Christus lebt in mir

Paulus war in der Provinz Galatien gewesen. Er hatte dort das Evangelium von Jesus Christus gepredigt, hatte den Menschen erzählt, was die Botschaft vom Gekreuzigten und Auferstandenen für ihr Leben bedeuten kann. Menschen hatten ihm geglaubt, haben sich taufen lassen, ein neues Leben begonnen. Später kam dann eine andere Stimmung in die Gemeinde. Der Glaube müsste auch etwas kosten, wurde gesagt. Was nichts kostet ist ja auch nichts Wert, sagen manche heute noch. Die Kosten hießen: Werke, Leistungen und Beschneidung.

Die Gemeinde ist tief verunsichert. Die Menschen wollen alles richtig machen, wollen ihren Glauben leben, ihrem Gott gefallen. Darum reagiert Paulus wütend. Wenn ihnen etwas fehlen würde, hätte er Ihnen das schon selber gesagt. Er weiß aber auch, dass immer wieder Menschen auftauchen werden, die den Glauben verunsichern. Darum versucht er ihnen seine Position darzulegen.

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Lieber Paulus, nett dass Du an unsere aktuelle Beschneidungsdebatte anknüpfst und deutlich machen willst, dass du sie nicht brauchst. Auch wenn uns deine Fragen heute nur bedingt weiter helfen. Und unsere Diskussionen dich wahrscheinlich nur irritieren würden. Weil es sich bei unserer Diskussion nicht wirklich um das handelt, was zu deiner Zeit gemeint war: religiöse Pflichterfüllung. Die ist heute für viele Menschen per se suspekt. Weil die Angst vor zu viel Religiosität zunimmt. Spiritualität ja. Das weiß sowieso keiner, was das genau ist. Aber religiöse Pflichterfüllung. Das klingt nach schrecklichen Dingen.

Aber für Dich Paulus sah das anders aus: Dir waren die Menschen lieb. Du hast sie lieb gewonnen in ihrem Alltag. Da gab es auch Streit Meinungsunterschiede. Aber auch dieses: der gemeinsame Weg einer Kirche aus unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, denen eines wichtig war: Herr ist Christus. Das wurde bezeugt durch die Taufe und durch die Feier des gemeinsamen Mahls.

Aber dann geschah der Skandal, dass es Tendenzen im christlichen Glauben gab, die die Beschneidung in irgendeiner Form wieder einführen wollten als sinnvoll fürs Christsein. Missionare – vielleicht sogar Petrus selbst – waren gekommen, hatten den von Paulus begründeten Glauben gefunden und den Glaubenden erzählt, dass es noch besser und sicherer wäre, wenn sie sich auch noch nach jüdischem Ritual beschneiden lassen würden. Heute erlebe ich das, wenn manche den christlichen Glauben aufpeppen wollen durch indische oder indianische Rituale und Weisheiten. Ein bisschen mehr kann ja nicht verkehrt sein.

Solchen Gedanken tritt Paulus mit Schärfe entgegen. Durch Christus bin ich angenommen und brauche keine Leistungen mehr zu erbringen. Da gibt es kein bisschen mehr als Taufe und Abendmahl.

Beschneidung lehnt er nicht deswegen ab, weil sie etwas grundsätzlich Falsches ist, sondern weil sie uns vom richtigen Pfad abbringen kann, wenn wir meinen, Gott mit irgendeiner Leistung imponieren zu können. Weil Gott in Jesus Christus für uns Mensch geworden ist, brauchen wir uns nicht mehr um Gott zu bemühen. Er bemüht sich – um uns. Um so mehr dürfen wir uns bemühen um die Menschen, die Gott geschaffen hat, dass sie das Leben in seiner Fülle haben und wenn einige Menschen meinen, dazu gehört die Beschneidung, dann muss man das prüfen, ob es die Kinder nicht schädigt. Wer aber danach fragt, muss auch nach vielen anderen Dingen fragen, die Kinder schädigen können, egal ob Tattoos, Piercings, Internet oder Fernsehen.

Das heute oft sehr einseitig benutzte Wort Emanzipation bedeutet wörtlich ‚aus den Händen treten’ – Wir dürfen uns emanzipieren von den Zwängen, die uns beherrschen, von den Händen, die uns unterdrücken, von den Mächten, die uns bedrohen. Wir müssen nicht selber etwas darstellen. Wir sind etwas: Getaufte! Und das heißt: Christus lebt in uns. Und er lädt uns immer wieder an seinen Tisch in seine Gemeinschaft.

Vordergründig geht es bei dem Streit um Beschneidung – damit hintergründig um Eingangsbedingungen zur Gemeinde Gottes, also um offene gastfreie Kirche, die Menschen einlädt ohne Vorbedingungen, ohne Gesetz, allein weil sie sich selber eingeladen weiß.

Vor Gott haben wir nichts vorzuweisen, egal welche Purzelbäume wir schlagen. Auch unsere Entschuldigungen werden mit der Zeit unwirksam, sogar wenn wir uns darauf berufen, was Paulus schon gesagt hat: Wir sind alle Sünder. Wir wissen, dass wir nichts vorzuweisen haben, außer unserer Taufe. Aber seit wir getauft sind, dürfen wir hören, was Christus spricht und tun, was seinem Willen entspricht.

Aber: Neue Regeln aufzustellen, hieße die Gnade Gottes außer Kraft zu setzen, heißt auch den Tod Jesu am Kreuz für sinnlos zu erklären, heißt auch das endgültige Ja Jesu zum Tod zu negieren. Da müssen wir einschreiten. Beschneidung darf so wenig Eintrittskarte sein wie Zölibat oder Heterosexualität.

Zentraler Vers 20: Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. -> Durch die Taufe hat sich ein Herrschaftswechsel vollzogen: ein Wechsel zur Freiheit der Kinder Gottes, die Raum gewinnen will in uns und in seiner Gemeinde.

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