Ich erzähle Ihnen von meinem Gottvertrauen

Liebe Gemeinde,

vor 14 Tagen war ich auf der documenta. Das ist die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Sie findet alle fünf Jahre in Kassel statt und dauert 100 Tage. Eine Arbeit hat mich besonders angesprochen. Es ist ein Haus – eigentlich ein Holzhaus für Gartengeräte von Obi –, das in den Karlsauen, dem großen Schlosspark, aufgestellt worden ist. Die Außenseite ist von oben bis unten mit neonfarben Plakaten tapeziert. Auf den Plakaten sind Anzeigen aus der Sparte „Suche – Biete“ zu lesen. „Ich führe Sie durch Berlin und zeige Ihnen die schönsten Plätze, die buntesten Blumenwiesen und schattigsten Bänke“ steht auf einer dieser Anzeigen. Auf einer anderen: „Ich möchte Saxophon spielen lernen, wer bringt es mir bei?“ Und ein drittes Beispiel: „Ich backe für Ihre Party Kuchen und Plätzchen.“

Erst einmal ist an diesem Werk von Anton Vidokle und Julieta Aranda nichts Besonderes. Wir kennen alle solche Anzeigen. Das Besondere ist die Währung, in der die Tauschgeschäfte abgeschlossen werden. Hier geht es nicht um den Tausch von Ware, sprich Dienstleistung gegen Geld. Das Kunstwerk heißt „Time/Bank“, Zeit/Bank. Die Währung sind Zeit und Fähigkeit.

Jeder und jede bringt das ein, was er, was sie kann. Das ist etwas sehr Schönes, denn niemand kann gar nichts. Die einen können zuhören oder vorlesen oder mit anderen singen, andere können Sprachen oder Gedichte aufsagen, wieder andere sind handwerklich geschickt oder kochen ganz wunderbar und für wieder andere ist eine Steuererklärung eine leichte Übung. Und auch unsere ganz Kleinen sind wichtig. Mit ihrem Lächeln bringen sie die Sonne in unsere Herzen.

Was können Sie? Mit welcher Anzeige wären Sie auf dem Haus in Kassel zu finden?

Um Fähigkeiten geht es in unserem heutigen Predigttext. Aber mit den Fähigkeiten sind, und das kennen sicherlich einige von uns, Zweifel verbunden. Zweifel, ob das, was ich kann, ausreicht, um das zu tun, was ich will oder soll.

Auch der Prophet Jeremia kannte das. Aber hören wir ihn selbst, ich lese aus dem 1. Kapitel des Buches Jeremia:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, wir wissen nicht, wie alt Jeremia bei seiner Berufung war. Aber das ist auch nicht wichtig. Hinter dem „ich bin zu jung“ des Jeremia steckte der Zweifel, ob er der Aufgabe, zu der Gott ihn ausersehen hatte, auch gewachsen sein würde. Dass er es war, wissen wir. In der Bibel wird von ihm als religiösem und politischen Bußprediger erzählt. Aber er war nicht mächtig wie Elia, nicht beredt wie Jesaja oder engelhaft wie Hesekiel, sondern er war furchtsam und zurückhaltend. Wie konnte er da Jahwes Prophet werden!

Gott dagegen wusste, was in ihm steckte. Genauso wie er weiß, was in uns steckt – in mir, in Euch, in Ihnen. Und das ist auch das, was wir aus dieser Geschichte lernen können. Denn vergleichen können wir unser Leben mit dem des Jeremia nicht. Wir hier in Deutschland leben zur Zeit nicht in unruhig kriegerischen Zeiten wie Jeremia im 7. / 6. Jh.v.Chr in Juda. Von uns wird niemand verfolgt, inhaftiert, gedemütigt und ist Ziel von Mordanschlägen. Wir müssen nicht der Deportation unserer Mitbewohnerinnen und Mitbewohner zuschauen und uns droht auch keine Verschleppung ins benachbarte Ausland. Das alles widerfuhr Jeremia.

Und dennoch, als ich den Predigttext las, war er mir gleich ganz nah! Ich stellte mir Jeremia vor, wie er erkannte, was seine Aufgabe in der Welt sein sollte: öffentlich reden, predigen. Und zugleich zweifelte er in tiefster Seele daran, ob er das könne. Ob er es jetzt schon könne.

Ich erkannte mich in dem Propheten wieder. Hin- und Hergerissen sein zwischen meinem Selbstbewusstsein und meinem Selbstzweifel. Hin- und Hergerissen sein zwischen meinem Streben, ein bestimmtes Ziel zu erreichen und meinem Zweifel, ob es mir gelingen kann. Und der Gedanke, was mir in solchen Momenten hilft. In solchen Phasen, wenn sich das Gewicht zum „ich bin zu jung“ neigt. In der Bibel steht es! „Sage nicht, du bist zu jung. Fürchte dich nicht! Ich bin bei dir.“ Auf diese Zusage Gottes zu vertrauen bedeutet, nicht das eigene Zittern zu betrachten oder die Schwächen aufzuzählen. Auf Gott zu vertrauen bedeutet, die innere Stimme ernst zu nehmen, auf die eigenen Stärken zu schauen, die eigene Energie zu fühlen. Und es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass es einen göttlichen Plan der Güte für uns gibt.

Aber, liebe Gemeinde, dieses Gottvertrauen muss – wie jedes andere Vertrauen auch – wachsen. Gottvertrauen müssen wir er-leben, wir müssen es uns er-leben. Nur, wenn andere uns davon erzählen und wir es – immer wieder – selber erfahren, dass unser Vertrauen zu Gott der Boden ist, auf dem wir stehen, nur dann können wir in den Zeiten des Zweifels und der Unsicherheit auf diesem Boden Halt finden. Wenn andere und unser Leben uns gelehrt haben, dass unser Vertrauen zu Gott keine Selbsttäuschung ist, sondern eine lebensvolle Zusage, dann werden wir vor Zweifeln zwar nicht bewahrt bleiben. Aber wir werden sie überwinden können und mutig den Weg, den wir für den richtigen halten, gehen.

Und auf das Anzeigenhaus könnten wir das Plakat anbringen, auf dem steht: Ich erzähle Ihnen von meinem Gottvertrauen.

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