Schornsteinfegen only

Predigt über Jeremia 1,4-10 am 5.August 2012 Nikolaikirche Isny

4 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Liebe Gemeinde,

eine Berufungsgeschichte…
eine von ganz großem, biblischem Format
haben wir da gehört.
Ein bescheideneres Format mag
unsre je eigene Berufungsgeschichte haben,
aber sie ist nicht weniger wichtig, gelebt zu werden!
Ich wage es, ein paar Parallelen zu ziehen,
zwischen dem großen Jeremia-Format von Berufung
und unseren hier versammelten Berufungen…
Unser aller Berufungsgeschichte beginnt auch ganz früh,
bereits pränatal, vorgeburtlich, wie bei Jeremia.
Wir alle bringen schon etwas mit auf die Welt,
was einmalig nur je uns verliehen ist.
Es gibt etwas, das bestimmen nicht die Eltern,
das steckt bereits im Kind.

Lassen sie mich dazu etwas lesen, was der große Pädagoge, Kinderarzt und Menschenfreund Janusz Korczak geschrieben hat:

Stellt Euch vor, der berühmte Komponist Grieg oder Paderewski, Reszke oder Ibsen – haben einen Sohn.
Was möchtest Du werden? – fragen Vater Grieg, Reszke oder Ibsen ihren Sohn.
Ich möchte Schornsteinfeger werden.
Mein Kind, bedenke – sagt der berühmte Vater – durch meinen Namen, meine Beziehungen und mein Vermögen kannst Du eine ganz andere Stellung im Leben einnehmen.
Mein Papachen, entweder erlaubst Du mir, Schornsteinfeger zu werden, oder ich erschieße mich.
Und stellt Euch vor, der Vater erlaubte dem Sohn, Schornsteinfeger zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser junge Mann einer der glücklichsten Menschen der Welt geworden ist. Die vom Vater geerbte Intelligenz würde er für die Tätigkeit des Schornsteinfegens einsetzten, eine neue Methode für das Hinabsteigen in die Schornsteine erfinden, auch einen Spezialstoff für die Arbeitsanzüge der Schornsteinfeger, er würde ein Orchester und eine Gesellschaft für Schornsteinfeger gründen, er würde Vorsitzender der Kasse der Witwen und Waisen von Schornsteinfegern werden, er würde das Niveau dieses Gewerbes auf der ganzen Welt heben, seine Kollegen würden ihn verehren, seine Nachfolger würden ihn in Ehren halten.
Was würde jedoch geschehen, wenn der Jüngling seine Ideale, die ihn so tief ergriffen haben, dem Willen des Vaters opfern würde?
Wäre er Komponist geworden, würde man ihn halblaut loben, bis jemand, ein bisschen kühner von Natur aus, rufen würde: „Schornsteinfeger hätte er werden sollen.“
Und er würde (in hilflosem Schmerz) an seinen Kleidern herumnesteln, gebrochen, unglücklich.
Und wie viel mehr Enttäuschungen würden ihn erwarten, wenn er eine finanzielle oder diplomatische Laufbahn eingeschlagen hätte- drei- und viermal so unglücklich wäre er geworden…..
Eltern!
Wenn Ihr kleine Kinder habt, versucht, sie auszuhorchen, was sie werden wollen, versucht in ihnen Interessen wachzurufen.
Eltern!
Wenn Ihr große Kinder habt, stört sie nicht in ihren Vorhaben.
Wenn Euer Jan nicht schon in den Kinderjahren Fliegen, Goldfische, Katzen heilt, wenn er nicht seine Hosen, Kakerlaken und Bücher zerschneidet; wenn er nicht ein einziges Mal seine jüngeren Geschwister mit giftigen Pilzen, wilden Beeren oder anderen Spezialitäten versorgt – drängt ihn nicht zum Medizinstudium.
Wenn Euer Wazek seinen Pudel, sein Schwesterchen, das Dienstmädchen, das die Vase – ein Andenken an die Großmutter – zerdeppert hat, nicht vor Strafe schützt, erlaubt ihm nicht, Anwalt zu werden…..
Wenn Ihr anders handelt, beschwört ihr auf Euch und Eure Nachkommen ein Unglück herauf.
(In: Mit Janusz Korczak die Kinderwelt verstehen, Herder, S.59-61)
So weit Janusz Korczak……um ein bisschen zu spüren,
dass es um etwas ganz Zentrales geht bei dem göttlichen Wort „ich kannte dich ehe du von der Mutter geboren wurdest.“
In jedem Mensch, der auf die Welt kommt,
steckt schon ein Gedanke Gottes.
Jeder und jede bringt etwas mit, womit gerade er, gerade sie
der Welt ein Segen, eine Hilfe, eine Freude sein kann.
Das ist das erste, das wir aus dem heutigen Bibelwort für uns heraushören dürfen: Gott hat Dir eine Bestimmung zugedacht.

Das zweite folgt daraus:
Die Jugend ist die Zeit, in der die Berufung entdeckt, erprobt,
und auch schon ein Stück weit ausgebildet werden will.
Von dieser jugendlichen Phase der Berufung erzählt Jeremia.
Es hört sich (auch bei unserem Großformat aus der Bibel)
nach einer sehr unbequemen Phase an, voller Spannungen.
Man denke, seine Familie gehörte der Priesterkaste an.
Vater und Vorväter waren Priester gewesen.
Und selbstverständlich war auch der junge Jeremia für den Priesterdienst vorgesehen. Aber da sollte nichts draus werden,
weil Gott fand, dass gerade er das Zeug zu einem anderen,
allerdings gaanz schwierigen und äußerst undankbaren Job, hatte. Er sollte Prophet werden,
also Gottes Sprachrohr in richtig schwierigen Zeiten.
Diese… diese… ich sag mal bewusst „Berufungskiste“
ist für den jungen Jeremia garantiert nicht
glatt und kampflos abgegangen,
weder mit sich selbst, noch mit seinem Gott,
noch mit Familie und Öffentlichkeit.
Unsre knappen Verse zeugen von nicht geringen Diskussionen.
Bei Jeremias Berufung wurde das normale alt-jung-Gefälle (sprich: die Alten sagen, was Sache ist,
und biegen den Jungen bei, was Recht und Ordnung ist.)
dieses Gefälle wurde umgekehrt:
Der Junge soll den Alten texten, wo’s lang geht.
Der junge Jeremia braucht enorm viel Mut,
einer Erwachsenenwelt gegenüber zu treten.
Er soll ihr den Rost runter tun, im Namen Gottes.
Gott bestellt ihn zum Querulant, zum Sand im Getriebe,
er muss den Miesmacher machen
mitten unter einem Geschlecht, das selbstsicher, überheblich und gottvergessen sich eingelullt hatte.
Jeremia ahnt wohl, was ihm blühen könnte,
wenn er diese Berufung annimmt.

Nicht im Priestergewand, sondern im Straßenkittel wird er
nicht Psalmengesänge sondern Protestlieder singen,
nicht am Lesepult im Gottesdienst sprechen,
sondern in Ad-hoc-Auftritten auf Marktplätzen und Gassen,
nicht Ehrengast auf Tribünen sein,
sondern greenpeace-mäßiger Aktivist vor dem Königspalast.
Nicht schöne Kultrituale mit anschließendem Festessen wird es geben, sondern krasse Hinguck-Aktionen mit anschließendem
verhaftet, verhört und eingesperrt werden,
kein Applaus, sondern öffentliche Häme warten auf ihn.
Denn er wird nichts auslassen, nichts auslassen dürfen,
weil Gott es ihm auf die Seele bürdet,
er wird die Militär- und Bündnispolitik seines Königs angreifen,
die Wirtschafts- und Sozialpolitik des Landes geißeln,
geheuchelte Frömmigkeit, faule Gesetzgebung, verdrehte Rechtssprechung wird er anzuprangern haben.
Ja, den unaufhaltbaren Kollaps Jerusalems wird er ankündigen müssen, samt Zerstörung des Tempels und die Verschleppung der Restbevölkerung nach Babylon.
Das alles war – zwar noch nicht in Einzelheiten,
aber für einen Menschen mit Antennen wie Jeremia –
bereits am Horizont.
Wie überaus nachvollziehbar, dass Jeremia sagt:
„Dem bin ich nicht gewachsen.
Das soll machen wer will. Ich! kann! das! nicht!“

Jeremia hat recht damit.
Er hat recht damit nicht nur wegen des ganz großen Formats,
das dieser Auftrag braucht, sondern generell:
niemand ist seiner Berufung gewachsen.
Gottes Berufungen sind immer etwas zum Hineinwachsen.

Wo einer zu sendungsbewusst die Brust breit macht
und seine Berufung heraushängt,
da sollten wir ein paar Fragezeichen machen
Die wirklich Berufenen hatten dagegen stets hundert Ausreden.
Mose: ich habe eine schwere Zunge
Abraham und Sarah: wir sind zu alt für Kinder
Paulus: ich habe Menschenleben auf dem Gewissen.
Martin von Tour muss man aus dem Versteck im Gänsestall zerren,
Theresa von Avila, Hildegard von Bingen leiden tausend Krisen und Erkrankungen bis sie endlich zu ihren Berufungen stehen, die ihre Kirche ja Frauen generell abspricht.
usw. usw.
Selbst Jesus hätte am liebsten den Kelch seiner Berufung lieber nicht ausgetrunken, und nimmt ihn letztlich nur aus Gottes guter und geliebter Hand.

Jochen Klepper dichtet sehr treffend:

Kein Prophet sprach: „Mich Geweihten sende!“
Eingebrannt als Mal war es in allen:
Furchtbar ist dem Menschen, in die Hände
Gottes des Lebendigen zu fallen.
Kein Prophet sprach: „Mich Bereiten wähle!“
Jeder war von Gottes Zorn befehdet.
Gott stand dennoch jedem vor der Seele,
wie ein Mann mit seinem Freunde redet.
Kein Prophet sprach: „Gott, ich brenne!“
Jeder war von Gott verbrannt.
Kein Prophet sprach: „Ich erkenne!“
Jeder war von Gott erkannt.

So Kleppers Gedicht „Der Prophet“

So auch das Tauziehen zwischen Jeremias „ich bin zu jung“
und zu Gottes „sage nicht ‚ich bin zu jung’“.

Wer ein solches Tauziehen in der Seele kennt,
darf schließlich aber auch zum Dritten gelangen,
von dem unsere heutigen Bibelverse sprechen:
Zum großen, berührenden und gewinnenden
Fürchte-dich-nicht.
„Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“

Als junge Vikarin durfte ich neben einem Dekan arbeiten,
der ein herzlicher und nahbarer Mensch war,
dessen Predigten ich mochte. Einmal gestand ich ihm
meine Zweifel an meiner Eignung für diesen Beruf,
weil ich mich oft bis nachts um halb zwei
in den Sonntagmorgen quälte,
immer noch vor einem leeren Papier sitzend,
den Papierkorb voll mit zerknüllten Predigtentwürfen.
Da sagte er:
„Frau Kleih, ich kann Sie trösten: es wird nicht besser!“
Nach über drei Jahrzehnten gäbe es bei ihm nach wie vor schwere Geburten in den Nächten zur Sonntagspredigt.
Und manchmal sei es nicht halb zwei sondern halb fünf,
bis die Inspiration komme.
„Der Geist weht eben wann er will, aber keine Sorge:
er weht!“

Wer Berufung lebt, liebe Gemeinde, durchlebt Anfechtung.
Wer aber angefochten ist, erlebt auch Gottesberührung.
Das wunderbare Fürchte-dich-nicht berührt uns,
berührt den Mund der Sprechenden,
berührt Hand und Fuß der Musizierenden,
berührt das Herz der Erziehenden, der Pflegenden,
berührt den Verstand der Forschenden
berührt die Sinne der Kunst schaffenden,
berührt das Gewissen der Handel treibenden,
berührt den Geist der Regierenden und Verwaltenden,
berührt das Urteilsvermögen der Rechtsprechenden,

und berührt auch deine Seele,
ob du nun schornsteinfegerst oder welches auch immer gerade dein Beitrag zum Gesamtkunstwerk des Reiches Gottes ist.
Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, spricht dein Gott.
Amen.

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