Zumutungen im Leben

Es ist nicht auszuschließen, dass ich sie heute Morgen enttäuschen werde. Was wir hören ist zunächst alles andere als eine schöne und erbauliche Geschichte. Mit zwei grundlegenden Täuschungen muss nämlich aufgeräumt werden. Und das meint doch Enttäuschung: sich der vertrauten oder bequemen Täuschungen berauben lassen…
Wir haben wahrscheinlich überhaupt keine wirkliche Vorstellung von dem, was Gott Abraham zumutet, als er ihn auffordert: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will“
Ein Aufbruch im Alter aus allen vertrauten Zusammenhängen und Lebenssicherheiten in eine völlig ungewisse Zukunft auf ein völlig wages Versprechen hin – das ist eine Zumutung in mehrfacher Hinsicht. Für uns ist Reisen kein Thema mehr, ein Wüstentrip eher ein besonderer Kick. Ich selbst war noch vor wenigen Tagen, die Stunden kann ich noch zählen, im Urlaub auf einer Insel im Atlantik, westlich des nördlichen Afrikas. Gut vier Stunden hat der Flieger gebraucht, um mich komfortabel und sicher dorthin in diese ferne und doch so nahe Welt zu bringen. Und in diesen Wochen sind unzählige Menschen landauf landab unterwegs in ihren Sommerferien und genießen, wie vielfältig, bunt und schön, – aber auch klein die Welt doch ist. Heute hier, morgen dort … – das ist zum Lebensgefühl unserer Zeit für fast alle Generationen geworden.
Davon war Abraham weit entfernt.
Reisen ins Fremde, Ferne und Unbekannte waren unwirtlich, anstrengend, unbequem, gefährlich und nicht alltäglich.
Die vertraute Umgebung, die heimatlichen Orte, die weitere Verwandtschaft aufzugeben, bedeutete alle Sicherungen, alle Sicherheiten, die das Leben bot, preiszugeben.
Wir erleben keine antike Folge der Doku-Soap: ausgewandert, mein neues Leben (mit eingebauter Rückkehrversicherung bei erlebtem Scheitern), kein Abenteuer, das ich bequem im Fernsehsessel zu Hause verfolgen kann.
Gott mutet Abraham ungeheure Ungewissheit nur auf ein Wort hin zu: Geh.
Das allerdings ist dann auch schon die erste entscheidende Botschaft auch an uns: das Leben ist immer Aufbruch und das Leben ist immer Zumutung und eben nicht ein bequemer Fernsehsessel. Was anderes ist uns nie versprochen worden, so leid es mir auch tut!
Versprochen und zugesagt allerdings ist Segen: ich will dich segnen und in dir sollen alle Geschlechter gesegnet sein (Ich habe einmal zusammengefasst). Zugegeben, das klingt ermutigend, beinahe wunderbar und berührt uns – womöglich wie die vielen Segensworte, mit denen unsere Sehnsucht ausgesprochen wird, von Gottes Wirklichkeit und Nähe berührt und getragen und umhüllt zu werden:
Möge die Straße Dir entgegeneilen.
Möge der Wind immer in Deinem Rücken sein.
Möge die Sonne warm auf Dein Gesicht scheinen
und der Regen sanft auf Deine Felder fallen.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott Dich im Frieden seiner Hand.
Einer der bekannten irischen Reisesegen.
Aber machen wir es uns damit nicht zu einfach. Sagen denn diese Worte wirklich noch etwas relevantes?
In dem Roman des Berliner Philosophen Paul Mercier „Nachtzug nach Lissabon“ lässt er eine Figur sagen und fragen: „ und am Schlimmsten ist es, wenn ich mir selbst zuhöre und feststellen muss, dass auch ich die ewig gleichen Sachen sage. Sie sind so schrecklich verbraucht und verwohnt, diese Worte, abgenutzt von millionenfacher Verwendung. Haben sie überhaupt noch eine Bedeutung? Natürlich, der Austausch der Wörter funktioniert, die Leute handeln danach, sie lachen und weinen, sie gehen nach links oder rechts, der Kellner bringt den Kaffee oder Tee. Doch das ist es nicht, was ich fragen will. Die Frage ist: Sind sie noch Ausdruck von Gedanken? Oder nur wirkungsvolle Lautgebilde, welche die Menschen dahin und dorthin treiben, weil die eingravierten Spuren des Geplappers unablässig aufleuchten ?“
Haben für uns oft benutzten Worte, unsere gut gemeinten Wünsche, unsere unausgesprochenen Sehnsüchte, die wir in das Wort Segen kleiden, noch eine Bedeutung, die für sich spricht?
Ich weiß nicht, ob ich diese Frage werde heute wirklich beantworten können. Aber als Anregung, als Anstoß, nicht zu schnell alles zum Segen zu erklären oder in Frage zu stellen, vielmehr ihm einfühlsam nachzuspüren, möchte ich meine Gedanken schon verstehen.

Abraham wird eine Menge zugemutet und was dabei Segen ist, wie er zum Segen werden kann, wird sich dabei erst noch erweisen.

Auch uns wird eine Menge zugemutet und wenn wir uns dem stellen, gereicht es uns womöglich zum Segen, zu einem neuen Blick, zu einem Verhältnis zu unserem Leben.
Am Anfang steht immer Aufbruch. Und das ist keine Frage des Alters. Selbst wenn wir uns eingerichtet haben, wenn unser Leben wie wir meinen in ruhigeren Bahnen verläuft, brechen wir doch mit jeder Entscheidung, mit jedem Tag neu auf. Das heißt ja nicht, immer alles aufzugeben und ins Ungewisse loszuziehen. Aber es heißt sehr wohl, vom Leben immer etwas zu erwarten, Hoffnungen zu haben, sich Ziele zu setzen und mit Enttäuschungen, Verletzungen und auch mit Verzweiflung umzugehen. Gerade in diesem Spannungsfeld von Erwartung und Enttäuschung, von Hoffnung und Resignation, von Freude und Trauer, von Gelingen und Misserfolg spüren wir doch an Leib und Seele unsere ganze Lebendigkeit und zwar in jeder Lebensphase und jedem Alter.
Uns wird zugemutet, uns mit Veränderungen, Erwartungen und Aufbrüchen über die alltäglichen und so lieb gewordenen Klagen hinaus zu beschäftigen und auseinanderzusetzen.
Uns wird zugemutet, dass unser Leben manchmal eine andere Richtung als erwartet einschlägt. Aber etwas anderes ist uns auch, mal ganz ehrlich, nie versprochen worden. Wer Gott die Funktion zuschreibt, der Bewahrer oder gar der Erfüller der selbstgewählten oder selbsterträumten Lebensumstände zu sein, hat ihn gründlich missverstanden.
Gott aber mutet uns Aufbrüche nicht nur zu, er traut sie uns auch zu und lässt uns nicht einfach ins Leere ziehen. Leben heißt immer Unterwegssein zu einem Ziel, das zumindest Gott für jeden einzelnen schon fest im Blick hat. Ich weiß, dass viele sich damit schwer tun, nicht bis ins letzte hinein Herren ihres eigenen Lebens zu sein. Aber nüchtern betrachtet, habe ich es immer nur begrenzt in der Hand, was aus mir wird. Manche nennen das dann Zufall oder Schicksal. Aber die Chance und Hilfe des Glaubens ist es, sich auf Gottes Zusage einzulassen in sein Land, auf sein Ziel hin unterwegs zu sein.
Für mich liegt gerade darin ein großer Trost, weil ich der Zusage vertraue, dass mein Weg und meine Lebensreise nicht im Chaos oder im Nichts enden, sondern dort, wohin Gott mich führt, dorthin, wo biblisch gesprochen seine Ruhe, sein Frieden, seine Gegenwart auf mich warten. Was für Abraham auch im Alter noch sein sehr diesseitiger Lebensweg war, ist für uns alle zugleich ein Ewigkeitsweg, denn so heißt Gottes Land, in das er führt und in dem er zu Hause ist. Aber wer dorthin unterwegs ist, kommt nicht umhin die Lebenslandschaften bewusst zu durchwandern, ich kann sie nicht durchfliehen, sondern darf sie durchleben, Glaube ist nicht Weltflucht, sondern Lebenszuwendung und Lebenshilfe und nur als solche am Ende auch Sterbenshilfe aus der Gewissheit, bei Gott meine bleibende Statt zu finden.
Unterwegs werden mir Spuren des Segens Gottes begegnen. Segen – das sind Wegzeichen seiner Gegenwart, seines Trostes, seiner Ermutigung, aber auch seiner Herausforderung. Was ein Segen ist, stellt sich oft erst im Nachhinein heraus.
Segen ist nicht nur Lachen, Frohsinn, Erfolg, Glück, sondern Segen ist die Erfahrung, nie aus Gottes Hand herauszufallen und auch in den Krisen noch wachsen und reifen, neue Lebendigkeit erleben zu können. Segen ist auch die Erfahrung, dass jeder neue Tag, neu Leben ermöglicht und neue Möglichkeiten schenkt. Manchmal ist der Blick darauf verstellt, dann heißt es den Standort wechseln und eine neue Perspektive, einen neuen Ausblick zu gewinnen.
Eine Chance und eine Herausforderung bleibt lebenslang: Segen mit anderen zu teilen.
Abraham sollte anderen zum Segen werden, weil in seinem Namen und durch seine Nachkommen Gott sich unter allen Menschen einen Namen machen wollte.
Zum Segen werden können wir einander aber auch, wenn wir in Gottes Namen Menschen unter seinem Segen werden und uns so begegnen.
Es ist eine der größten Herausforderungen nicht nur zu schauen, wo Gottes Segenspuren mein Leben kreuzen, sondern Tag für Tag mit der Einladung zu leben, anderen, die meinen Weg kreuzen, zu einem Segen, zu einem Zeichen der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes zu werden. Ob wir damit schon genug angefangen haben?
Gottes Segen jedenfalls möge uns geleiten auf unserem Weg durchs Leben und er möge durch uns auf all die Menschen fallen und ihr Leben bereichern, die uns unterwegs begegnen.
In dem Sinne dürfen auch wir heute Morgen hören: geh in das Land, das ich dir zeigen will. Ich bin mit dir und bleibe bei dir!
Amen

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