Leben als ob ein Gott ist

Leben als ob es Gott – nicht – gibt…
Unvorstellbar für manche, die sich selbstverständlich am Morgen eines jeden Sonntags auf den Weg machen, der anfänglichen Stille dieses einen Tages in der Woche noch ganz verfallen sich vom Ruf der Glocken einfangen lassen und Gottesdienst feiern.
Leben als ob es Gott – nicht – gibt…
Das mag für einen großen Teil der Menschen in unserem Land der Normalfall sein. Selbst die positive Antwort auf die Frage, ob jemand an Gott glaubt, gibt noch keine Auskunft darüber, ob dieser Glaube im Alltag, in der Normalität von Tag zu Tag, zwischen Montag und Freitag, am Arbeitsplatz, im Haushalt, bald auch wieder in der Schule irgendetwas im Leben verändert – selbst bei den Menschen, die die Annahme eines Gottes bejahen oder darüber hinaus sich womöglich noch nicht festgelegt haben, an welchen Gott sie denn glauben…
Trete ich uns zu nahe, wenn ich behaupte, dass sich wahrscheinlich auch unser Leben davon nicht wesentlich unterscheidet?
Manche diagnostizieren eine große Diskrepanz zwischen Sonntag als der Zeit für Gott und dem Alltag, wo ich keine Zeit, keinen Raum, vielleicht sogar keine Notwendigkeit sehe, mit Gott in den kleinen, alltäglichen Dingen zu rechnen und umzugehen.
„Glaube am Montag“ blieb eine weitgehend unbemerkte Aktion des vergangenen Jahres in vielen Gemeinden und Kirchen, der Slogan „ohne Sonntag gäbe es nur Alltag“ ist da als ältere EKD-Initiative deutlich lebensnaher und lebensrelevanter, weil er den Kulturverlust thematisiert, der auch für Nichtchristen auf dem Spiel steht…
Drehen wir einmal die Perspektive um.
Gottes Leben als ob es für ihn Menschen – nicht – gäbe…
Gott also alltäglich ohne Interesse an mir und dir, so wie er alltäglich hier und da in der Welt ohne Interesse zu sein scheint?
Und wir Menschen folglich verloren und verlassen im Gestrüpp des Alltags? Das fühlt sich nicht weiter schlimm und erschreckend an, solange ich mein Leben noch im Griff habe, sich alles im sprichwörtlich grünen Bereich bewegt und ich an der Verwirklichung meiner Träume zielstrebig arbeiten kann. Manche Meldungen erschrecken uns dabei dann nur kurzfristig:
Bernd Meier, so eine Meldung am Freitag, früherer Bundesligatorhüter u.a. bei Borussia Mönchengladbach, verstarb mit 40 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes… Selbst wer ihn nicht kennt, reagiert betroffen auf den Tod eines jungen und doch eigentlich sportlichen Menschen.
Kofi Annan gibt seinen Posten als Syrienbeauftragter der Uno wegen mangelnder Erfolgsaussichten auf. Ob da noch einmal Friede einkehrt und das Morden ein Ende findet?
Die Krebserkrankung der Nachbarin, der Fahrradunfall auf dem Weg zur Schule und die drohende Arbeitslosigkeit des besten Freundes, gehen dann viel näher, stellen eigentlich alle Selbstverständlichkeiten in Frage. Mancher fragt sich im Stillen, ob da irgendwo im Verborgenen ein Gott über alles wacht und waltet und mir vielleicht nur eine Erklärung schuldig bleibt?
Gott – von Montag bis Freitag und manchmal auch Samstag und Sonntag ohne Interesse an seinen Menschen, an seinem Volk, an den religiös interessierten oder ignoranten und unser Raumschiff Erde ohne Plan und ohne Ziel sinnlos unterwegs durch Raum und Zeit?
Ich finde diesen Gedanken ebenso unerträglich wie ich manchmal meine eigene Ignoranz dem Anspruch des Glaubens an meinen Alltag gegenüber ärgerlich finde und nach Wegen und Übungen suche, wie ich Gott und Glaube in meinen Alltag nicht nur in Krisen, sondern auch in Hoch- , Friedens- und Glückszeiten integrieren kann. Denn zu meinem Menschenbild gehört eine Gottesbeziehung ebenso dazu wie zu meinem Gottesverständnis seine Sehnsucht und sein Wunsch nach uns Menschen gehört.
Es gibt kein Leben, als ob es Gott – nicht – gibt.
Ich halte es für einen Irrglauben, Gott letztlich entkommen und seinem Anspruch dauerhaft ausweichen zu können.
Aber keine Bange: das ist kein Grund sich zu fürchten!
Jeremia erlebt den Anspruch Gottes in seiner ganzen Radikalität: es ist dein Los, es ist dein Schicksal, es ist dir vorherbestimmt: ehe ich dich im Mutterleibe bereitetet und du von deiner Mutter geboren wurdest, bestellte ich dich zum Propheten.
Gott hat sich für jeden schon etwas gedacht, ehe der erste Atemzug getan wurde, ehe die ersten Bewegungen im Mutterleibe zu spüren waren, ehe die Eltern ihren Wusch nach einem Kind formulieren oder ihren anfänglichen Schrecken über die ungeplante Schwangerschaft vertreiben konnten.
Was hier exemplarisch für einen Erwählten mit allen Konsequenzen durchbuchstabiert wird, ist dennoch die Grundwahrheit des Glaubens für jeden Menschen, den Gott gewollt, gedacht, geliebt und angesehen hat, bevor überhaupt etwas zu sehen oder zu spüren war.
Das ist für mich nicht Gotteswahn, wie Religionskritiker diese Überzeugung, die am stärksten aus dem gebeteten Psalm 139 spricht, kritisiert haben, sondern zeigt vielmehr den realen und fatalen Wahnsinn unserer selbstgemachten menschlichen Verhältnisse auf, wenn wir mit Gottes Plänen und Gedanken, seinen Wünschen und Ideen so planlos und verantwortungslos umgehen, dass Menschen unter menschlichen Verhältnissen ihrer Chancen auf Leben, auf Erfüllung, auf sinnvolle Aufgaben, Verwirklichung und Anerkennung beraubt werden. Wer regt sich denn noch über diesen Skandal auf statt sich mit so viel überschüssiger Energie über Gottesbilder zu ärgern, die Menschen angeblich Angst machen.
Dass wir uns selbst gerne Ansprüchen von außen entziehen, sei zugestanden. Warum sollten wir besser sein als Jeremia, dem selbst, doch wohl gottesgläubig, hundert Gründe einfallen, warum er jetzt gerade nicht gehen, predigen, sich in Dienst nehmen lassen kann…
Aber hinter und durch jeden Anspruch leuchtet nach meiner Überzeugung ein viel größerer Zuspruch durch: Gottes Aufmerksamkeit und Zuwendung, Gottes gute Gedanken und seine Wegbegleitung durch alles Auf und Ab des Lebens.
Dabei ist nicht jeder zum Propheten geboren und berufen, aber als Gotteskinder und damit als Gottes Zeugen und Künder sind wir alle angesprochen und auf die Spur gesetzt.
Leben als ob es Gott gibt: das ist die eigentliche Herausforderung.
Und die Verheißung lautet: nicht so, als seid ihr dabei allein auf euch angewiesen, sondern der, den ihr so lebt und mit dem ihr so lebt, der unterstützt euch tatkräftig und wirkmächtig dabei.
Zum Beispiel, wenn es um Glauben auch am Montag geht und wir vielleicht so schon zu kleinen Gottesboten und Gotteszeugen in unserer alltäglichen Lebenswelt werden.
Ein paar Vorschläge für Erinnerungszeichen Gottes im Alltag habe ich einmal ausgelegt, übrigens nicht um ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern um zu ermutigen, mit Gottes helfender und heilender Gegenwart auch zu rechnen und nicht nur von ihr zu reden!
Und dann mag jeder davon halten, was er mag:
Vom Kreuz an der Wand der Küche oder des Arbeitszimmers, das mich erinnert wem ich im Leben und im Sterben mit Ewigkeitswert gehöre… Vom Losungsbüchlein auf dem Frühstücksplatz mit dem guten oder klaren Wort für jeden Tag, vom Poster im Flur, vom kleinen Herrgottswinkel mit Kerze und Bibel im Wohnzimmer oder dem Bildschirmschoner mit freundlichen Erinnerungen und Tröstungen… Fangen wir an mit dem Leben, als ob es Gott gibt.
Denn er hat uns gesehen und gemeint, gerufen eingeplant, ehe wir gebildet und, ich gebe es zu, manchmal auch ins Leben geworfen wurden! Amen

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