Macht, Sex und Moral

(Neue Genfer Übersetzung)
9 Muss ich euch daran erinnern, dass die, die Unrecht tun, keinen Anteil am Reich Gottes bekommen werden, dem Erbe, das Gott für uns bereithält? Macht euch nichts vor: Keiner, der ein unmoralisches Leben führt, Götzen anbetet, die Ehe bricht, homosexuelle Beziehungen mit Minderjährigen eingeht,
10 stiehlt, geldgierig ist, trinkt, Verleumdungen verbreitet oder andere beraubt, wird an Gottes Reich teilhaben.
11 Auch ihr gehörtet zu denen, die so leben und sich so verhalten – zumindest einige von euch. Aber das ist Vergangenheit. Der Schmutz eurer Verfehlungen ist von euch abgewaschen, ihr gehört jetzt zu Gottes heiligem Volk, ihr seid von aller Schuld freigesprochen, und zwar durch den Namen von Jesus Christus, dem Herrn, und durch den Geist unseres Gottes.
12 »Alles ist mir erlaubt!« ´Wer so redet, dem antworte ich:` Aber nicht alles, ´was mir erlaubt ist,` ist auch gut ´für mich und für andere`. – »Alles ist mir erlaubt!« Aber es darf nicht dahin kommen, dass ich mich von irgendetwas beherrschen lasse.
13 ´Ihr sagt:` »Das Essen ist für den Magen da und der Magen für das Essen, und dem einen wie dem anderen wird Gott ein Ende bereiten.« ´Einverstanden,` aber ´das heißt noch lange nicht, dass wir mit unserem Körper machen können, was wir wollen`. Der Körper ist nicht für die Unmoral da, sondern für den Herrn, und der Herr ist für den Körper da ´und hat das Recht, über ihn zu verfügen`.
14 Und genauso, wie Gott den Herrn von den Toten auferweckt hat, wird er durch seine Macht auch uns vom Tod auferwecken ´und unseren Körper wieder lebendig machen`.
18 Lasst euch unter keinen Umständen zu sexueller Unmoral verleiten! Was immer ein Mensch für Sünden begehen mag – bei keiner Sünde versündigt er sich so unmittelbar an seinem eigenen Körper wie bei sexueller Unmoral.
19 Habt ihr denn vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist? Der Geist, den Gott euch gegeben hat, wohnt in euch, und ihr gehört nicht mehr euch selbst.
20 Gott hat euch als sein Eigentum erworben; denkt an den Preis, den er dafür gezahlt hat! Darum geht mit eurem Körper so um, dass es Gott Ehre macht!

Liebe Gemeinde, liebe Freunde und Gäste,
heute geht es zur Sache, so könnte man erwarten. Es geht um Sexualität und Körperlichkeit, ganz klar. Endlich wird darüber auch einmal in der Kirche ein Wort verloren, mag mancher denken.
Doch es wird keine Predigt über Sex geben. Wer das sucht, war gestern Abend bei Pro Sieben besser dran. 20.15 Uhr: „Unter fremden Decken“… Wer etwas über Sex wissen will, ist ja sowieso außerhalb der Kirche ständig besser bedient: Fernsehen, Zeitschriften, Videotheken, Internet, Partnerbörsen und eine milliardenschwere Industrie, die nichts anders verkauft als Sex. Nie war die Auswahl so groß, nie war der Zugang so leicht und nie haben sich Menschen so schwer getan mit diesem Thema. Je öfter es vorkommt, umso unsicherer werden wir in unsrer eigenen Praxis. Am Ende tun es immer zwei Menschen. Und tun sich, glaubt man denen, die wissenschaftlich darüber forschen, immer schwerer damit.

Es gibt keine Predigt über Sex, nun gut, worüber dann? Über Moral vielleicht? Über Moral müsste heute Morgen doch unbedingt gepredigt werden. Oder besser: über das Gegenteil, über Unmoral. Schließlich taucht das Wort mindestens dreimal im Predigttext auf. Was macht man und was nicht, was darf Frau und was nicht. Enger und spezieller gefasst: Was man als Christ alles nicht darf.
Es ging ja gleich damit los: Macht euch nichts vor: Keiner, der ein unmoralisches Leben führt, Götzen anbetet, die Ehe bricht, homosexuelle Beziehungen mit Minderjährigen eingeht, stiehlt, geldgierig ist, trinkt, Verleumdungen verbreitet oder andere beraubt, wird an Gottes Reich teilhaben.
Da haben wir gleich einen Kurz-Katalog für Unmoral: Ehebruch, Kindesmissbrauch, Diebstahl, Geldgier, Trunksucht, Verleumdung und Raub. Wer würde das alles nicht unmoralisch finden? Götzendienst haben wir noch vergessen. Das Niederfallen vor einem Gott, der nicht der Gott Abrahams und Vater Jesu Christi ist. Und das maßlose Essen, ja das kommt auch vor, würde uns heute vielleicht gar nicht gleich einfallen…
Die Predigt könnte wieder einmal klare Kante zeigen, wie man anständig zu leben hat. Übertretern dieses Moralkataloges eine Moralpredigt halten. Egal, ob die sich heute Morgen real hier versammelte Gemeinde überhaupt nur im Ansatz mit all diesen Dingen herumzuschlagen hat.
Macht es sich nicht immer gut, gerade für eine Sonntagsrede, eine Lanze für moralisch einwandfreien Lebenswandel zu treffen – und dabei die Ambivalenzen und Abgründe menschlichen Lebens einfach auszublenden? Dafür sei ja die Kirche überhaupt da, so meinen viele Zeitgenossen: Die Werte hochzuhalten und die Gesellschaft mit moralischen Normen zu stabilisieren.

Aber auch davon wird diese Predigt nicht handeln. Denn auch darum geht es in der Tiefe des Predigttextes nicht.
Worum geht es also?

Es geht um Macht, liebe Gemeinde. Das würde man auf den ersten Blick gar nicht vermuten, aber es geht um Macht. Um Herrschaft. Um Hoheit und Stärke. Es geht darum, wer oder was Macht über uns hat. Das ist eine Schlüsselfrage der menschlichen Existenz.
Wem sind wir ausgeliefert? Wer ist der Bestimmer? Wer oder was reitet uns? Unter wem leben wir?

Die Annahme, wir seien selbst Herr im eigenen Haus – und jetzt könnte ich auch das Wort des Predigttextes benutzen – wir seinen Herr im eigenen Körper, im eigenen Gehäuse, also im eigenen Leib – diese Annahme hat sich allerspätestens mit den Einsichten der Psychologie und der Verhaltenswissenschaften erledigt. Der letzte Sargnagel der Autonomie des Menschen sind die Erkenntnisse der Hirnforscher, die uns damit konfrontieren, dass unser vermeintlich freier Wille immer nur auf etwas Vorausgehendes reagiert. Wir sind Getriebene und manchmal auch Besessene, hin und hergeworfen von Mächten und Gewalten, die wir nicht unter Kontrolle haben. Und am Ende immer die Verlierer. Wir verlieren unser Leben, unser Lebenshaus, unseren Leib.

Und eine dieser starken Kräfte, das ist tatsächlich die Sexualität. Und eine andere ist die Gier. Und wieder eine andere die Sehnsucht nach dem sichtbaren Gott, also der greifbaren Wahrheit. Und wieder eine andere die Sehnsucht nach eigener Stärke und Überlegenheit. Und so kommt es zu den Dingen, die der Katalog der Unmoral zusammenstellt.
Nun aber weiß der Apostel, der den Korinthern und uns diesen Brief schreibt, von einer anderen Macht. Von einem anderen Herren, der, so schreibt er, in uns Wohnung genommen hat. In unseren Körpern, Leibern, Seelen und Hirnen. Durch die Taufe und durch unser Christwerden ist Christus selbst der Hausherr geworden.
Und der Apostel meint damit einen Akt der Befreiung. Wir sind von den Ketten genommene Sklaven, ins Exil geführte Gefangene, Losgelöste, erlöste Menschen, die keiner anderen Macht mehr unterstellt sind.
Gott hat uns als sein Eigentum erworben und der Heilige Geist geht nun bei uns aus und ein. Und das, auch darauf legt der Apostel wert, sogar über den Tod hinaus.

Wir gehören in Gottes Machtbereich, liebe Geschwister. Und wer Christ werden wollte, würde übertreten in eine andere Art des Lebens und Existierens. Gottes selbst würde seine starke Hand austrecken und einen Menschen aus der Macht der vielen anderen Mächte, die in ihm toben können, herausreißen, um bei ihm oder bei ihr Wohnung zu nehmen, um sich einzuquartieren und Leib, Seele und Geist Frieden zu schenken.

Das ist Christsein, liebe Freunde, liebe Gemeinde. Es geht nicht um Moral, es geht um Macht. Es geht um die Frage, wer der Herr in unserem Hause ist. Wem wir die Kraft zutrauen uns nachhaltig vor den lebenzerstörenden Kräften die mitten durch unser Herz und Hirn hindurchgehen, zu schützen. Die Kräfte, die mit unseren Körpern machen, was sie wollen, die uns verändern, uns hässlich machen, uns blind machen, uns süchtig machen. Die unseren Verstand vernebeln und uns unsinnige Dinge tun lassen, die uns anschließend leidtun. Die uns gegenseitig aufhetzen, in einen immerwährenden Wettbewerb schicken und uns unempfindlich für das Leiden der anderen machen.

Gott hat uns erworben. Hat uns erkauft, sagt Paulus. Christus ist für uns gestorben, so hätte er auch sagen können. Wir tragen die Inventarnummer des Reiches Gottes. Unsere Namen sind im Himmel aufgeschrieben. Und damit sind wir frei von allem und jedem, frei von allen andere Herren.

Liebe Geschwister, diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Christen sind frei von allem und jedem, weil Christus die Hoheit über dieses Leben hat.
Und das bedeutet nun ganz logisch: Alles ist erlaubt!

Alles ist erlaubt, was für ein unmoralischer Satz! Wir können ihn konkreter fassen: Vor nichts und niemanden muss ich mich im letzten Grunde fürchten. Denn dazu dienen ja die Grenzen, die die Moral setzt: dem Schutz des Lebens. Geradezu umwerfend wird nun formuliert: Alle Möglichkeiten des Lebens stehen mir offen. Sogar die gerade gängigen Moralvorstellungen sind für diese Erlaubnis keine Grenze. Die einzige Grenze, die doch unbedingt sofort gezogen werden muss ist der Nachsatz: „… aber es muss gut für mich und andere sein.“ Auf so einen einfachen Satz kann man die ganze Sache mit der Moral zusammenfassen. Und das andere gebietet ebensolche Beachtung: „… es darf mich nicht beherrschen.“

Da ist sie wieder, die Frage der Macht. Alles ist erlaubt. Weiter Raum, Lebensraum, Raum für Lust und Neugier, für das Ausleben von Sexualität und Spiel, für Sinnengenuss und Lust am Gestalten, für Beziehungen und Liebe, Freiheit für die unübersehbaren Möglichkeiten des Lebens. Und alles wird allein begrenzt von der kritischen Rückfrage: Beherrscht es mich? Oder dient es mir – und dem anderen.

Das ist das Geheimnis des christlichen Lebens. Wenn Christus mit seinem Geist in einem Mensch – also Körper, Geist und Seele – Platz genommen hat, dann können die anderen Mächte ihren Schrecken verlieren und ihre lebensbejahenden Kräfte entfalten. Wie schön, dass wir essen und trinken können! Wie schön, dass es Sex gibt. Wie schön, dass es die Neugier gibt. Wertschätzung und das Zusammensein mit anderen in den vielen feinen Nuancen der zwischenmenschlichen Begegnung.
Dann können, liebe Gemeinde, liebe Freunde, die Mauern der Moral, die in der Menschheitsgeschichte immer neu und immer anders gebaut werden, um uns vor der lebensbedrohlichen Seite dieser Kräfte zu schützen, durchlässig werden.

Erst wenn uns das klar ist, können wir uns den Mahnungen des Apostels zuwenden. Was wir alles nicht tun sollen, weil es uns und anderen nicht gut tut. Die Sache mit den Speisen und dem Bauch, der unsere Gesundheit ruiniert. Die Sache mit dem Sex, der andere Menschen kauft und missbraucht und – wie interessant, einem selbst dabei am meisten schadet, weil man mit jedem Kauf immer mehr den Glauben an die sich schenkende Liebe verliert.
Die Sache mit der Moral eben.

Ist es nun nicht doch eine Moralpredigt geworden?
Ein bisschen ja schon. Aber einen Satz des Predigttextes haben wir noch gar nicht bedacht – und da geht es wieder um Macht: Er lautet: „Ihr seid rein gewaschen.“
Paulus denkt natürlich an die Taufe. Ihr seid Gewaschene, gewaschen von einem, der dazu die Macht hat! Und uns nun auch so ansieht! Sauber!
Wieder geht es gar nicht um Moral. Alles Unmoralische ist ja sozusagen mit Taufwasser abgeschrubbt worden und im Ausguss verschwunden. Stellen wir uns vor, dass dies nicht nur einmal geschehen ist, an uns Getauften, sondern täglich geschieht. Jeden Tag neu bürstet der Geist Gottes an uns herum, von innen und außen, reinigt das Haus vom Boden bis zum Keller in einer Weise, die der peniblen Hausfrau die Tränen in die Augen treiben würde. Jeden Tag stehen wir blitzblank da, vor unserem Schöpfer – durch Christus! Was für eine Chance. Was für eine Freiheit! Unsere Hütte – mit Leib, Geist und Seele – ist sauber!

Und um es abschließend noch einmal mit einem anderen Bild deutlich zu machen: Da benimmt man sich doch so, dass man nicht wieder allzu viel Dreck hereinträgt. Und das, liebe Gemeinde, liebe Freunde, ist keine Frage der Moral, sondern der Wertschätzung. Jeder kleinen Reinigungskraft gegenüber. Und erst recht Gott gegenüber.

Amen

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