Verstehst du auch, was du liest?

Liebe Gemeinde,

heute am Tag der Tauferinnerung, am 6. Sonntag nach Trinitatis, hören wir als Predigtwort eine Erzählung aus der Apostelgeschichte nach Lukas. Die Geschichte vom Kämmerer aus Äthiopien, der sich taufen ließ. Wir lesen aus Apg 8, die Verse 26-39:

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Wenn ich ehrlich bin, liebe Gemeinde, sehne ich mich manchmal nach solchen Erlebnissen, wie sie Lukas hier berichtet. Dass ein Mensch ist, der lesend sich um Verstehen müht und welchem die Augen aufgetan werden können durch die Auslegung der Schrift. Doch, natürlich, liebe Gemeinde: Das gibt es schon noch – auch bei uns. Auch wir hatten in den letzten Jahren Eintritte in die Gemeinde, die getragen waren von einer tiefen Glaubenshaltung, welche sagen konnte: „Ich glaube diesen Jesus aus Nazareth als Christus, den Sohn Gottes.“ Aber es kommt selten vor. Wie kann das sein, diese Seltenheit? Das Christentum hätte sich nicht so rasend schnell verbreitet, wenn wir uns die heutigen Zahlen anschauen. Manchmal denke ich, wir sind zu satt, zu träge. Vielleicht geht es uns zu gut – so gut, dass wir nicht mehr groß denken wollen, sondern, dass es uns genügt, dass wir uns um unseren Besitz kümmern, ihn verwalten und ansonsten froh sind, von einer Feier zu nächsten zu gehen, zu essen und zu trinken. Manchmal bekomme ich, liebe Gemeinde, diesen Eindruck: reicht das: Essen und Trinken? Jener Kämmerer aus Äthiopien war ein gemachter Mann: Ein „Mächtiger“, wie es heißt, Verwalter eines Schatzes einer Königin, daher wahrscheinlich auch selber nicht arm. Aber diese Sattheit in materiellen Dingen hat ihn anscheinend nicht abstumpfen lassen, hat ihn nicht träge gemacht. So liest er in der Schrift. Liebe Gemeinde, er liest selber, er benutzt seinen Verstand! Er lässt sich nicht berieseln mit irgendetwas, auf dass die lange Reisezeit irgendwie herumginge, sondern er tut aktiv etwas!

Glaube, liebe Gemeinde, hat damit zu tun: sich seines Verstandes zu bedienen und Dinge zu hinterfragen. Glaube heißt gerade nicht, sich still und stumm mit allem abzugeben, was einem begegnet, sondern die Welt, wie sie uns erscheint, nicht einfach nur hinzunehmen, sondern eine Hoffnung zu haben auf eine bessere, gerechtere, andere Welt. Eine Welt, in der die Liebe regiert und nicht das Böse!

Wenn Eltern ihre Kinder taufen lassen, dann drücken sie damit auch ihre Hoffnung aus. Eine Hoffnung, dass diesem Kinde der Schutz und die Bewahrung eines lebendigen Gottes zukommen mögen. Ohne Hoffnung, ohne Gewissheit taufen zu lassen oder zu taufen, wäre in sich verkehrt. Es wäre ein leeres Ritual. Und so sind all die Dinge, die wir am Taufstein tun, darauf hin konzentriert. Denn es geht nicht um ein heiliges Wasser, es geht nicht um Schutzmechanismen, die ich quasi magisch aktivieren könnte, wie es manch einer aus Film und Literatur kennen mag. Sondern es geht: Um das Wort, welches dabei gesprochen wird. Und im Wort liegt eine Deutung des Geschehens. „Ich taufe dich auf den Namen Gottes, des Vaters, des Sohne und des Heiligen Geistes!“ Auf einen Namen hin ausrichten, liebe Gemeinde, darum geht es. Auf den Namen dieses Gottes, den wir mit der Liebe und dem Leben übereins bringen. Von dem wir glauben und hoffen, dass er uns liebevoll nachgeht, uns sucht, auf Antwort wartet.

Mit unseren Konfirmanden bespreche ich dies. Dürften diese im Notfall taufen? Ja, das dürften sie! Und wenn es nun so ist, dass sie kein Wasser in der Nähe haben? Dann dürften sie sogar ohne Wasser taufen! Und: Sie würden in die Kirchenbücher eingetragen werden als Täufer oder Täuferin dieses in der Not befindlichen Kindes oder sogar Erwachsenen. Wichtig ist das Wort und die darin liegende Bedeutung. Das macht uns der Kämmerer vor. „Was hindert´s, dass ich mich taufen lasse?“ Wer für sich Worte des Lebens gefunden und ergriffen hat, den hindert nichts an dieser Taufe. Der Kämmerer hatte keine schöne Kirche zur Verfügung. Er hatte keine Zeit, ein Fest zu planen und auszurichten. Er musste sich über die Familienfeier keine Gedanken machen. Sondern er konnte sich ganz und gar konzentrieren auf die Bedeutung dieses Wortes für ihn.

Sind wir denn zu lau geworden, liebe Gemeinde? Wir als Volkskirche und wir als Gemeinde in ihr? Wer müht sich denn noch um ein Begreifen der Worte, der Schrift? Wer ringt denn noch mit einer Botschaft, die ihm einen Sinn seines Lebens aufschließt? Oder sind wir schon darüber hinaus, so dass die Blumen bei der Tauffeier wichtiger werden, als die Botschaft? Oder, dass wir mehr Zeit in die Frage investieren, wo wir denn nun danach essen gehen sollen oder ob die Farbe des Taufkleides nicht vielleicht doch anders sein sollte?

„Verstehst du auch, was du liest?“ fragt Philippus den Kämmerer! Denn auch dieses muss dazu kommen: Einer, der sich müht um das Verständnis der Schrift für sein eigenes Leben und einer, der bereit ist, ihm diese zu erklären und zu deuten. Sie wissen, worauf ich hinaus will: Es braucht also die Gemeinschaft derer, die sich um das Wort versammeln. Wir tun dies hier, wenn auch nur kurz und knapp, kaum eine Stunde in der Woche. Aber immerhin. Aber das Wort bräuchte mehr Zeit, um Spuren zu hinterlassen. Es will bedacht werden, gedreht, gewendet, von allen Seiten betrachtet und immer wieder bezogen und geprüft, ob es für mein Leben etwas zu sagen hat!

Welche Worte, liebe Gemeinde, deuten denn unser Leben heute? Wem geben wir diese Deutehoheit? Lassen wir es nicht vielmehr zu, dass uns etwa die Werbung und damit die Wirtschaft unser Leben deutet? Wenn ich jetzt fragte, was denn Schönheit und Mut und lebenswertes Leben sind, was kämen dann für Antworten? Ich bin sicher, wir würden vieles erkennen, was uns allabendlich oder über die Prospekte erzählt wird. Was wir alles brauchten, um glücklich zu sein. Wenn wir nur dieses hätten oder jenes nähmen.

Gemeinde des Herrn ist die um Wort und Sakrament versammelte Gemeinde. Die also, die sich um die Auslegung des Wortes müht für ihr eigenes Leben. Auslegung heißt aber in diesem Fall nicht nur, zu wissen, wie man die Worte verstehen kann, die dort gesprochen sind, sondern, dass man erkennt und begreift, dass diese Worte des Lebens für mich sind, für mein Leben.

Die Älteren unter uns wissen es noch, wie Martin Luther seine Auslegungen im Kleinen Katechismus ausführt. „Für mich“ ist der jeweils entscheidende Hinweis. Gott hat z.B. nicht nur die Welt geschaffen – irgendwann und sei es vor Millionen von Jahren. Sondern er hat mich geschaffen, mit allem, was ich habe, mit allem, was ich beständig bekommen, mit allem, was ich bin. Und Christus hat mich erlöst, und nicht irgendwann einmal vor tausenden von Jahren irgendwen, sondern mich!

Wir müssen das wieder üben, liebe Gemeinde, damit die Stimme der Christenheit nicht verstummt. Und dabei geht es nicht um die Mission, als ob wir etwas anderen Menschen überstülpen müssten, das sie gar nicht haben wollen. Sondern es geht um unseren Auftrag, den wir den anderen Menschen schuldig sind: Von diesem Eu-angelion, dieser Froh-Botschaft in Christus zu erzählen, zu berichten, zu bekennen. Und das eben in einer Welt, die anders lebt und anders ist. Die nicht vollständig getragen ist von Liebe und Gerechtigkeit, sondern die regiert wird vom Fürst dieser Welt, wie es Paulus an anderer Stelle sagt. Und wir könnten das Salz sein, zum Würzen gut. Wir könnten ein Licht sein, zur Orientierung und Vertreibung der Dunkelheit. Wir könnten dem Rad in die Speichen fallen, weil wir etwas zu sagen haben.

Diese Kraft aber, liebe Gemeinde, wird erlahmen, wenn wir selbst träge und faul geworden sind. Wenn wir nur im Alltagstrott bleiben. Wenn wir so tun, als wäre mit der Taufe schon alles erledigt und wir hätten bereits die Wahrheit in der Tasche.

Dem ist aber nicht so: Als wanderndes Gottesvolk sind wir in der Bewegung. Wir sollten es sein. Und dazu muss es die Auseinandersetzung mit der Schrift geben, wie es uns der Kämmerer vormacht: Ein Ausländer und ein Nicht-Kundiger in Schrift! Aber einer mit Willen und der tiefen Sehnsucht nach Verständnis.

Bauen Sie es ein in Ihren Alltag, liebe Gemeinde: Die Zeit zum Lesen in der Schrift. Von mir aus ganz kurz und knapp, aber halten Sie daran fest, trotz allem, was Sie zu tun haben. Und: Machen Sie sich für diesen Augenblick frei von all dem, was Sie tagsüber bewegen mag. So frei, dass Ihre Gedanken wandern können und Sie den Text von vielen Seiten betrachten können, ohne bereits eine Korrekturschere im Kopf haben zu müssen. Und nehmen Sie sich Zeit für ein Gebet, frei oder vorformuliert, das ist egal, Hauptsache, Sie können sich darin finden.

Getauft zu ein, bedeutet nämlich auch, eine Verantwortung übernommen zu haben. Bleiben Sie dran, damit es gehen kann, wie es Lukas erzählt: Er aber zog seine Straße fröhlich.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir blicken können, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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