeht, wie es weitergehen kann? Man weiß es nicht und glaubt auch nicht daran. Der Morgen und die Zukunft sind in Dunkelheit und endloser Nacht verschwunden.

Vielleicht kennen das Folgende die jungen Leute. Wir älteren erinnern uns eventuell: Mit dem letzten Zeugnis haben sich alle Pläne zerschlagen. Nein, Abitur wird es für mich nicht geben. Alle hohen Berufswünsche sind dahin.
Über facebook wurde eine Freudschaft aufgekündigt. Über Nacht hat der Freund "Status: ungebunden" eingetippt. Per SMS kam die Nachricht: Ich will nicht mehr.

Wir könnten stundenlang solche Situationen auflisten, Situationen, in denen uns das Leben stehenblieb. Situationen, in denen wir alle Hoffnung auf gute Zukunft, auf Glück, auf Liebe, auf Erfolg haben fahren lassen müssen.

Nun frage ich: Was brauchen wir, wenn das Leben trostlos düster geworden ist? Was brauchen wir, wenn unsere Schultern mutlos in sich zusammen sinken. Was brauchen wir, wenn außer Tränen nichts mehr fließt im Leben?

"Kopf hoch, es wird schon wieder," tröstet die Mutter. "Ach, woher willst du das denn wissen?", wehrt die weinende Tochter den Trost ab. "Spar dir deine Worte. Die helfen mir nichts. Ich will nicht mehr leben!"

Wie gesagt, wir könnten nun Szene um Szene aneinander reihen. Jede dieser Szenen mündete in die Frage, die einst schon ein Psalmbeter seufzend ausgesprochen hat: Woher kommt mir Hilfe?

II. Woher kommt mir Hilfe?

Was aber bringt es uns angesichts der hier skizzierten Themen, über die alten Texte aus der Bibel nachzudenken?

Damit lösen wir doch keine Probleme! Richtig, alte Texte können keine Probleme lösen. Aber sie können uns als Wegweiser dienen. Einen solchen Wegweiser hat Jesaja aufgeschrieben für sein Volk. Und wir schauen und prüfen, was wir davon für einen heute geltenden Wegweiser übernehmen könnten.

"O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe."

Hören wir genau hin! Aus dem alten Text heraus könnten wir einen ersten Satz für unseren Wegweiser heute formulieren : Wenn du Sorgen hast, schweige nicht. Friss es nicht in dich hinein. Das machen zwar die meisten, aber es bringt nicht viel. Lasst Gott keine Ruhe! Das heißt doch: Bete, schreie, weine, jammere Gott die Ohren voll. Gönne dem Schöpfer keine Ruhe. Deine Sorgen quälen dich, quäle du nun ihn damit. Lasst ihm keine Ruhe: Finde dich nicht ab mit deiner Lebenssackgasse. Nimm die quergestellte Mauer auf deinem Lebensweg nicht einfach hin.

Und was halten sie davon? Bringt das was? Verändert sich etwas in der Welt, wenn ich unaufhörlich klage? Man möchte einwenden: Den meisten Menschen um mich herum falle ich damit doch auf die Nerven. "Hör auf zu jammern. Finde dich endlich damit ab", heißen ihre abwehrenden Ratschläge.

Ich aber sage: Wer sich abfindet, lähmt sich selbst und stimmt dem Lebensstillstand zu. Man kann ja ein bisschen Rücksicht nehmen auf seine Zeitgenossen. Was ich aber bete, das muss Gott sich anhören. Ihm lasse ich keine Ruhe! Drum heißt der erste Satz auf unserem Wegweiser: Schweige nicht, wenn es schlecht um dich bestellt ist. Wer redet, ist nicht tot.

III. Woher nehmen Propheten das, was sie sagen?

Verändert sich etwas, wenn ich klage? Nein. Noch nicht. Gleich kommt ein zweiter Satz auf unseren Wegweiser.

Das Bild, das Jesaja für sein unter Fremdherrschaft darbendes Volk gefunden hat, ist ganz einfach:

Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, sondern die es einsammeln, sollen’s auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.

Ein einfaches und klares Bild von guter, froher Zukunft.

Zum zweiten Satz für unseren Wegweiser lassen wir uns wiederum von Jesaja inspirieren: Horche in Gott hinein. Horche und warte, bis er dir ein Bild für deine Zukunft gibt, in der du erntest und fröhlich leben kannst.

Woher hat der Prophet dieses Bild bekommen? Ist es ihm einfach eingefallen? Woher fallen uns Bilder ein? Hier nähern wir uns dem Mysterium der religiösen Sprache.

Ehe wir fortfahren, füge ich nun eine philosophische Überlegung ein. Erschrecken sie bitte nicht! Wir stellen eine philosophische Frage und überlegen uns: Was ist Sprache? Das ist ein Thema, das mich in den zurückliegenden Monaten sehr beschäftigt hat.

Die zeitgenössischen Philosophen, die über Sprache nachdenken, vertreten bezüglich dem Thema "Sprache" zwei Positionen. Die einen sagen: Sprache ist ein System symbolischer Zeichen, in denen uns Menschen die Möglichkeit gegeben ist, die Welt abzubilden. Für jedes Wort gibt es eine Entsprechung in der Wirklichkeit. Das stimmt ja wohl auch. Aber: Wie ist das mit dem Hauptwort unseres Glaubens: Gott? Gibt es dazu eine Entsprechung in der Wirklichkeit? Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein empfahl dazu Folgendes: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

"Ich glaube nur, was ich sehe", lautet die Alltags-Version dieser Auffassung. Gott habe ich nicht gesehen, also bleibt das Wort für mich leer und ohne Sinn. Ich sehe für mich keine Zukunft, also gibt es sie auch nicht, könnten wir hinzufügen.

Die andere Position zum Thema lautet: Sprache ist mehr als nur ein System von Symbolen. Sprache ist eine Tätigkeit. Indem ich spreche, verändern sich die Dinge. Sage ich zu jemandem: "Ich liebe dich", so hat sich dessen und meine Welt gewandelt. "Hiermit erkläre ich sie zu Mann und Frau", heißt es z.B. auf dem Standesamt. Mit diesem einfachen Satz wird das Leben zweier Menschen grundlegend gewandelt. Sprache ist Tätigkeit. Wir sagen ja nicht bloß: Das ist ein Tisch. Wir sagen: Das ist mein Tisch. Oder: Diesen Tisch haben wir bestellt. Oder: Nehmen sie doch Platz an meinem Tisch. Wir handeln, indem wir sprechen. Im Sprechen stellen wir Wirklichkeit her. Erst darin gewinnen die Symbole, die Worte ihre wirkliche, wirksame Bedeutung. Darin liegt der Vorteil dieser Art, Sprache aufzufassen. Sprache ist nicht nur ein System. Indem wir Worte verwenden, handeln wir und geben unserer Welt Gestalt.

Man ahnt, welcher Auffassung Jesaja sich wohl angeschlossen hätte: Bleib unruhig, gönne Gott keine Ruhe.

Bedränge ihn mit deinen Gebeten. Wenn du schweigst, bleib dein Leben stumm. Sprich, sprich mit Gott. Indem du sprichst, indem du deine Not aussprichst, handelst du mit dem Leben. Von dieser schlichten Einsicht leben alle Therapeuten. Wer redet, ist nicht tot. Indem wir sprechen, beginnt die Welt sich zu wandeln.

So, und jetzt kehren wir zu dem schönen Bild zurück, dass Jesaja seinem bedrängten Volk gegeben hat: Es wird Friede werden. Ihr werdet euer Getreide ernten und euren Wein trinken.

Na, wenn das so einfach ist! Dieser Einwand liegt einem ja nun wirklich auf der Zunge. Das ist ja wie im Märchen, wie der "Wunschpunsch" von Michael Ende! So leben doch gerade junge Menschen: Sie träumen von Karrieren als Sänger/innen und anderen Berufen, in denen sie ganz berühmt werden.

So einfach ist es tatsächlich nicht. Wir müssen noch mehr nachdenken, noch tiefer gehen mit unseren Gedanken. Woher nehmen die Propheten das, was sie verkünden? Verbreiten die einfach ihre Wunschträume? Machen die es genauso, wie die Werbeleute der Gegenwart, die unsere Sehnsüchte erforschen und dann in schöne Spots umsetzen und uns doch nur Nudeln verkaufen und Autos?

Darf ich noch einmal an den zweiten Satz auf unserem Wegweiser erinnern?

Horche in Gott hinein. Horche und warte, bis er dir ein Bild gibt. Darauf kommt es an, dass wir uns Bilder geben lassen von Gott. Bilder von Gott, in denen er unserem Leben Form und Farbe gibt. Dieses Bild, dass uns von Gott gemalt wird, hat manchmal recht wenig mit unseren eigenen Wünschen zu tun.

Gerade ältere Menschen haben viele Bilder vom "schönen Leben" im Herzen. Hört man genauer hin, dann sind das oft Bilder der Vergangenheit: Als die Kinder noch klein waren; der Mann noch lebte; die Scheidung noch nicht vollzogen war; als man noch jung und gesund war und arbeiten durfte und eine Aufgabe hatte. Gute Erinnerungen sind eine Kraftquelle, die uns hilft, zu leben. Erinnerungen jedoch fesseln uns an die Vergangenheit, drehen uns ständig den Lebenssinn nach hinten. Im Herzen gehen wir rückwärts, die Zeit aber bringt uns nach vorne.

Die Sprache der Dichter lebt von der Vergangenheit, Sie erinnert das Paradies, schrieb ein Theologe (Paul Schütz). Die Sprache des Glaubens aber nimmt ihre Kraft aus der Zukunft.

Hier nähern wir uns der Quelle religiöser, prophetischer Sprache. Glaube lebt von der Zukunft. Jetzt könnten wir die ganze Bibel durchforsten und fast überall würden wir Bestätigung finden. Wenn es heißt "Gott spricht", dann geht es fast immer um die Zukunft. Das fängt mit Abraham an und setzt sich fort bis in die Gleichnisse Jesu. Zukunft ist das Grundthema unseres Glaubens. "Ich bin, der ich sein werde", erklärt Gott dem suchenden Moses seinen Namen. Gott gibt uns Sprach-Bilder seiner Zukunft. Dazu bedient er sich seiner Propheten, zu denen auch du und ich gehören könnten.

Ach, so einfach ist das? Nein, natürlich nicht! Jeremia und Jesaja warnten ihre Zeitgenossen sehr eindringlich vor den "falschen Propheten". Auch im NT heißt es immer wieder: Seht zu, dass euch niemand verführe. Leider ist es so, dass wir zwar Bilder in uns aufsteigen sehen, Bilder von Zukunft. Aber woher wissen wir, dass Gott uns diese Bilder ins Herz gegeben hat? Nüchtern lautet die Feststellung: Als Jesja, glaubte ihm niemand. Jeremia, dem anderen großen Propheten erging es nicht anders. Erst nach schweren und fruchtbaren Erlebnissen erkannte man, dass sie Recht hatten. In unserer Sprache wohnt nicht nur Gottes Geist. Unsere Sprache hat auch eine dunkle Seite. Irrtum hat sich in ihr verhärtet und so viel abgelebte, ausgediente Konvention sargt unseren Gedanken im Gehäuse der Gewohnheit ein (P. Schütz). Ehe wir einen Segen sprechen, haben wir meist dreimal geflucht.

Allzu oft gilt auch bei uns, was Jesus einst sagte: "Mein Wort findet bei euch keinen Raum"(Joh 8,37):

"Ich habe immer daran geglaubt, dass es wieder gut wird mit mir und dem Leben. Dieser Glaube hat mich am Leben erhalten", können hingegen manche Menschen sagen, wenn das Leben endlich, endlich wieder eine gute Wendung genommen hat. Das kann Jahre gedauert haben und manchmal Jahrzehnte. Hinzufügen kann man dieses Sprichwort: Erstens kam es anders und zweitens als man dachte.

Noch einmal lesen wir den zweiten Satz auf unserem Wegweiser: Horche und warte, bis er dir ein Bild gibt, das zu dir spricht, dich und dein Leben wandelt.

Dieses Sprach-Bild wird bestimmte Merkmale enthalten: Es ist immer das Rot der Liebe dabei. Misstraue darum allen Zukunftsbildern, die mit den Farben des Hasses, der Abneigung und des Eigennutzes gemalt sind. Diese Bilder sind nicht von Gott. Bilder, die Gott uns ins Herz gibt, handeln stets von Recht und Gerechtigkeit. Misstraue darum allen Bildern, die Unrecht verklären und verschleiern.

IV. Zukunft ist der Raum Gottes, worin ich leben werde.

"Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!
Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!
Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

Zum Schluss schreiben wir nun den dritten und letzten Satz auf unseren Wegweiser. Ebenfalls inspiriert von Jesaja.

Folge dem Bild, dass Gott dir ins Herz gegeben hat. Denke daran, Sprache ist Tätigkeit. Aus den Bildern und Worten, die du glaubst, wird Wirklichkeit werden. Das ist das Geheimnis des Glaubens: Lasse dich hineinnehmen in die Sprache Gottes. Er wandelt dich und er wandelt die Welt hin zu seinem Reich.

Da mag man noch so mutlos sein und noch verzagt ob all des Unrechts, dass in dieser Welt herrscht. Gott spricht: Sein Wort kehrt nicht leer zurück. Es wandelt dich und mich, wenn es dir und mir gegeben ist, es im Glauben zu vernehmen. Das ist das Mysterium: Gottes Worte wandeln uns. Gottes Sprache ist Tätigkeit, in der wir aufleben können, seiner Zukunft entgegen.

Gottes Sprache wandelt uns. Es sind nicht unsere Worte, nicht unsere Bilder, die uns Zukunft geben. Nur Gottes Wort hat diese Kraft, Leben zu schaffen, Schöpfung hervorzurufen, Zukunft zu geben.

Darum lesen wir diese alten Text, weil darin Gottes Geist verborgen ist, aufgehoben, aufgeschrieben mit diesem Ziel, uns lebendig zu machen, uns Kraft zu geben für die Zukunft.

"Schrift," so sagte Wilhelm von Humboldt," Schrift erhält den schlummernden Gedanken dem Geist erweckbar".

Verschwinden die Sorgen einfach so? Ich bitte, aber der Freund, die Freundin kommt nicht zurück. Ich bete und werde doch nicht gesund. Ich hoffe, aber es wird nicht besser.

Das mag ein nüchternes Ergebnis für den einen oder die andere von ihnen sein. Das will ich nicht leugnen.

Glauben aber will ich: Die Nacht der Sorgen wird schwinden. Die Mauer, die den Lebensweg verstellt, bricht in sich zusammen. Was gewesen ist, bekomme ich nicht zurück. Das Geschenk des Glaubens ist anders: Es ist die Zukunft, die Gott uns schenkt.

"Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege". Dieser Vers aus Psalm 119 bringt es auf den Punkt, warum wir Sonntag um Sonntag diese alte Texte lesen und bedenken. Sie helfen uns, unser ganz eigenes Lebensbild von Gott zu empfangen. Sie handeln davon, wie Gott mit uns handelt: Er will, das wir leben, auf seine Zukunft hin leben.

Es sind nicht unsere Worte, die uns wandeln. Es ist sein Wort, das uns Kraft gibt zum Leben. Das nennt die Bibel den Kairos, den gesegneten Augenblick, der uns unverfügbar ist, den wir als Geschenk erhalten, wenn es Gott gefällt. Indem uns Gottes Wort erreicht, uns tief im Innern anspricht, wandelt es uns. Auch wenn wir mit Jesus sprechen müssen: Nicht wie ich will, sondern wie du willst, Herr.

Amen

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