Pilgerwege zum Leben

Ein Augenblick unter vielen vergleichbaren ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Der vermeintliche Jahrtausendwechsel 1999/2000 lag gerade wenige Tage, eigentlich sogar mehr wenige Stunden zurück, und auf dem Bahnhof Zoo in Berlin drängelten sich die Massen, die nach dem Spektakel der letzten Tage einen der Züge und Sonderzüge nach Hause nicht nur erreichen, sondern auch einen Platz darin ergattern wollten. Ich hatte mit viel Glück auf dem Bahnsteig einen Platz gefunden, der mir einen schnellen Zustieg in meinen Zug erlaubte und so konnte ich zumindest mit einem Stehplatz meine Fahrt in die Partnergemeinde antreten. Es war eng, aber alle hatten einen Platz gefunden und dazu dann auch noch viel Zeit! Irgendwie kam ich mit meinen Stehnachbarn bei der besonderen Stimmung dieser Tage schnell ins Gespräch und irgendwann und irgendwie verriet ich auch meinen Beruf und den Grund meiner Reise. Was für eine Aufregung: „Komm doch mal her, hier ist ein richtiger Pfarrer!“ rief einer meiner Gesprächspartner durch den Gang. Eigentlich fühlte ich mich gar nicht so sehr wie ein sonderlicher Exot, aber dieser Reflex kam mir durchaus bekannt vor: Es ist interessant einen hauptberuflichen Repräsentanten des Glaubens für eine überschaubare Zeit und völlig unverbindlich, weil man sich wohl nie wieder über den Weg läuft, als Gesprächspartner zu haben. Vielleicht nicht mehr alle, aber zumindest doch viele Menschen machen sich schon ihre Gedanken über Gott und die Welt und damit über ihr Leben und haben selten Gelegenheit darüber ins Gespräch zu kommen. Denn wo soll ich außerhalb der Kirchen, die viele ja nicht mehr regelmäßig besuchen, über Gott reden können. Im normalen Alltag würden die meisten wohl belächelt werden, wenn sie plötzlich ihre persönlichen Einsichten zu Glaubensfragen von sich geben würden. Bei uns hauptamtlichen Repräsentanten, für mich aber auch bei den ehrenamtlichen, ist das aber etwas anderes.
Ich weiß gar nicht, wie oft ich unterwegs und auf Reisen von anderen Menschen in Glaubensgespräche verwickelt wurde, wenn sie wussten, mit wem sie es zu tun hatten.
Da begegnet mir einmal eine hohe Erwartung: wer sollte denn sonst kompetent Auskunft geben können in Fragen, die dann bei allem Bedeutungsverlust der Religion im öffentlichen Bewusstsein doch zutiefst in jedem Leben verwurzelt sind.
Und mir begegnet zum anderen Offenheit, weil sie eben erst einmal keine persönlichen Konsequenzen haben muss. Das Gespräch kann ganz persönlich, vertraulich, aber auch unverbindlich bleiben und dann kann jeder wie in unserer Geschichte fröhlich seine Straße weiter ziehen. Vielleicht haben sie ja einmal ähnliche Erfahrungen gemacht, wo ihre Verwurzelung in der Gemeinde, ihr Engagement und ihr Glaube öffentlich wurden.
Nicht zufällig „Unterwegs“ scheint es eine besondere Affinität für solche Gespräche zu geben. Mehr als am Rande eines Fußballplatzes oder auf der Liegewiese eines Strandbades. Es ist die Wegsituation.
Unterwegs von einem Ziel zum anderen, im Urlaub auch noch frei von vielen Alltagssorgen und –lasten, drängen andere, wichtige und zu kurz gekommene Fragen in den Vordergrund und wir lassen Dinge zu, die sonst eher hinten angestellt werden. Unsere Schritte werden zu Orten gelenkt, an denen Menschen im Alltag meist vorübergehen. Offene Kirche ziehen magnetisch an und viele kommen mit Tiefenschichten ihrer Existenz in Berührung, die sonst verborgen bleiben. Eine Ahnung von Gott und eine Sehnsucht nach Tiefe im Leben, ausgenommen vom Alltag der Welt, an den Orten, die meine Seele berühren und für Gott öffnen und sensibel machen.
Unterwegs ist Zeit, Raum und Gelegenheit, über das Leben nachzudenken, Bilanz zu ziehen, Veränderungen in Angriff zu nehmen. Im Alltag fehlen diese Gelegenheiten oft, in unserer gefühlt so getriebenen Zeit ganz besonders. Entschleunigung heißt das Zauberwort und meint doch eigentlich nur ganz alte Erfahrungen, dass es manchmal nottut, sich (einfach) Zeit zu lassen und Zeit zu nehmen für Dinge, Fragen und Entscheidungen, die dran sind.
Pilgern ist wieder zeitgemäß geworden, auch unter Protestanten. Nicht erst seit Harpe Kerkelings exemplarischer Feststellung: ich bin dann mal weg – um dann verändert wieder da zu sein!
Santiago de Compostella und andere alte Jakobswege, auch die Heiligrockwallfahrt 2012 in Trier, gerade sie ökumenisch getragen trotz Luthers beißender Kritik an ihr, werfen nur einige Schlaglichter auf dieses Phänomen. Abrahams Geschichte am letzten Sonntag war schon einmal eine Pilgergeschichte, die des Kämmerers aus dem Morgenlande ebenso: mit einem heiligen Buch unterwegs nach Jerusalem, zum Tempel, dem geglaubten Mittelpunkt und Zentrum der Welt, hin zu dem Gott, den wir als den Schöpfer des Himmels und der Erde bekennen, ist er Tag für Tag unterwegs.
Auch nicht religiöse Menschen entdecken das Pilgern und suchen diese elementaren Erfahrungen.
Der Abtprimas der Benediktiner Notker Wolf meint: „Darum geht es eben beim Pilgern, vor allem anderen und auch heute noch: um einen Aufbruch und Ausbruch aus seiner alten Welt, einen – wenn auch nur vorübergehenden – Bruch mit ihren Gewohnheiten, ihren Bequemlichkeiten, ihren Bindungen und Verpflichtungen, einen Ausstieg aus den geordneten und ungeordneten Verhältnissen seines alltäglichen Lebens, auch ein einstweiliges Ausscheiden aus seiner Zeit mit ihren schnellen Antworten und schnellen Lösungen und schnellen Ortswechseln. Pilgern setzt mithin den Mut voraus, ein Experiment mit sich selbst zu wagen. Und das ist ein durch und durch christlicher Mut.“ (Wohin pilgern wir? S.20)
Ich kann natürlich versuchen, allein unterwegs zu sein.
Und manchmal ist auch genau das dran, um all die Stimmern um mich herum einmal zum Verstummen zu bringen, die mir keine Chance lassen, auf meine innere Stimme, auf die Rufe meiner Sehnsüchte oder Ängste zu hören. Aber oft genug braucht es dann aber auch Weg- und Reisebegleiter, auch und gerade auf spirituellen Reisen, auf Glaubensfahrten oder Pilgerwanderungen.
Die Frage „verstehst du auch, was du da liest“, die bei uns auch lauten könnte „was du da hörst, siehst oder erlebst?“ ist eine grundsätzliche Frage, die aus der Wanderschaft, aus der Reise, aus dem schlichten Unterwegssein eine Pilgerfahrt macht. Leben, Begegnungen, Erfahrungen, Eindrücke, Fragen und Antworten wollen gedeutet werden, wollen hinterfragt und nicht einfach nur hingenommen werden.
Wenn der Kämmerer eine Schriftrolle in der Hand hält, dann leuchtet darin der tiefe Sinn und die Aufgabe der biblischen Tradition auf, uns zu helfen, unser Leben im Angesicht Gottes und seines Wortes neu zu verstehen. Das macht sie erst wahrhaft zu Gottes Wort. Die Bibel will mit Mitteln des Glaubens nicht einfach die Welt allgemein erklären, sondern will ein anderes Licht auf mein Leben inmitten dieser Welt werfen, sie will deuten und mir Herz und Augen öffnen für die Spuren der Gegenwart Gottes, die wir so leicht übersehen, weil sie zart und zurückhaltend, aber eben nicht aufdringlich sind.
Pilgerreisen müssen also auch Gemeinschaftswege sein, Zeiten mit persönlichen Pilgerbegleitern, sie brauchen Anstöße zum Nachdenken, zum Gebet, Verstehenshilfen zum Leben, die oft von außen kommen müssen.
Philippus wurde solch ein Pilgerbegleiter, auch wenn Lukas ihn eher als Missionar sieht. Aber vielleicht ist das auch der Weg in die Zukunft unserer Kirche, nicht nur (aber auch!) auf den Marktplätzen öffentlich das Evangelium so zu verkünden, dass die Menschen spüren, dass es etwas mit ihrem Leben zu tun hat, dass sie ihr Leben im Lichte des Evangeliums noch einmal anders und besser verstehen.
Um dann einzelne mit ihren Fragen und ihren Hoffnungen, ihren Sehnsüchten und Ängsten auch zu begleiten und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.
Dazu braucht es sicherlich eine Begeisterung im Herzen, aus der heraus ich mich den Fragen anderer nach meinem Persönlichsten, nämlich meinem Glauben, auch stellen kann.
Es braucht Auskunftsfähigkeit in Sachen des Glaubens.
Glaubenskurse sind nicht nur missionarischen Projekte nach außen, sondern ein Sprachlernprogramm nach innen, für uns und unsere Auskunftsfähigkeit. Wer sich da weiterbilden will, kann mit dem Glaubenskurs unserer Kirchenzeitung anfangen und dann in einem der Gesprächskreise weitermachen. Der kann auf uns nach den Gottesdiensten zukommen und fragen, was er nicht verstanden, oder sagen, was ihn berührt oder auch geärgert hat.
Und mit der Zeit kommen dann auch der Mut und die Bereitschaft anderen Rede und Antwort zu stehen, denn „ jeder Christ ist ein Evangelist!“
Wen die Frage umtreibt, wo man denn anfangen soll, der mag da weiter machen, wo der Kämmerer aufhört, bei der Taufe.
„Was hindert s, dass ich getauft werde“ ist nämlich die Frage nach einem wunderbaren Anfang.
Ein Anfang, den Gott mit uns längst gemacht hat, als er uns Leben anvertraut und die Sehnsucht nach ihm ins Herz gelegt hat. Ein Anfang, dem er zeichenhaft Ausdruck verleihen wollte im Sakrament des Anfangs: seht her, mein Kind, das ich beim Namen rufe und zu dem ich mich bekennen will.
Legen wir die Latte im Alltag unserer Gemeinden bitte nicht zu hoch, der Weg ist am Taufstein oder im Taufbecken noch lange nicht zu Ende, sondern beginnt eigentlich erst.
Deswegen kann es eigentlich gar nicht so richtig Taufhindernisse geben, weil ich sonst ja Gott Hindernisse auf seinen Weg mit uns legen würde. Aber Wegbegleiter braucht es auch hier hin und wieder.
Sicher zieht Philippus dann fröhlich seine Straße weiter, der Kämmerer wird aber wohl nicht allein geblieben sein. Auch ich werde womöglich heute oder morgen schon wieder angesprochen werden und kann dann mit einem mir Begegnenden ein Stück Weg gemeinsam gehen, Gott sei Dank und wunderbar! So möge es sein! Amen

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