Alles ist erlaubt

„Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.
Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.“
Liebe Gemeinde,
Harte Worte sind uns hier für einen fröhlichen Taufgottesdienst aufgegeben. Eine der Aufzählungen des Neuen Testaments, die uns einen Einblick in die sozialen Probleme der Antike verschaffen. Ich finde es erschreckend, wie wenig sich da in den vergangenen 2000 Jahren verändert hat!
Ehebruch, Diebstahl, Geiz, Alkoholismus und Mobbing gehören auch heute zu den drängendsten Problemen, wenn es darum geht das Miteinander zu verbessern. Es wäre nun ein Leichtes, in diesen Katalog mit einzustimmen und hier Moral und Tugend zu lehren. Wenn Sie dann nach Hause gehen, können Sie den alten Witz weiter erzählen:
„Worüber hat den der Pastor heute gepredigt?“ „Über die Sünde.“ „Und was hat er dazu gesagt?“ „Er ist dagegen.“
Die Kanzel ist lange dazu missbraucht worden, um bestimmte Moralvorstellungen als gottgegeben zu zementieren. Insbesondere wenn es um die Sexualität geht, ist da viel Unheil angerichtet worden.
Doch so sehr ich mir wünsche, dass Menschen wieder lernen moralische Regeln einzuhalten – im Kleinen wie in der großen Politik – so wenig ist das das Thema der Bibel.
Das mag manche und manchen verwundern.
Gerade in dem für heute vorgesehenen Predigttext sind doch die reichlich moralische Übertretungen aufgezählt! Und Leute, die sich so verhalten, werden das Reich Gottes nicht ererben. So steht es da.
Aber es lohnt genauer hinzuhören: Einige von euch sind solche Leute gewesen, schreibt Paulus. Das ist Vergangenheit. Erinnert euch, ihr wisst wovon ich spreche. Aber ihr seid reingewaschen. Jesus hat euch einen Neuanfang ermöglicht. Ihr seid nicht in diesen Verfehlungen gefangen. Mit seiner Hilfe habt ihr ein neues Leben angefangen. All das, was euch früher voneinander und von Gott getrennt hat, ist überwunden. Schuld ist vergeben. Ihr seid jetzt andere Menschen.
Das ist es, was wir eben Matthis und Jonte in der Taufe zugesagt haben.
Und dann kommt der Spitzensatz in diesem Abschnitt: Alles ist mir erlaubt!
Alles ist mir erlaubt.
Da werden auch die Kinder ganz genau hinhören. Alles ist erlaubt. Naschen, Spielen, Lärmen, lange aufbleiben … Es gibt keine Einschränkungen mehr. Christlicher Glaube ist nicht der Moralwächter. Unser Glaube steht für die größtmögliche Freiheit. Nirgendwo sonst gibt es das.
Nicht, wenn du dies oder das tust, kommst du in den Himmel, sondern: Alles ist erlaubt.
Christen sind nicht diejenigen, die bei allem was Spaß macht, ein schlechtes Gewissen bekommen müssen. Im Gegenteil, wir sollen ein gelungenes, erfülltes Leben leben. In größtmöglicher Freiheit.
Alles ist erlaubt!
Mit einem kleinen Nachsatz: Aber nicht alles dient dem Guten.
Und damit sind wir nun wirklich beim Kern dessen, was uns als Christen kennzeichnet. Wir sind bedingungslos bei Gott angenommen. Dafür müssen wir nichts leisten. Dafür können wir auch gar nichts leisten. Deshalb taufen wir vor allem kleine Kinder. An ihnen wird dieses Geschenk Gottes besonders gut sichtbar. Matthis und Jonte mussten für diesen Tag nichts auswendig lernen. Sie müssen sich an keine Regeln halten. Sie empfangen einfach nur Gottes Ja zu ihrem Leben: „Ich, der HERR, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst! Fast wörtlich stimmen die Taufsprüche, die Sie für Ihre Kinder gewählt haben, überein, obwohl sie aus unterschiedlichen Büchern der Bibel stammen.
Aus dieser Grundzusage heraus ist dann jede und jeder von uns aufgefordert zu prüfen, welche der Optionen meines Lebens dem Guten dienen. Weil ich bedingungslos angenommen bin, muss ich nicht um jeden Preis meinen Vorteil suchen.
Meine Freiheit ist nur solange grenzenlos bis sie die Grenzen meiner Nachbarn verletzt. Sobald meine Freiheit die Freiheit meiner Nächsten einschränkt, führt sie nicht mehr zum Guten.
Auch das wird besonders deutlich, wenn es um Sexualität geht. Da wo ich mich einem anderen Menschen ganz öffne, geschieht Wunderbares. Sobald es in dieser Beziehung aber zu Ungleichgewichten kommt, geschehen aber auch größtmögliche Verletzungen. Immer wieder bekomme ich es in der Seelsorge vor allem über das anonyme Medium Internet-Chat mit den Folgen solcher Übertretungen zu tun.
Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient dem Guten.
Als Christen leben wir in unendlicher Freiheit. Als Christen haben wir aber auch ein Gespür dafür, was dem Guten dient.
Dieses Gespür gilt es zu schulen, nicht platte Regeln. Diese Aufgabe kommt Ihnen als Eltern und Paten, aber auch uns als Gemeinde zu. Ein Gespür dafür zu entwickeln, wo menschliches Handeln Grenzen überschreitet, die anderen das Leben schwerer machen.
Bei Kindern wie Matthis und Jonte fällt das noch recht leicht. Für unsere Kinder wollen wir ohnehin nur das Beste. Und Kinder reagieren sofort, wenn ihnen etwas nicht passt. Wenn die Mahlzeit ausbleibt oder die vertrauten Stimmen nicht zu hören sind – oder die Orgel zu laut spielt, bzw. der Pastor zu lange predigt, geben sie ihrem Unmut freien Lauf. Und als gute Eltern stellen Sie die Ursachen dafür dann schnell ab.
Zwischen Erwachsenen ist das schon schwieriger. Wir haben gelernt unsere Gefühle zu kontrollieren. Da bekomme ich manchmal gar nicht mit, wenn mein Verhalten einem anderen zu nahe geht. Da muss ich schon genau hinsehen und hinhören.
Noch schwieriger wird es da, wo ich die Folgen meines Tuns gar nicht mehr selber sehen kann. Etwa, wenn ich durch eine „Geiz-ist-geil“ Einkaufspraxis die Preise der Waren so weit drücke, dass sie nicht mehr zu fairen Konditionen hergestellt werden können. Ich kann mir dann zwar mehr kaufen, nehme aber Menschen am anderen Ende der Welt die Chance, von ihrer Arbeit wenigstens überleben zu können.
Mein Einkaufsverhalten hat Folgen für Menschen, die ich nicht kenne. Das gilt auch für Lebensmittel. Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass im Supermarkt das ganze Jahr über alles zu haben ist. Wer nicht selber Obst und Gemüse im Garten hat, weiß kaum noch welche Frucht zu welcher Jahreszeit reif ist. Sie kann ja jederzeit aus irgendeinem Winkel der Welt importiert werden. Meist sind diese Früchte trotz der langen Transportwege sogar billiger als die hier hergestellten. Dass die dafür nötigen Anbauflächen verhindern, dass in den Ländern ausreichend Grundnahrungsmittel angebaut werden, sehe ich ja nicht. Ähnliches gilt für den Energie- oder den Trinkwasserverbrauch.
Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient dem Guten.
Die frühen Christen sind dadurch aufgefallen, dass sie die sozialen Grenzen der Antike gesprengt haben. Sklaven und Wohlhabende saßen an einem Tisch. Vor Gott sind wir gleich, so haben sie verstanden und so haben sie gelebt – wenigstens innerhalb der Gemeinde. Nicht weil die frühen Prediger ihnen feste Regeln aufgedrückt haben, sondern weil sie versucht haben, die Liebe, die sie von Gott empfangen haben in aller Freiheit für andere erlebbar werden zu lassen.
Jesus fasst diesen Blick auf den Nächsten in der Goldenen Regel zusammen: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“
Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient dem Guten. Amen.

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