Gold und Silber haben wir …

Geknicktes Rohr – glimmender Docht. Davon erlebe ich viel in meinem Leben. Ich sehe manchmal nur Not und Elend: Kranke, Behinderte, Arme. Manchmal sehe ich nur Geknicktes und Kaputtes. Dabei übersehe ich dann leicht, dass das, was ich analysiere als kaputt oder zerstört, doch erst einmal Leben ist – unvollkommen, aber Leben. Und unser Wochenspruch erinnert mich an Gottes Sichtweise, der erst dieses Leben sieht und es stark machen will.

Heute ist unser Predigttext aus der Geschichte der ersten Christenheit, der genau davon handelt, dass Menschen bei Jesus gelernt haben, Menschen anzusehen, als erstes ihre Würde wahrzunehmen und nicht ihre Defizite.

[TEXT]

Deutlich wird: der Handelnde ist Gott, ihn lobt der Geheilte. Aber vor den Toren des Tempels gibt es viele Menschen. Da gibt es Menschen, die Not leiden, die vor den Toren liegen und betteln oder auf andere Hilfen warten. Da gibt es Menschen, die eilen in den Tempel um anzubeten. Sind sie so mit ihrem Ziel beschäftigt, dass sie das Elend vor dem Tempel nicht mehr wahrnehmen. Oder verschließen sie sich vor dem Elend, weil es einfach zu viel Arme und Elende sind. Oder helfen sie an der ein oder anderen Stelle.

Ich kann es nicht beurteilen. Das hilft auch niemandem. Aber ich kann versuchen meine Rolle vor diesem Tempel zu finden. Vielleicht finde ich dann für mich die Rolle dessen, der diese Idylle fotografiert um den Daheimgebliebenen präsentieren zu können, wie es in dem antiken Jerusalem aussieht: Stellt Euch vor, da legen sie die Behinderten vor dem Tempel ab.

Vielleicht finde ich aber auch eine andere Rolle?

Gold und Silber hab ich nicht. Erst einmal eine enttäuschende Antwort. Erwartet werden durfte etwas Anderes von Menschen, die Aufmerksamkeit einfordern. Das sind in dieser Situation oft die, die großartig spenden wollen – großartig für den Spender und den Beschenkten. Das soll gesehen werden.

So treten diese Wanderprediger auf. Und dann doch anders: Ihr Kennzeichen ist die materielle Armut und der geistlichen Reichtum. Der ist zwar nicht zu erkennen, aber verleiht ihnen Kraft dem Behinderten nicht nur in die Augen zu schauen, sondern auch ihm zu helfen wirklich zu leben, aufzustehen.

Der Gelähmte verdient seinen Lebensunterhalt am Tempel. Er sitzt dort und bettelt. Das ist harte Arbeit. Wer schon einmal einen Stand besetzt hat vor einer Wahl oder einen Infotisch für eine Bürgerinitiative oder zur Diakoniesammlung unterwegs war, weiß wie schwer das werden kann wildfremde Menschen um Aufmerksamkeit zu bitten – und dann noch für eigenen Bedürfnisse. Das ist Arbeit.

Und darum tut er seine Arbeit dort, wo es Sinn ergibt. Am Tempel. Als Behinderter darf er nicht in den Tempel – so streng waren die Regeln damals. Aber an der Pforte, die die schöne heißt, da sitzt er, hofft auf Menschen, die mit viel Gefühl zum Tempel kommen und seine Arbeit lohnen.

Er hofft auf Menschen, die etwas vom Wesen des Glaubens verstanden: Ich kann nicht in den Tempel gehen ohne das Leid der Welt wahrzunehmen.

Was geschieht? Zwei Menschen lassen sich stören auf ihrem Weg zum Tempel. Sie haben nicht diesen Scheuklappenblick – zielorientiert auf den Tempel. Sie sehen den Menschen am Rand und sie sehen, dass ihre Menschlichkeit nichts wert ist, wenn sie ihn jetzt übersehen.

Darum schauen sie ihm in die Augen. Den Menschen ansehen, das ist der erste Schritt zur Heilung, dieser Schritt, den jeder von uns tun kann – immer wieder. Das ist das Elend, das viele Behinderte, aber auch manche Kranke ansprechen: Mir schaut ja keiner in die Augen. Das sagen nicht nur Rollstuhlfahrer. Das sagen auch Menschen im Krankenbett und sogar Blinden fällt auf, dass sie nicht angeschaut werden beim Gespräch. Darum fällt bei unserer Geschichte auf, dass Petrus bittet: Schau mir in die Augen.

‚Gold und Silber haben wir nicht‘. Die Umkehrung beschreibt kirchliche Wirklichkeit 2012: Gold und Silber haben wir, aber wir wissen nicht, wie wir Wunder wirken können. Wir sind reich an Gütern, aber arm daran, Menschen wirklich in die Augen zu sehen, sie ernst zu nehmen als Personen und Persönlichkeiten.

Vielleicht könnten wir damit anfangen, dass wir das Elend wahrnehmen und den Menschen in die Augen schauen; denn das Elend sind nicht die Menschen, die leiden, sondern das Leid. Der Mensch bleibt immer Mensch, ob krank oder behindert oder jung, sportlich und erfolgreich. Und diesen Menschen dürfen wir ernst nehmen, ihm in die Augen schauen und vielleicht damit schon einen Teil seines Leidens lindern.

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