Du bist berufen

Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich noch an Ihren Weg zum Glauben?
Vielleicht gehören Sie zu denen, die von klein auf hineingeführt wurden. Die ganz selbstverständlich Sonntag für Sonntag mit den Eltern in die Kirche gingen oder in den Kindergottesdienst. Schon vor dem Konfirmandenunterricht waren Ihnen dann Bibelgeschichten und Lieder vertraut. Das geforderte Lernen vielleicht nur eine Bestätigung. Irgendwann konnten Sie spüren, dass diese regelmäßige Übung eine Sicherheit im Leben bietet.
Vielleicht gehören Sie aber auch zu denen, für die es erst eines einschneidenden Erlebnisses bedurfte, bis Sie erkannt haben, dass Gott an Ihrer Seite steht. Das Erlebnis einer Bewahrung oder auch eine tiefe Krise in Ihrem Leben, eine Krankheit vielleicht oder der Verlust eines geliebten Menschen. Auf einmal wurde die Bindung an Gott, die bis dahin kaum eine Rolle spielte, zum wichtigsten Halt in Ihrem Leben.
Egal wie Sie zum, Glauben gefunden haben, heute sind Sie hier. Sie haben Gottes Ruf gehört. Sie haben bei ihm Halt gefunden.
Der für heute vorgesehene Predigttext erzählt auch von so Weg zum Glauben. Am Beginn des Buches Jeremia wird von dem Propheten so erzählt:
„Und des HERRN Wort geschah zu mir: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“
Ich aber sprach: „Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“
Der HERR sprach aber zu mir:“ Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR“.
Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“
Vermutlich haben Sie diese Berufungsgeschichte schon einmal gehört. Einen großen Auftrag bekommt Jeremia hier aufgeladen. Wer das weitere Buch kennt, weiß, dass Jeremia auch der leidende Profet genannt wird. Zu Recht wehrt er sich gegen diesen Auftrag. Er wird fast daran zerbrechen.
Wie immer beim Lesen der Bibel, lohnt es sich auch hier, genau hinzuhören.
Der Text beginnt mit Gottes Zusage: Schon lange vor deiner Zeugung kannte ich dich. Du bist mir so wichtig, dass ich deinen Weg von Anfang an begleitet habe. Bevor Gott etwas von einem Menschen erwartet, steht die Zusage. Ich habe dich im Blick. Du bist mein geliebtes Kind. Ich sorge für dich.
So geborgen folgt der Auftrag: Du sollst Profet sein. Nicht nur für Israel sondern für alle Völker.
Jeremia war, so können wir es in dem nach ihm benannten Buch nachlesen, ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit. Im dürfte nicht entgangen sein, wie das Nordreich Israels knapp 150 Jahre vorher untergegangen ist. Schon zu seiner Zeit wurde in Juda erzählt, wie sich damals die Könige über den Rat der Profeten hinweggesetzt haben. Wie sich Schmeichler und Schönredner gegen die kritischen Stimmen durchgesetzt haben. „Wir sind das Gott erwählte Volk“, so haben sie behauptet, „uns kann nichts passieren“. Das hört ein König gern. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur das die Profeten im Umfeld der Mächtigen heute meist Wirtschafts- oder Klimaforscher genannt werden.
Warnende Stimmen will niemand hören. „Es ist doch immer alles gutgegangen!“ „Weiter so!“, Mit solchen Aussagen kann man in Regierungskreisen Karriere machen.
Jeremia kann zusehen, wie sich das Schicksal Israels in Juda wiederholt. Ein kleines noch dazu politisch zerstrittenes Land versucht sich außenpolitisch zu profilieren.
Selbst eine stabile Weltmacht wie die USA verbrennt sich an solchen Aktionen gelegentlich die Finger. Juda gegen Babylon, das wäre wie Niedersachsen gegen Russland.
Jeremia ist ein guter Beobachter. Er weiß um die Verführung, die für die Herrschenden in einer solchen Verlagerung der inneren Probleme nach außen besteht, er weiß aber auch um die Aussichtslosigkeit eines solchen Unterfangens.
Vor allem aber, als der von Gott bestellte Profet weiß er auch schon vor seinem öffentlichen Auftreten, dass sich Gott nicht für die Interessen der Menschen einspannen lässt.
Ganz sicher nicht für die Machtspiele eines schwachen Königs, den es in Israel eigentlich ohnehin nicht geben sollte.
Also tut Jeremia das, was ich an seiner Stelle vermutlich auch getan hätte. Er sucht nach einem Weg, um aus diesem Auftrag heraus zu kommen. „Gott, ich kann doch gar nicht predigen“, sagt er. „Ich bin dazu viel zu jung. Niemand wird auf meine Stimme hören. Such dir doch einen, der eine Chance hat, deinem Wort das nötige Gewicht zu verleihen!“
Kennen Sie diese innere Stimme?
Mir zumindest ist das sehr vertraut. Ich erkenne noch ganz gut, was vielleicht zu tun ist. Politisch, wirtschaftlich und erst recht in Fragen des Glaubens. Doch wenn es an die Umsetzung geht, kommen die Zweifel. Was erreiche ich schon? Was nützt es, wenn ich meinen Anteil an Klimagasen reduziere, wenn die großen Verschmutzer in Amerika und China nicht mitmachen?
Was nützt es, wenn ich Produkte aus fairem Handel kaufe, wenn ich mehr Geld ausgebe, damit die Produzenten in den Herkunftsländern einen fairen Lohn erhalten, wenn gleichzeitig die Diskounter die Preise für den Massenmarkt noch weiter drücken? Was nützt es, wenn ich sonntags in den Gottesdienst gehe, statt die angebotenen Überstunden mit den entsprechenden Prämien mitzunehmen?
Herr, ich bin zu jung, ich bin zu alt, ich bin zu unbedeutend. ich kann nicht dein Profet sein.
Ein zweites Mal richtet Gott seine Stimme an Jeremia. Fürchte dich nicht. Rede dich nicht heraus. Ich habe dich erwählt. Ich kenne dich, ich weiß um deine Grenzen. Aber ich weiß auch, warum ich dich ausgesucht habe. Du kannst dir sicher sein, dass ich dich begleite. Dir wird nichts geschehen. Du sollst ja nicht aus eigener Kraft tätig werden, sondern mein Sprachrohr sein. Ich werde dir die richtigen Worte in den Mund legen. Ganz bildlich wird das erzählt. Gott streckt seine Hand aus und legt Worte auf die Zunge.
Vielleicht erinnern Sie sich auch an die Berufung des Jesaja? Von ihm wird ganz ähnliches erzählt. Wie glühende Kohlen kommt ihm das vor, was Gott ihm da in den Mund schiebt.
Es ist nicht bequem von Gottes Wort zu erzählen. Davon, dass Geld, Macht und Karriere nicht das Wichtigste im Leben sind. Mancher, der das in seinem Leben wirklich werden ließ, wird verlacht, weil er Chancen auf vermeintliches Glück auslässt, um Mensch bleiben zu dürfen.
„Ich bin doch nicht blöd“ schreibt die Werbung ganz groß und redet uns damit ein, dass blöd ist wer freiwillig mehr bezahlt, wer von seinem Einkommen auch noch für andere spendet oder gar monatlich Kirchensteuer bezahlt. Dabei muss man kein Profet, nicht mal Christ sein, um zu sehen, dass es auf die Dauer nicht funktioniert, die Preise immer weiter zu senken. Wenn es nicht mehr lohnt, Menschen zu beschäftigen, um etwas herzustellen, dann wird es irgendwann niemanden mehr geben, der es sich leisten kann einzukaufen. Wer nur noch über das Internet oder in den Riesenmärkten auf der grünen Wiese einkauft, muss sich nicht wundern, wenn es vor Ort keine Geschäfte und keine Arbeitsplätze mehr gibt.
Sie als regelmäßige Gottesdienstbesucher wissen, dass wir Menschen aufeinander angewiesen sind. Jeder noch so kleine Beitrag für eine menschlichere Welt wird gebraucht.
Was ich als Pastor, … als Mitarbeiter dieser Kirche – und damit natürlich auch als Christ –, sage und tue, geschieht im Auftrag Gottes und mit seinem Segen. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich – durch Menschen und Ereignisse – dorthin führt, wo ich gebraucht werde, wo ich mit Worten und Taten Anstöße zu einem Leben im Sinne Gottes geben kann, wo ich helfen kann, wo ich ermutigen und trösten, wo ich Gutes anregen und Schlechtes verhindern helfen kann, wo ich – um es mit den Worten aus dem Buch Jeremias zu sagen – »bauen und pflanzen« kann.
Wie Jeremia auch, frage ich mich manchmal, ob ich dafür der Richtige bin. Mit meinen Worten verletze ich auch. Manchmal errichte ich Mauern anstelle von Brücken. Nicht mit Absicht. Sicher nicht. Eher aus Unachtsamkeit oder Oberflächlichkeit oder Überlastung.
Umso mehr vertraue ich darauf, dass Gott Wege findet, das, was er durch Menschen angestoßen hat, auch durch Menschen zum Ziel zu führen. »Zufall«, mag manch einer sagen. »Gottes Segen«, sagt … der Glaube.
Aus diesem Glauben heraus sind Sie und ich berufen an jeweils unsrem Platz von Gottes anderer Welt zu erzählen. Mit Taten und Worten. Unser Zeugnis mag uns schwach und unbedeutend vorkommen, aber es ist Gottes Weg, um diese Welt zu verändern. Sie und ich sind Teil seines Plans diese Welt zu heilen. Fürchte dich nicht; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Amen.

drucken