Was Du willst, das man Dir tu….

Liebe Gemeinde,

es sind Schulferien und ich denke an meine Söhne. Da fällt mir beim werkeln eine Begebenheit, aus der Grundschulzeit meiner Kinder, ein. In der letzten Unterrichtsstunde vor den Großen Ferien führte die Religionslehrerin mit der Klasse eine Diskussion.

Eine Diskussion darüber, warum bei jedem Arbeitsauftrag im Religionsunterricht die Frage kam: „Bekomme ich dafür eine Note?“ „Arbeitet Ihr nur für die Note? Warum sind euch Noten so wichtig?", fragte sie. Alle meinten, es sei doch wichtig, besonders gut dazustehen. Den nur mit guten Noten bekomme man auch später eine gute Stelle, bei der man viel Geld verdienen könne.

Schließlich haben sie gemeinsam überlegt, welche Gründe es noch geben könnte, sich bei einer Arbeit besondere Mühe zu geben. Ein Mädchen sagte schließlich: „Um dem Anderen eine Freude zu machen“. Über gute Noten freue sich ihre Mutter, und darum strenge sie sich dolle an. Es ist allerdings recht schwer, bei Grundschülern ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass das Leben mehr ist, als nur der Einzelkampf um den besten Platz.

Hören wir, womit die Gemeinde in Philippi dem Apostel Paulus eine Freude machen sollte. Sein Schreiben ist dargelegt im Philipper 2,1-4:

Die Gemeinde in Philippi war dem Apostel Paulus ein Quell der Freude. In anderen Gegenden wurde er ins Gefängnis geworfen. Oder er wurde nur geholt, bei Auseinandersetzungen. Z.B. gab es Gemeinden, in denen sich beim Abendmahl die Reichen erst einmal satt aßen. Die Gemeinde in Philippi hingegen, war auch noch lange nach Paulus Tod bekannt für ihre Einmütigkeit.

Davon können wir hier nur träumen. Was wird man in hundert Jahren über die Gemeinden in unsere Kreuz-Kirchengemeinde Bliesendorf sagen? „Das war die Gemeinde, wo es immer nur Streit mit den Mietern der Häuser oder den Pächtern der Grundstücke gab?“ oder „Das waren die, die jeden schräg angesehen haben der mal unvorteilhaft gekleidet in die Kirche kam?“ „Das waren die, die immer nur ihre eigene Kirche gesehen haben und den Rest der Gemeinde vergaßen?“ Denkbar ist vieles. Vielleicht wird auch gesagt: „Das war der Sprengel, in dem die Dörfer nur gegeneinander arbeiteten. Und das unter Christen". Dieser Eindruck sollte auf jeden Fall vermieden werden.

Wir hier haben auch schon erlebt, dass sich die Gemeinden des Sprengels einig sein können. Als es zum Beispiel um die Fusion der Kirchen im Sprengel ging. Da wurde auf das, was dem andern dient geachtet. Aber sonst?

Aber wie oft geht es uns so, dass wir sehr genau auf das Persönliche achten. Darauf, dass wir denn genug gelobt werden. Ob unser Engagement ausreichend gewürdigt wird. Ob eventuell jemand anderer angeblich bevorzugt behandelt wird.

Ich stehe schon seit meiner Kindheit aktiv im Gemeindeleben. Und immer wieder musste ich miterleben, wie unbarmherzig und scheinheilig es in Gemeinden zugehen kann. In meinem Heimatort, Berlin-Britz, hatte es der Pfarrer jahrelang schwer, neue Aktive für den Frauenkreis zu gewinnen. Da saßen bestimmte Damen fest im Sattel und verteilten gezielte Nadelstiche an die, die zum ersten Mal eine Andacht hielten oder auch nur zum ersten Mal einen Kuchen zum Gemeindefest mitbrachten.

Warum ist das so? Ist es Angst unbeachtet zu sein, wenn andere sich entfalten? Ein typische Reaktion war: „Na, wenn Die sich jetzt so einbringt, dann werde ich ja weggedrängt…. neue Besen kehren gut.“

Ist es das Gefühl unwichtig zu sein und zu wenig ernst genommen zu werden, dass es zu solchen Verstimmungen kommt? Oder geht es vielleicht doch ein bisschen um Macht? Um eine gewisse „Hackordnung“ von Einzelnen in der Gemeinde oder von ganzen Dörfern in einem Pfarrsprengel? Es geht wohl eher um die Angst, Gottes Güte wäre für Alle unzureichend bemessen. Das der HERR jemanden übersehen könnte, ist sehr unwahrscheinlich. Eher ist wohl die Sorge ausgeprägt, dass die Anderen einen übersehen könnten.

„Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte Einer den Anderen höher als sich selbst.“ heißt es im Text.

Die Menschen, mit denen ich diese christliche Gemeinde bilde und mit Leben erfülle, die sind mir zum freundlichen Umgang empfohlen. Sie sind mir ans Herz gelegt und anvertraut, von Paulus und natürlich von Christus. Gerade Diese, die anderer Meinung sind als ich und mit denen ich mich auseinander setzen muss. Auch jene, die einen anderen Lebens- oder Frömmigkeitsstil praktizieren und vertreten. Ermutigende Worte, tröstenden Zuspruch, herzliche Verbundenheit, all das erwartet Paulus von den Christen. Aber ist dieser Anspruch überhaupt zu erfüllen? Gerade der unterschiedliche Lebens- und Frömmigkeitsstil fordert bei jedem von uns eine Menge an Respekt und Achtung. In der Theorie sind wir ja alle ganz gut. Wir beten und bitten Gott darum, dass er den Mitmenschen die Fähigkeit zur Toleranz verleiht. Aber offenbar haben wir alle Schwierigkeit, unseren Teil dazu beizutragen.

Auf Konventen wird es immer wieder deutlich, dass eines der Hauptprobleme der Umgang der ehrenamtlichen Mitarbeiter untereinander ist. Eifersüchteleien zwischen den diversen Funktionsträgern sind an der Tagesordnung. Diese Erfahrung musste ich auch schon machen. Allerdings sei hier ergänzend erwähnt, bei den Hauptamtlichen geht es genauso zu. Z.B. werden Taufstatistiken verglichen wie die Bilanzen konkurrierender Wirtschaftsunternehmen und missionarischen Bemühungen eines Kollegen mit „Du liturgischer Tiefflieger“ abgewertet. Gerade im Zuge der Strukturveränderungen und der Streichung von Pfarrstellen wird dort mit recht harten Bandagen gekämpft. Um, auf Kosten anderer, das eigene Überleben am Pfarrort zu sichern.

Allerdings, diese Querelen gab es auch schon zu Zeiten des Apostels Paulus. Und gerade deshalb will der Text uns Mut machen für ein gelingendes Miteinander. Wie können wir es besser machen? Wie können wir es schaffen, Diejenigen wieder ins Boot zu holen, die sich vom Glauben oder von der Gemeinde abgewandt haben? Viele werden uns innerlich zugerufen haben: „Ich brauche eure Hilfe!“ Nur, sie blieben ungehört. Viele werden auf uns gewartet haben, wir unterließen es hinzugehen. Wir waren viel zu sehr mit uns und unseren internen Problemen beschäftigt.

Bei Kirchenfesten und Arbeitseinsätzen ist das immer schön zu sehen. Da packen die Ehrenamtlichen gemeinsam kräftig an. Haben aber auch Kirchenfremde um Hilfe angesprochen und ihnen gesagt: „Wir brauchen Euch, Eure Hilfe ist sehr nötig.“ Und die Leute sind gekommen. Sie haben geputzt, gearbeitet, gebaut, gebacken, gekocht und sind danach auch in den Gottesdienst gegangen. Manche zum ersten Mal seit vielen Jahren oder überhaupt. Ob sie wiederkommen, ist unbekannt, wir können dafür beten.

Ebenso bei Projekten für Kinder und Familien. Viele Ehrenamtliche aus unserer Region engagieren sich, ungeachtet der unterschiedlichen Glaubensauffassung und -erfahrung. Der Umgang der Mitarbeiter untereinander bestimmt das Arbeitsklima. Die Kinder dort haben ein sehr feines Gespür, ob sie willkommen sind. Streit, Querelen, Uneinigkeit und Disharmonie erleben viele zu Hause. Eine wichtige Botschaft, die sie bei solchen missionarischen Projekten mitnehmen sollen ist die, dass Gott sie liebt, sie sieht, sie kennt und versteht. Und dass Gottes Liebe Menschen verändert.

Die Aufforderungen des Predigttextes mit Leben zu erfüllen, muss gewagt werden. Unser Leben als Christen findet in einer Umgebung statt, in der vielen alles egal geworden ist. Paulus hat seiner Gemeinde Mut gemacht, das gilt auch für uns: „Es ist für Euch unnötig, alles nur aus Eigennutz und eitler Ehre zu tun. Stellt Euch vor, wie sich das Leben verändert, wenn ihr in Demut den anderen höher als Euch selbst achtet. Es ist unnötig, nur auf das Eure zu achten. Erträumt Euch einmal, wie es wäre, wenn jeder zuerst auf das sieht, was dem Anderen dient. Es ist der einzig richtige Weg, die Veränderung aller Zustände bei sich selbst zu beginnen.“

Wir fangen ja schon mit einem gewissen Vorlauf an, das ist hier genauso wie in Philippi, es sind viele gute Ansätze da. Und wir haben doch alle einen gemeinsamen Nenner: Jesus Christus. Er hat uns vorgelebt, was dieses altmodische Wort Demut bedeutet. Er hat uns intensiv, auf Missstände aufmerksam gemacht. Ängstliches Weggucken oder Anpassung bis zur Profillosigkeit sind die falschen Interpretationen für Demut. Demut hat sehr viel mit Mut zu tun. Jesus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen statt des Kopfes, obwohl er zu letzterem gewiss oft Grund gehabt hätte. Hat er dadurch irgendetwas von seiner Würde eingebüßt? Das Beispiel, das er uns gibt, kann uns doch wirklich Mut machen, in seinem Dienst unseren Mitmenschen mit Hochachtung zu begegnen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in der Achtung und Wertschätzung unserem Nächsten gegenüber. Amen

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Prädikantin Ursula Schabert in Welbsleben.)

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