Trotz aller Schwierigkeiten: Die Freude bleibt!

Grund zum Klagen gibt es viel in unserer Gemeinde. Ich kann klagen über fehlendes Engagement auf manchen Ebenen, über schwachen Gottesdienstbesuch, über wenig Spendengelder, über viel Misstrauen gegenüber Kirche und Institution. Und dass die Paare zu wenig Kinder kriegen und zum oft auseinandergehen, darüber kann ich auch klagen. Und trotzdem spüre ich: Auch vorherige Generationen hatten Grund zur Klage, anderen Grund. Aber das Leben und die Freiheit eines Christenmenschen waren noch nie einfach und unproblematisch. Dazu schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Philippi:

[TEXT]

Voraussetzung: Der Apostel sitzt in Gefangenschaft. In irgendeinem Kerker, in dem er zwar die Möglichkeit hat, Briefe zu schreiben, Nachrichten zu empfangen, aber auch immer um sein Leben fürchten muss und Angst haben muss vor der Willkür irgendwelcher Aufseher. Das war damals wie heute so, dass Menschen, die Macht haben über andere, immer auch in der Versuchung stehen, diese Macht zu missbrauchen.

Vorrang vor seinen persönlichen Problemen aber hat die Zukunft des Evangeliums und der Gemeinde Jesu Christi. Darum schreibt er den Schwestern und Brüdern in Philippi. Er möchte ihnen auch in schwierigen Situationen Mut machen, ihren Glauben zu leben. Darum ermutigt er sie geschwisterlich zu leben. In gegenseitiger Ermahnung. Ermahnung ist ein Wort, das wir nicht gerne hören, weil es uns an strenge Eltern erinnert, an Verbot und Begrenzung. Das ist auch Ermahnung und wer ehrlich ist, oft mit besten Absichten. Manches Unglück hätte schon verhindert werden können, wenn die Menschen auf Ermahnungen hören würden.

Aber Ermahnung im Sinne des Apostels meint das gegenseitige sich auf einem guten Wege halten. Auch ein Baustein des Miteinander, dass wir Kritik üben und Kritik annehmen. Ermahnung trägt jene Frucht, die der Apostel herzliche Liebe und Barmherzigkeit nennt. Ermahnung hat das Ziel, das Paulus so benennt: das, was dem Anderen dient. Ermahnung dient nicht dazu mich über den Anderen zu erheben, sondern nur dazu mich in den Dienst des Anderen und der Gemeinschaft zu stellen. Nur dann ist sie ehrlich und aufrichtig.

Wenn das allerdings immer so einfach wäre. Zu wissen, was dem Anderen dient. Ich will ja nur dein Bestes, das sagen LehrerInnen genauso wie Berater beim Arbeitsamt. Aber wissen sie wirklich immer, was mein Bestes ist? Und bin ich immer sicher, ob das, was ich tue, das Beste ist für die Gemeinde, für meine Kinder, für meine Mitmenschen? Ich irre mitunter sehr, wenn ich meine des Beste für die Anderen zu tun.

Das weiß der Apostel allerdings auch. Er möchte der Gemeinde Mut machen, dass sie immer neu zusammenfindet, immer neu miteinander versucht herauszufinden, was jedem Einzelnen gut tut, was er nun braucht. Denn das ist sein Ziel – und unser Text ist nur ein Auftakt dazu. Darum schließt an unseren Text ein Lied an, das beginnt mit ‚Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war …‘

Ob wir jemals dahin kommen werden? Sicher nicht, wenn wir uns nicht wenigstens auf einen Weg begeben, der in die richtige Richtung geht.

Trost – Zuspruch – Gemeinschaft – Barmherzigkeit das sind für den Apostel Bewegungen des Glaubens. Die Bewegung, die nach dem Kleinen und Schwachen fragt und sich ihnen zuwendet, um, ihnen Hilfe zu geben, Hilfe ihr Leben zu gestalten, Hilfe herauszufinden, was ihnen wirklich dient und was ihren Mitmenschen dient.

Damit würden wir nicht nur dem Apostel eine Freude bereiten, wie er schreibt, sondern uns allen als Gemeinde Jesu Christi. Dieser Freude müssen wir viel Raum geben in unserem Leben. Dieser Freude die daraus entsteht, dass wir mit uns selber im Reinen sind und dass die Gemeinschaft lebt.

Darum kann auch der Apostel im Gefängnis durchatmen, weil er weiß, dass es Menschen gibt, denen sein Wohlergehen am Herzen liegt und weil er weiß, dass diese Menschen an ihn denken und für ihn beten.

Natürlich gibt es genug Grund zur Klage. Wer sitzt schon gerne im Gefängnis – und in der Gemeinde in Philippi ist wohl auch nicht alles ganz toll. Aber es geht ihm wie manchmal Kranken im Krankenhaus, denen dort bewusst wird, wie gut es ihnen eigentlich geht. Das Leid der Anderen ist manchmal auch ganz heilsam. Es bleibt allerdings auch Leid, das ich ernst nehmen will und nicht einfach benutzen darf wie eine Treppenleiter um mich hoch zu schaffen.

Für Paulus gilt trotz aller Schwierigkeiten: Die Freude bleibt. Die Freude darüber, dass ich mit meinem Wesen Anteil am Heilshandeln Gottes habe. Das gilt für Paulus. Die Frage nach dem einzelnen Menschen muss sich jeder selbst gefallen lassen. Ich muss mir diese Frage stellen: Wie groß ist meine Freude, dass Gott mit mir Heil schaffen will bei den Menschen. Und wie bewahre ich diese Freude trotz aller Nackenschläge.

Unsere Gottesdienst müssen sich wohl auch daran messen lassen: Was tun wir, um dem Nächsten zu dienen, dem Fremden, dem Außenstehenden? Nicht nur: Was tut die Küsterin, was die PresbyterInnen? – was tu ich, dass Freude werde bei allen Menschen, die das Evangelium hören.

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