Mitleiden statt resignieren

Liebe Brüder und Schwestern hier in Daubitz,
liebe Brüder und Schwestern an den Radios zu Hause!

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, der da war, und der da kommt!

Ein Blick in den Briefkasten in diesen Tagen zaubert manch einem ein Lächeln ins Gesicht:
Urlaubspost weht herein.
Von gutem Wetter,
leckerem Essen,
beeindruckenden Landschaften
und Sehenswürdigkeiten kann man da lesen.

Und ist der Urlauber erst zurück,
da hört man ihn oft sagen:
„So schön war das da!
Das glaubst du kaum!
Du musst da unbedingt auch einmal hinfahren.“

Man schwärmt in höchsten Tönen
und will, dass sich der andere anstecken lässt von dieser Begeisterung.

Und manch einer lässt sich anstecken von dieser Begeisterung.

Manch einer jedoch auch nicht,
sondern denkt:
„Na, wo ich hinfahre ist es viel besser“
oder aber:
„zuhause ist´s doch am schönsten.“

Und doch,
man versteht den, der da begeistert erzählt.
Man weiß es ja selbst:
Wenn man von einer Sache erst einmal begeistert ist,
dann will man unbedingt,
dass auch andere sich dafür begeistern lassen.

Das ist nicht nur so, wenn es um Dinge wie Urlaub geht.
Das ist auch so,
wenn es um grundlegende Dinge im Leben geht.
Wenn es zum Beispiel um den eigenen Glauben geht.

Wer begeistert ist,
vom Geist erfüllt ist,
wer die Freiheit spürt, die ihm der Glaube an Jesus Christus schenkt,
wer sich von der Liebe Gottes gestreichelt fühlt,
dem geht das Herz und auch der Mund über.
Und am liebsten wäre es ihm,
wenn alle anderen um ihn herum ebenso empfinden,
ebenso glauben würden wie er.

Wer so etwas Kostbares, etwas Tragendes wie den Glauben an Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist in sich trägt,
der wünscht sich,
jeden würde es auch anstecken, begeistern.

Und doch:
Nicht jeder ist begeistert,
nicht jeder lässt sich begeistern.

Da werden oft die Köpfe geschüttelt,
und es wird mit den Achseln gezuckt:
„Du bist Christ?
Du gehst zur Kirche?
Lass mal!
Mich interessiert das nicht!“

Manch ein Begeisterter wendet sich dann irgendwann ab,
wendet sich nach innen,
schließt die Tür und sagt sich:
„Na dann halt nicht!
Wer nicht will, der hat schon!“
oder:
„Du bist ein armer Wicht,
aber ich, ich weiß wo´s lang geht.
Sieh halt zu, wo du bleibst!“

Doch es gibt auch noch andere, die begeistert sind.

Begeisterte,
die nicht irgendwann hinter sich die Tür zu machen,
weil andere nichts von ihrer Begeisterung wissen wollen.

In diesen Begeisterten, da brennt eine Glut,
eine Glut, auf die Tränen fallen.

Es sind Tränen des Leids und des Schmerzes.

Denn diese begeisterten Menschen leiden darunter,
dass andere nicht begeistert sind.
Dass andere nichts mit dem frei-, dem frohmachenden, dem erlösenden Wort zu schaffen haben wollen.

Es erfüllt sie mit Schmerz,
dass andere nicht morgens aufwachen und spüren:
Was gestern auch alles war,
was ich auch wieder alles verbockt habe,
du Gott, du vergibst mir,
wenn ich mich zu dir wende,
mich von deiner Vergebung aufrichten lasse.
Du Gott bist bei mir,
an bewölkten wie sonnendurchfluteten Tagen.
Nichts, rein gar nichts kann mich von deiner Liebe trennen,
nicht einmal der Tod,
denn den Tod hast du besiegt.

Sie leiden,
diese Menschen,
und sie fragen sich:
„Warum ist das so?
Warum ist mir diese Begeisterung, dieser Glaube an Christus geschenkt und anderen nicht?
Warum glaube ich und der und die,
aber mein Freund zum Beispiel oder mein Nachbar oder mein Arbeitskollege nicht?“

Was denken Sie, liebe Brüder und Schwestern:
Ob man darauf eine Antwort finden kann?
Darauf, warum der eine an Jesus Christus glauben kann, der andere aber nicht?

Der Apostel Paulus,
der war einer von diesen Begeisterten,
einer dieser Begeisterten, die sich gefragt haben:
Warum glaubt der eine, der andere aber nicht?

Er war einer,
der gelitten hat,
einer,
an dem der Schmerz gerissen hat,
weil er sah:
Meine Brüder und Schwestern lehnen den Glauben an Jesus Christus ab.

Und seine Brüder und Schwestern, die waren nicht irgendwer,
die waren keine Leute, die noch nie etwas von Gott gehört hatten,
vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
Dem Gott, der durch seine Propheten Jahrhunderte zuvor hatte ankündigen lassen:
Der Erlöser wird kommen.
Und er wird alle Gottlosigkeit abwenden.
Alle Sünden werden weggenommen werden.
Ein neuer Bund soll geschlossen werden zwischen dir, Mensch, und mir, Gott.

Nein, Leute, die davon nichts wussten, waren es nicht.
Sondern es waren Juden, Israeliten.
Paulus Schwestern und Brüder,
seine, wie er sich ausdrückte „Stammverwandten dem Fleisch nach“.

Es waren die Menschen,
es war das Volk, mit dem Gott einen Bund geschlossen hatte,
das Volk, das sich Gott erwählt hatte,
das er berufen hatte,
dem er seine Treue und Liebe versprochen hatte.
Sie glaubten nicht, dass Jesus der Christus, der Erlöser ist.

Paulus, er wusste selbst:
So wie man als Jude gängigerweise dachte, dass der Erlöser käme,
so war er nicht gekommen.
So war Jesus Christus nicht gekommen.
Einen Messias in Form eines nationalen davidischen Königs, der Israel von der Herrschaft der Römer befreite, hatte es nicht gegeben.
Auch war kein Menschensohn gekommen,
der in Gottes Namen Gericht hielt.
Nein,
so war er nicht gekommen, der Gesalbte Israels,
in dem wir den Heiland der Welt erkennen sollten.

Am Kreuz starb er,
einen verfluchten Tod in den Augen eines Juden.
Ein Ärgernis.

Und doch:
Auch er, auch Paulus hatte erkannt:
Jesus ist der Christus, ist Gottes Sohn, der verheißene Erlöser der Welt.

Paulus hatte es erkannt, Petrus, die anderen Jünger.
Sie alle waren Juden gewesen.
Und waren es noch.

Warum erkannten es also nicht auch alle anderen Juden?
Warum glaubten so viele nicht an Jesus Christus?

Und er fragte sich:
Was soll mit Gottes Volk werden,
dem Volk, dem Gottes Treue, seine Liebe galt und gilt, unwiderruflich,
was soll aus ihm werden, wenn es in Christus nicht Gottes Sohn erkennt, nicht an ihn glaubt?

Paulus hat sich darüber den Kopf zermartert,
und es scheint:
Er hatte eine prophetische Eingebung, als er zu folgendem Schluss, zu folgenden Gedanken kam.
Seine Gedanken, sie stehen geschrieben in seinem Brief an die Römer, im 11. Kapitel.

Paulus schreibt:
„Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen,
damit ihr euch nicht selbst für klug haltet:
Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren,
so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist;
und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht:
„Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob.
Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.“
Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen;
aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.
Denn Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen.
Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid,
nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,
so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit,
die euch widerfahren ist,
damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.
Denn Gott hat sie alle eingeschlossen in den Ungehorsam,
damit er sich aller erbarme.
O welch eine Tiefe des Reichtums,
beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!
Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.
Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“

Israel glaubt nicht.

Israel glaubt nicht,
damit die Heiden zum Heil gelangen,
damit Gott sich ihrer erbarmt.

Die Heiden,
das sind wir, liebe Brüder und Schwestern.
Wir, die wir nicht zum Volk Israel gehören,
wir, die wir nur Erben der Verheißungen sind,
die an die Väter Israels ergingen,
weil wir wie Abraham an den Gott glauben,
der Tote ins Leben bringt.

Wir, die Heiden,
wilde Zweige, die eingepfropft wurden in den Ölbaum.
Andere aber dafür abgehauen.
Abgehauen, damit man sich unser erbarmt.
Damit sich die Grenzen des Bundes zwischen Gott und seinem erwählten Volk öffnet,
sich für alle Menschen öffnet.

Liebe Brüder und Schwestern,
ist das nicht ein beschämender Gedanke für uns persönlich?
Fühlt es sich nicht unangenehm an, dass es anderen nicht gegeben ist, zu glauben,
damit wir, Sie und ich, glauben können?
Damit wir hineingenommen werden in den neuen Bund?

Zwei Gedanken könnten uns vielleicht dieses unangenehme Bauchgefühl nehmen.
Zwei Gedanken können vielleicht trösten.

Der eine Gedanke ist:
Stellen Sie sich vor ihrem inneren Auge vor:
Ganz Israel hätte damals in Christus Gottes Sohn erkannt.
Wie wäre das wohl gewesen?
Gottes Volk, dem ohnehin ein Exklusivverhältnis mit Gott geschenkt wurde, erkennt die Erfüllung vieler Verheißungen des Alten Testaments, des Bundes mit den Vätern.

Vielleicht hatte Paulus ein ähnliches Bild vor Augen.
Vielleicht hatte er ähnliche Fragen wie diese:

Hätte das Volk Israel nicht zufrieden für sich weiterleben können?
Hätte es nicht weiterhin exklusiv mit Gott leben können?
Wie wäre die Botschaft zu den Heiden, also zu uns, liebe Brüder und Schwestern, gekommen?
Die Botschaft, dass Christus für alle, für die ganze Welt gestorben und auferstanden ist?
Hätte das nicht sehr lange gedauert?
War es nicht notwendig, dass nicht ganz Israel in Jesus Christus Gottes Sohn erkannte?

Ein Gedanke, der tröstlich wirken kann.

Der zweite Gedanke, der vielleicht trösten kann, dass ein Teil Israels Christus abgelehnt hat, ist:

Gott hält seine Treue.
Er liebt sein Volk.
Wozu er es berufen hat,
was er ihm geschenkt hat und schenkt, das gereut ihn nicht, sonst wäre er nicht Gott.

Die Juden, Israel geht nicht verloren.

In seiner Vision sieht Paulus und teilt es uns als Geheimnis mit:
Ganz Israel wird gerettet werden,
wird gerettet werden, wenn Christus wiederkommt.

Liebe Brüder und Schwestern.
Was Israel angeht,
was den Glauben der Juden angeht,
der nicht von der Begeisterung Jesu Christi erfüllt ist,
darum müssen wir uns,
wenn wir dem, was Paulus als Geheimnis offenbart wurde, vertrauen, nicht sorgen.
Müssen nicht leiden unter der Frage:
Warum glauben sie nicht an Jesus Christus?

Doch es bleibt die schmerzende Frage:
Warum glaubt mein nichtjüdischer Freund, mein nichtjüdischer Nachbar, mein nichtjüdischer Arbeitskollege nicht?

Dieses Geheimnis ist uns nicht, weder durch Paulus, noch durch jemand anderes offenbart.
Denn unser menschliches Verstehen ist begrenzt,
ist Stückwerk,
und erst wenn das Vollkommene kommt, wird das Stückwerk aufhören, wie Paulus sagt.

Die Frage:
Warum glaubt der eine, der andere nicht,
bleibt unbeantwortet.
Doch wir sollten nicht aufhören, darunter zu leiden, dass es so ist.
Und es wie Paulus machen:
All unsere Fragen, unseren Schmerz, Gott anvertrauen.
Und darauf vertrauen:
Unerforschlich sind Gottes Wege.
Doch:
Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

drucken