Jerusalem

Liebe Gemeinde;
„Jerusalem. Geh ein, geh ein durch die Tore. Räumt die Steine weg.“
Erste Junihälfte 2011. Anflug auf Tel Aviv. Gegen 1500 Uhr landen wir. Flughafen, wie überall auf der Welt. Glas, Stahl, Beton, Klimaanlage. Die Einreisekontrolle geht erstaunlich rasch und unkompliziert. Where do you come from now? Frankfurt. Your first stay in Israel? Yes. What do you plan to do here? Travel around, especially see Jerusalem. Die Grenzbeamtin lächelt. Jerusalem… wer fährt schon wegen Tel Aviv oder Haifa oder Herzliya oder Nethanya nach Israel. Jerusalem. – Den Bushalteplatz finden. Raus aus dem Flughafen. Erst Mal eine Rauchen. Seit Frankfurt nicht mehr geraucht. Boooh, ist das eine Hitze hier. So ein blauer Himmel, so eine mächtige Sonne. Das ist nicht Sommerfrische am Ostseestrand, das ist ein anderes Kaliber. Da der Bus. Schnell rein. Drinnen ists kühl. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. – Es geht los. Abfahrt. Erst über Zubringerstraßen, autobahnähnliche Strecken, durch Küstenebene, die in der Hitze flimmert. Und dann, nach ein paar Kilometern nur bergauf. Immer nur bergauf. Das Land ist felsig, aber doch auch grün. Viel Buschwerk, viele niedrige Kiefern. Hoch. Hoch. Auf 1000m hoch. Der Bus gibt alles, der Diesel arbeitet. Auf einmal Häuser. Kreuzungen. Verkehr wird dichter, die Strassen enger. Voller. Es wimmelt von Menschen auf den Gehsteigen. An den Bushaltestellen. Man wird sie nennen „Heiliges Volk“. Ja, sie sehen auch heilig aus, diese Menschen. Heilig im Sinne von „Nicht wie gewöhnlich.“ Sie tragen Kipas auf dem Kopf. Die Frauen Kopftücher. Sie tragen Hüte, sie tragen z.T. sogar schwarze Anzüge – bei der Hitze. Sie haben Locken und lange Bärte. Hier sind wir Juden, hier dürfen wir es sein. Hier zeigt keiner mit dem Finger auf uns. Hier verpasst uns niemand gelbe Sterne. Hier sind wir das Volk des Herrn. Ein Geschäft mit Aufschrift. Ich entziffere im vorbeifahren die hebräischen Buchstaben: da steht auf Hebräisch „Goldblum“. – Jerusalem. Eine Seitenstrasse. Bethlehem Street. Ein Kloster. Der Bus hält. Wir sind da, hier werden wir wohnen. Unser Hospiz, geführt von Österreichischen Nonnen. Heiliges Volk. Mit riesigem Garten voller Bäumen, die Schatten spenden.
Geh ein, geh ein durch die Tore. Nur wenige Minuten zu Fuss sind es vom Kloster zum Stadttor der Altstadt. Hohe Mauern umgeben das Innerste, das Allerheiligste dieser Stadt, den Bezirk, wo alles sich verdichtet: Via Dolorosa, Grabeskirche, Golgotha, Klagemauer, Tempelberg, Al Aksamoschee. Imposante Mauern, bestimmt 20m hoch. Ich habe Wächter über Deine Mauern gestellt. Nein, obendrauf sind keine Wächter mehr, die sitzen links und rechts der Tore. Die laufen überall in der Altstadt herum. Soldaten, kaum älter als 20, immer zu zweit, immer die Maschinenpistole griffbereit. Die fackeln nicht lange, wenn was ist. Ein Gewimmel von Menschen in den Gassen, exaltierte Amerikaner auf Pilgerreise zum Holy Land, Russen, die Damen grell geschminkt, die Männer im Muskelshirt. Araber, in der Altstadt leben Unmengen von Arabern, der Muezzin ruft „Allahu akbar“. Der Lautsprecher ist laut und krächzend. Männer im Kaftan, Männer mit Bärten, Männer mit Hüten, Männer mit Priesterkluft, mit Mönchsgewändern, Frauen im Schleier, Frauen mit Kopftuch, Nonnen, Russen, Amis, ein paar Deutsche, einige Dänen und Schweden, Juden, Muslime, Christen, Soldaten, und Kinder, überall arabische Kinder. Hier brauchts kein Erziehungsgeld, um Geburten zu fördern. Hier nicht. – Heiliges Volk? Alle wollen beten. Atheisten, die gibt’s hier wohl praktisch gar nicht. Alle sind wegen Gott hier. Hier. Jerusalem. Machet Bahn. Räumt die Steine weg. Tochter Zion, Dein Heil kommt…aber es ist noch nicht da. Es gibt Betende in dieser Stadt ohne Ende, aber doch fliegen Steine, doch brauchts Soldaten, Wächter mit Maschinenpistole, aber doch brauchts Checkpoints mit Taschenkontrollen vor den Heiligtümern.
Es ist Sonntag. Früh kurz nach halb acht. Ich bin allein in die Altstadt gegangen. Ich will sie für mich haben, mit Ruhe, mit der Morgenkühle, ohne Busgruppen, ohne laut rufende Händler, ich will beten. Ich will im heiligen Grab und auf Golgotha beten. Die ersten Händler und Kaffehausbesitzer sind schon aktiv. Mit Wasserschläuchen spülen sie den Staub vom Pflaster, bereiten ihr Geschäft vor. Aber noch ist alles zu, noch sind kaum Leute da, noch ist die Sonne niedrig. Noch ist die Grabeskirche leer. Jedenfalls ziemlich leer. Die Kopten beginnen die Messe. Viele Priester und einige Pilger aus Ägypten. Auf Golgatha nur einige Griechen oder Zyprioten, die das Kreuz küssen und den Fels anfassen. Ich sinke auch auf die Knie. Am Grab eine Gruppe aus Russland. Alle in Weiß. Frauen geschminkt, Männer mit Kahlkopf und ganz breiten Schultern. Im Grab bin ich mit einem Russen für ein paar Minuten allein, der Mönch lässt uns beten. Wir knien, wir küssen den Aufbahrungsstein. Der Russe weint, der Riesenkerl weint, heiliges Volk. Aber doch kein Heil, kein Frieden in Jerusalem. Denn er ist nicht hier. Christus anesti, steht im Grab, Christus ist auferstanden, er ist nicht hier, seht die Stelle, wo er gelegen hat. Auf Golgatha nur ein Fels, nur ein Kreuz und Bild von ihm, eine Ikone, aber nicht er selbst. Er ist nicht hier, sein Reich ist nicht von dieser Welt, hier begreifst du das. Auch Jerusalem ist Welt, nicht Himmel, auch Jerusalem ist nicht Paradies, sondern Erde. Wie überall auf der Welt…es wird gebetet, geglaubt, gehofft, geweint, und doch ist nirgendwo Paradies und nirgendwo Frieden. Jerusalem ist nicht im Himmel, nichts ist im Himmel, was hier auf Erden ist.
Enttäuschung? Gott gesucht, Heil gesucht und doch nur Felsen geküsst?
Die Kopten sind mit der Messe immer noch nicht fertig. Neugierig stell ich mich dazu. Ich versteh nichts von diesen aramäischen Gesängen. Aber ich sehe, dass es nun an die Kommunion geht. Brot wird verteilt. Christi Leib für Dich gegeben. Von Priestern aus einer Art Kiosk-Luke heraus, die man im Altar öffnen kann. Die Pilger aus Ägypten bilden eine Schlange. Zack, da stellst Dich einfach zu. Eine kleine, alte Frau vor mir erhält ein ganzes Fladenbrot vom Priester. Er lächelt mir und ihr zu und sagt irgendwas. Sie bricht das Brot, gibt mir die Hälfte ab. Sagt Amen. Ich sage auch Amen. Wir sitzen dann schweigend auf einem Steinvorsprung an einer Säule und kauen unser Brot. Beide.
Sagt der Tochter Zion, Dein Heil kommt. Siehe, was er gewann ist bei ihm. Was er sich erwarb, geht vor ihm her. Macht Bahn, räumt die Steine weg. Tore auf. Herzenstore auf. Vorurteile beiseite. Ein Brot aus Ägypten, ein Blick aus dem Altarfenster, Christi Leib für dich und dich. Ein Steinsims vor der Säule. Frieden-und wenn es nur ein flüchtiger Moment war des Friedens. Mitten in Jerusalem. Amen.

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