Überraschungen einplanen!

1.Mose 12,1-4a
(5.n.Trin. – 8.7.2012 Berlin-Hellersdorf)

1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4a Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.

Die Leute müssen sich an den Kopf gegriffen haben, als Abram damals so mir nichts dir nichts loszog. Ist der jetzt völlig durchgedreht? So werden nicht wenige gefragt haben.

Wir sind es ja gewohnt, anders über Abraham zu reden: über den großen Glaubenden, über den ganz und gar Gott gegenüber Gehorsamen. Abraham – sein Name ändert sich in der biblischen Überlieferung von Abram zu Abraham – ist einer von den berühmten Erzvätern. Isaak und Jakob gehören ebenfalls dazu. Man könnte sie auch Urväter nennen. Auf sie und ihre Frauen beruft sich die Überlieferung Israels. Wie wirkt so einer auf seine Umgebung? Was werden die Leute über Abraham gedacht haben damals in Ur in Chaldäa? Solche Fragen sollen uns heute zuerst interessieren. Vielleicht springt ja auch eine Erkenntnis für unsere Zeit dabei heraus.

Als Abraham noch ein kleiner Junge war, da besuchte er, wie Kinder das ja gerne machen, den Vater in seiner Werkstatt. Der Vater war Töpfer. Die Tonware, die er herstellte, war aber etwas ganz Besonderes, es waren Götterbilder. Und nun wird erzählt, dass der kleine Abraham den einen Gott so gut kannte und ihn liebte, dass er über die Götterbilder mächtig erbost war, so dass er sich einen Stock nahm und sie alle zerschlug. Natürlich war der Vater sehr entsetzt, hatte der Junge doch zertrümmert, womit er Geld verdienen und die Familie ernähren wollte. Der Knabe aber wusste in Glaubensdingen schon besser als der Vater Bescheid und klärte ihn über den wahren Gott auf.

Diese Episode erfahren wir sowohl aus der jüdischen Überlieferung des Talmud als auch aus der islamischen Tradition, für die Abraham, den sie Ibrahim nennt, ja auch von immenser Bedeutung ist. – Wieso erzählt man sich so etwas, wo doch in der Bibel die Geschichten von Abraham erst beginnen, als er schon 75 Jahre alt ist?

Wie gesagt: Die Leute werden sich an den Kopf gegriffen haben, als Abraham im hohen Alter so eine radikale Wende vollzog und sich aufmachte, um an einen Ort zu ziehen, den er selber noch nicht kannte. „Der ist völlig übergeschnappt“, sagten dann wohl die einen, „ich hab’s schon immer kommen sehen“, die anderen. – Mit solchen Bemerkungen suchen wir nach Erklärungen, wenn andere uns so völlig überraschen.

Das ist nun die erste und vielleicht auch die wichtigste Erkenntnis aus der Geschichte von Abrahams Berufung: Wo Gott einen Menschen ergreift, da kommt es zu völlig überraschenden Wendungen. Und vor solchen Wendungen versagen ganz oft unsere Erklärungsmuster. Darum können wir nichts Dümmeres tun, als zu urteilen oder gar zu verurteilen.

Wenn Gott einen Menschen beruft, dann bricht er die vorhandenen Festlegungen auf, die Festlegungen aus Herkunft und Schicksal genauso wie die sogenannten naturgegebenen Bedingungen. Das Geschehen war so einfach nicht zu erwarten. Das gilt nicht nur für die Außenstehenden. Vielfach werden auch von den Berufenen selbst eine Menge Einwendungen vorgebracht. Bei den Propheten kann man dies besonders gut studieren, aber nicht nur bei ihnen: Jeremia meinte, er sei zu jung. Jesaja erklärte, dass er moralisch ungeeignet sei. Und Jona ist schlicht davongelaufen. Mose sagte zu Gott, er könne nicht reden, und Gideon meinte, dass er nicht zum Freiheitskämpfer tauge. Gott aber wischt in allen diesen Fällen die echten wie die vorgeschobenen Argumente beiseite und sagt: „Geh!“ Schlicht und einfach: „Geh!“ Und da machen sie sich auf. So macht sich auch Abraham auf den Weg und wird auf diese Weise zum Glaubens-Vater der Juden, Christen und Muslime. So machen sich auch Petrus und seine Freunde am See Genezareth auf und werden zu Jüngern und schließlich zu Aposteln und den Begründern der Kirche.

Es passiert in solchen Fällen im wahrsten Sinne des Wortes Ungeahntes. Neues entsteht hier durch Gott. Das erinnert nicht ohne Grund an das Geschehen bei der Schöpfung, wo ja auch Neues, noch nie da Gewesenes entsteht. Und wie nun der Sinn der biblischen Erzählungen von der Schöpfung nicht darin besteht, zu erklären, wie genau es war, sondern dazu anzuleiten, dass wir staunen und uns freuen, dass durch Gott das Chaos in eine Ordnung gekommen ist, so auch hier: Warum Abraham losgeht, vermögen wir nicht wirklich zu erklären. Auch solche Geschichten über Abrahams Kindheit wie eingangs erzählt helfen da nicht wirklich weiter. Nicht am Wie und Warum sollen wir hängen bleiben, wir dürfen uns aber freuen, dass Abraham aufbricht, denn wir alle haben am Ende etwas davon. Und was?

Abraham, ein einzelner, wird gesegnet, und er soll ein Segen sein. Segen ist danach keine allgemeine freundliche göttliche Zuwendung, sondern eine persönliche. Der Segen wird zugesprochen und geht weiter und weiter und wird immer wieder für einzelne Menschen konkret erfahrbar. So gelangte er bis zu uns. In Abraham beginnt eine Segensgeschichte, in der auch wir aufgehoben sind.

Auch zuvor schon hatte Gott die Menschen gesegnet, nach der Schöpfung und nach der Sintflut. „Seid fruchtbar und mehret euch“ am Anfang und dann der Segen unter dem Regenbogen, in jedem Fall ein globaler Segen, in dem Gott allen Menschen signalisierte: Ich bin an eurer Seite. Hier bei Abraham wendet er sich den Einzelnen zu. Das ist das Neue, dass Gott in seinem Segenshandeln konkret wird und nun auf Dauer festlegt, was schon in der Schöpfung zu erkennen war, als er mit Eva und mit Adam, mit Kain und Abel oder später mit Noah und seiner Familie redete: Gott will, dass sein Verhältnis zu uns Menschen nicht ein allgemeines, sondern ein sehr konkretes sei. Es soll das Verhältnis von einem Ich zu einem Du sein. Darum können wir den einen Satz aus unserem Predigttext getrost einmal so betonen. „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

Gott kann eigentlich nur ganz groß, unendlich und ganz anders und eigentlich gar nicht gedacht werden. Alles andere wäre uns Menschen verfügbar, nach Bedarf zu beeinflussen und darum nicht Gott, bestenfalls ein Götze. Nun aber wird im Segen deutlich: Der große und unendliche Gott will für mich persönlich da sein. Er sagt du. Er will ein enges Verhältnis und duzt uns und lässt sich von uns duzen.

Das ist wirklich nicht zu begreifen und auch nicht zu erklären. Das kann man nur glauben. Und glauben heißt: sich darauf einlassen, Vertrauen fassen. Dieses Vertrauen ist so stark, dass es noch hält, wenn andere das für verrückt halten. Wir spüren da eine Kraft und strahlen davon vielleicht auch aus, die wir anderen nicht wirklich erklären können, die wir auch selber nur immer wieder dankbar und staunend bezeugen können. Das ist genau so, wie das Paulus von der Kreuzesbotschaft schreibt, und wie wir das in der Epistel gehört haben. Das Wort vom Kreuz sei vielen eine Torheit, uns aber sei es eine Gotteskraft. Wenn das so ist, dann können auch die Verse des eingangs gebeteten Psalms noch viel mehr unser ureigenes Gebet werden: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ Solche Geborgenheit schenkt Gottes Segen. Dann aber vermögen wir vertrauensvoll und mutig auch neue Wege zu beschreiten, als einzelne und als Gemeinde. Amen.
(Predigtlied EG 395,1-3: Vertraut den neuen Wegen)

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