Was Jeremia wirklich dachte

Liebe Gemeinde,

Wenn die Welt sich gegen Gott verschließt, bleibt sie stehen und verdirbt. Es steht zu befürchten, dass dies schon im Gange ist. Unser Welt ist gegen Gott verschlossen.

Das ist meine These, meine Behauptung, mit der ich die Predigt heute beginnen möchte. Dieser düster-drohenden Behauptung folgt ein zweiter Satz. Worte der Hoffnung: Rettung hat unsere Welt, wenn in ihr das Wort Gottes zur Sprache, zum Gehör, zum Gehorsam findet.

Das sind recht steile Thesen. Ich möchte ihnen im Folgenden keinen abstrakten Vortrag halten.

Deswegen lade ich sie ein, sich vorzustellen, Jeremia wäre einer unserer Zeitgenossen.

"Ich bin zu jung". Mit diesem Argument wehrte Jeremia einst den Auftrag Gottes ab. Nein, ich will nicht dein Prediger sein. Man kann annehmen, dass er selbst über sein Berufungserlebnis berichtet hat: "Ich bin zu jung". Ich frage mich: War das wirklich sein einziges Gegenargument? Er lebte zwar in einer archaisch geprägten Gesellschaft, die Weisheit und Weisung an das Alter gebunden hatte. Aber da muss noch mehr im Spiel gewesen sein. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Jeremia nur wenig von dem verraten hat, was er damals im Gebet mit Gott besprochen hatte. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er weitaus heftiger und mit weitaus mehr Argumenten versucht hatte, Gottes Anspruch abzuwehren.

Stellen wir uns vor, er bekäme seinen Auftrag in unserer Gegenwart, in unseren Tagen.

Heute würde er wahrscheinlich noch mehr Einwände und noch mehr gute Gründe finden, sich gegen seine Mission zu wehren. Wir würden erfahren, was Jeremia wirklich dachte.

Stellen wir uns vor, Jeremia wäre unser Zeitgenosse. Wie damals ist er auch heute nicht so ohne weiteres bereit, sich dieser ihm von Gott aufgenötigten Predigt-Aufgabe zu stellen. Wenn Jeremia einer unserer Zeitgenossen wäre, einer vielleicht aus unserer Kirche: Dann würde er nicht nur versuchen, sich mit seiner Jugend zu entschuldigen.

Wahrscheinlich würde er so sprechen:

1. Predigt hat keinen guten Ruf.

Herrgott, predigen soll ich. Aber lass dir sagen: Wen interessieren denn Predigten heutzutage? Die Predigt hat in unserer Gesellschaft keinen wirklichen Stellenwert. Frag doch die jungen Leute, was sie von Predigten halten. "Langweilig" mag noch eines der harmlosesten Urteile sein. Und schau doch, Herr, wer überhaupt Bücher kauft, in denen Predigten abgedruckt sind. Die Käufer könnte man ja nahezu namentlich aufzählen. Auf dem deutschen Buchmarkt sind derzeit höchstens zehn Bücher mit Predigten zu haben. Viele davon im Antiquariat. Eines davon verspricht, dass keiner der Texte länger als sechs Minuten dauert. Nein, ich will nicht predigen! Die Menschen wollen dein Wort nicht hören.

Wie Gott antworten würde? Vielleicht so: Lieber Jeremia! Predigt ist Rede. Also dein Gegenargument mit den wenigen Büchern lasse ich nicht gelten. Es gibt allein in Deutschland gut 16.000 evangelische Kirchengemeinden, in denen mein Wort sonntäglich verkündet wird. Soll ich dir die Zahl aller Kirchengemeinden aller Konfessionen aller Kontinente auch noch sagen? Traust du meinem Wort nichts zu? Ist es das? Du hast kein Vertrauen in mein Wort!

2. Die Menschen heute verachten eigentlich das Wort. Es zählt für sie nichts.

Natürlich traue ich deinem Wort, setzt Jeremia sich zur Wehr. Mir persönlich ist es das Allerwichtigste. Aber die Menschen um mich herum verachten Worte. Nein, nicht nur dein Wort, sondern Worte überhaupt. Wie ich darauf komme? Höre dir diese Zeilen an. Goethe hat sie geschrieben:

Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
(Goethe, Faust I)

Du hast uns Menschen zur Sprache begabt. Aber wir reden nicht gerne. Das ist vielen von uns viel zu mühselig und zu gefährlich. Menschen, die frei reden und denken, darben in den Gefängnissen dieser Welt.

Worte gelten uns als Gewaff, als Schwatzerei. Taten. Menschen heute wollen Taten sehen. Was immer das heißen soll? Wir verachten unsere Politiker, weil sie so viele leere Worte von sich geben. Wir erfahren so oft, dass ein großer Widerspruch zwischen dem besteht, was Menschen sagen und was sie tun.

Es heißt doch auch in der Bibel: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Also auch du selbst legst doch mehr Wert auf Taten, als auf Worte.

All unser Reden ist eingeengt. Überall stehen Wächter um uns herum, die uns schelten, wenn wir nicht "politisch korrekt" sprechen.

Oder es heißt: Schweig, du hast keine Sachkenntnis. Du verstehst nichts von Wirtschaft und Finanzen. Also sei still! Das macht viele Menschen so mutlos und wir schweigen lieber, ehe wir für dumm gehalten werden. Das kann doch keine Sünde sein, wenn wir still sind, oder?

Gott schweigt eine ganze Weile. Jeremia vernimmt nichts mehr. Gott schweigt weiter. Plötzlich bekommt Jeremia Atemnot und sein Herz beginnt zu rasen. Ihm wird schwarz vor Augen.
"Gott, mein Gott", schreit er.
"Spürst du, was passiert, wenn geschwiegen wird? Spürst du, was geschieht, wenn ich schweige?"
"Du hättest mich fast umgebracht!" empört sich Jeremia.
"Hast du gespürt, was durch Schweigen geschieht?"
"Ja, Herr, wenn das Wort des Lebens, wenn dein Wort schweigt, hört das Leben auf."

"Lehre das die Menschen: Ohne Sprache, ohne Worte habt ihr nichts. Ihr Menschen wüsstet nichts, könntet nichts erkennen, hättet ihr keine Sprache. Ihr wüsstet nicht einmal euren eigenen Namen, hättet ihr keine Worte. Alles, was ihr tut, alles, was ihr wisst, alles, was ihr denkt geschieht in Worten, in der Sprache. Diese habe ich euch gegeben, weil ich darin bei euch bin. Der Mensch lebt von einem jeden Wort, das aus meinem Munde kommt. Wenn in euch Sprache erstirbt, erstirbt das Leben. Jedes Wort ist eine Tat. Und in jeder Tat vollziehen sich Worte. Wie dumm seid ihr, dass ihr hier trennen wollt?"

Sprache ist Leben. Leben geschieht in Sprache.

3. Es ist so viel Verderbnis in dieser Welt. Das macht mich mutlos.

Aber das genau ist es ja, was mich so mutlos macht, platzt es aus Jeremia heraus. Es sind so viele kalte Gedanken in unserer Welt. Es sind so viele heimliche Worte da, die uns bestimmen. Es ist so viel Verderbnis in uns. Es wohnen so viele böse Worte in unserer Mitte.

Gott ruft dazwischen: Dann fordere sie heraus, dass sie das, was sie heimlich flüstern, laut aussprechen.

Gott, das ist gefährlich, gefährlich auch für mich! Es ist eine Krankheit in unserer Welt, eine fruchtbare Krankheit, die ich doch nicht heilen kann. Was das für eine Krankheit das ist? Sie heißt "Korruption". Überall, überall sind Menschen, die nur den eigenen Vorteil sehen. Aber eigentlich bräuchten wir Menschen, die für das Leben denken. Wir brauchen Männer und Frauen, die das Leben gestalten, die für andere denken, die das Leben denken und aus diesen Gedanken, aus deinen Gedanken, Herr, dem Leben Bahn brechen.

Aber wir haben diese Menschen nicht mehr. Ich sehe kaum noch einen, der nicht den eigenen Vorteil sucht. Schamlos, unverschämt schamlos handeln die Menschen, speisen uns ab mit Brot und Spielen und betrügen uns dabei und suchen nur ihren Vorteil. Korruption ist unsere Krankheit, der wir uns nicht erwehren können.

Herr, deine Welt zerbricht an der Habgier derer, die ihr Leben sichern wollen, indem sie allen anderen das Leben rauben, ihnen kein Brot gönnen, mit derer Leben spielen, darauf wetten, dass sie verhungern und dadurch noch reicher werden.

Und ich soll die Welt herausfordern, sie müsse sagen, was sie heimlich denkt? Man wird mich auslachen. Und wenn ich deinen Namen erwähne, wird man mich für toll und dumm und naiv halten. Herr, dein Name wird verschwiegen in unserer Welt. Dein Geist wird zum Verstummen gebracht. Wollte ich deinen Namen nennen auf den Markplätzen dieser Welt, so würde man mich verlachen.

Es ist, als habe sich die Welt gegen dich verschlossen. Sie treibt das Spiel mit dir, das du mit mir getan hast: Wir schweigen über dich und dadurch wirst du sterben.

Es ist so viel Verderbnis in dieser Welt. Das macht mich mutlos.
Unsere Welt ist gegen dich verschlossen. Wir geben dir keine Zukunft.

Erschrocken hält Jeremia inne. Habe ich dich beleidigt? Bin ich zu weit gegangen? fragt er besorgt und horcht auf seinen Herzschlag.

Gott aber spricht zu ihm: Wohin ich dich sende, predige alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Ich will, dass ihr lebt. Ich habe kein Gefallen am Tod des Sünders.

Und dann streckte Gott seine Hand aus und rührte seinen Mund an und sprach zu ihm: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Predige mein Wort.

Geh. Ausreißen sollst du ihre Wortverachtung. Pflanze in ihren Herzen Liebe zu meinem Wort.

Einreißen sollst du ihre Selbstgefälligkeit und Habgier. Baue in ihrem Verstand einen Raum für Nächstenliebe.

Zerstöre ihren Unglauben. Denn blieben sie verschlossen gegen mich, so müssten sie verderben und umkommen.

Verdirb du ihre Lebensangst. Lehre sie Bescheidenheit und lehre sie erkennen, dass niemand davon lebt, dass er viel besitzt.

5. Woher soll ich meine Sprache nehmen?

Aber, aber, stottert Jeremia- wohlwissend, dass all seine Gegenwehr sinnlos geworden ist – woher nehme ich denn die Worte, die ich sprechen soll?

Gott aber hat das Gespräch mit ihm beendet. Jeremia geht in seinem schweigend Zimmer auf und ab. Er greift nach einem seiner Bücher. Schlägt dessen Seiten willkürlich auf. Liest:

KOMMT
Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.

Und schon so nah den Klippen,
du kennst dein schwaches Boot –
kommt, öffnet doch die Lippen,
wer redet, ist nicht tot.
(Gottfried Benn)

Wird es Jeremia gelingen, Gott zur Sprache zu bringen? Woher nimmt er die Worte, die er reden wird? Wird die Welt verderben? Was geschieht nach Jeremia? Hat Jesaja einen besseren, einen leichteren Auftrag? Haben wir noch Rettung? Wir kommt Gott bei uns zur Sprache?

Von all diesen Fragen handelt die Predigt am kommenden Sonntag.

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