Sonntagschule

[1] Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. [2] Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. [3] Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. [4] Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war 75 Jahre alt, als er aus Haran zog.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde und Gäste,
mit dem heutigen Predigttext steht eine Lektion auf dem Programm. Es ist, als ob wir einen Lexikonartikel vorgelegt bekommen um etwas tiefer zu verstehen, was uns bisher nicht bis ins Detail klar war. Wir bekommen Antworten auf eine Frage. Sonntagschule also. Die Frage ist natürlich, ob diese Frage auch wirklich unsere Frage ist. Oder ob diese Predigt am Ende ins Leere läuft, weil sie über Dinge gesprochen hat, die nicht wirklich jemanden interessieren.

Wie lautet diese Frage? Worauf will der kurze Abschnitt unseres Textes antworten? Was müsste uns interessieren, damit wir von der nächsten Viertelstunde auch etwas haben?
Der Artikel steht im Lebenslexikon der Bibel unter dem Buchstaben „G“. „G“ wie Glauben. Und die Frage lautet also: Was ist das eigentlich, der „Glaube“? Der „Glaube an Gott“, der Glaube der Juden und der Christen. Vielleicht sogar die Frage: Wie geht das? Wie macht man das, „glauben“? Wer kann das und was braucht es für Voraussetzungen? Wie funktioniert das?

Nun mag mancher sagen, das sei ihm oder ihr im Wesentlichen klar – wozu die Belehrung am heutigen Sonntag? Gut, dann vertiefen wir heute unser Wissen.

Es könnte aber auch sein, es ist jemand unter uns, der sich, obwohl er gläubig ist, doch ab und an fragt, was er da eigentlich tut. Und es könnte nicht zuletzt auch zutreffen, dass heute Morgen jemand hier ist, für den das genau die Frage ist: Glauben – wie macht man das? Ich will, ja, aber wie geht’s?

Warum nun aber, liebe Gemeinde, liebe Freunde, sollte gerade diese kurze Episode aus dem Leben dieses Mannes Abram eine Antwort auf die Frage nach dem Glauben sein?
Weil sowohl die jüdische als auch die christliche Tradition der letzten 3000 Jahre diesen Abram, der später einen neuen Namen bekommt und dann Abraham heißt, zum „Vater des Glaubens“ erklärt hat: Zum Urbild eines glaubenden Menschen, zum Vorbild, zum Lexikonartikel.

Gehen wir also diesen kurzen Artikel Satz für Satz durch.
Wie geht das mit dem Glauben?

Der erste Satz lautet: „Und der Herr sprach.“ „Und Gott begegnete dem Abram und sprach zu ihm…“

So geht es los im Glauben. Hier steht nicht: Und Abram suchte, ob es einen Gott gäbe, der zu ihm etwas sagen würde… Er hatte so ein Ziehen in der Brust, so eine unerklärliche Sehnsucht mach etwas Größerem, das ihn in seine Pläne verwickelt und ihn damit wichtig macht. Das gibt es tatsächlich, diese Sehnsucht, das ist menschlich, aber so beginnt der Glaube nicht.

Hier steht auch nicht: Und Abram war unzufrieden mit seinem Leben und beschloss fortan, sich mehr mit Religion zu beschäftigen. (Wir müssen bedenken, dass es zur der Zeit, da er lebte, kein Volk gab, das nicht seine Religion hatte. Jeder hatte damals etwas für seine Anbetung: eine Statue, einen Baum, einen Berg, die Sonne, den Mond und die Sterne – alles verlässliche, beständige Fixpunkte in einem unruhigen Leben.) Diese Unzufriedenheit mit dem bisherigen Leben gibt es, aber damit fängt Glaube hier nicht an.

Abram war auch nicht einsam und suchte nach einer Gemeinschaft, die ihn aufnahm, in der er sich akzeptiert, verstanden und gebraucht fühlte. Eine solche Zugehörigkeit, ja Heimat ist wichtig und jeder Mensch braucht sie, aber damit geht das „an Gott glauben“ nicht los.

Und hier steht auch nicht, dass Abram auf der Suche nach Sicherheit war, nach einer Garantie dafür, dass sein Leben gelingt und am Ende – auch am tatsächlichen Ende seines Lebens – alles gut ausgeht. So ein Lebensfahrplan, wo das Ziel und die Ankunftszeit notiert sind und der Zug des Lebens wird auf jeden Fall pünktlich sein und auf die Minute im Ziel einlaufen… (das gibt es und gab es ja sowieso nur selten…)

Nein, los geht alles damit, dass Gott einen Menschen anspricht. Plötzlich auftaucht. Sich meldet. Mitten in seinem Leben einfach das Wort ergreift. Unabweisbar und unzweifelhaft zu hören ist.

Eine Stimme, die nicht die Stimme des eigenen Herzens und der eigenen Wünsche ist. Nein im Gegenteil: Eine ganz und gar fremde Stimme: Abram, in Haran im Zweistromland (dem heutigen Irak) beheimatet, huldigte seinen bekannten Göttern, lebte in seiner Kultur und hatte nie im Leben etwas von einem fremden und unsichtbaren Gott gehört, der keinen Tempel hat und einfach so vom Himmel fällt und eine einzelne Person anspricht.

Und das war das Unerhörte am Gehörten: Hier sprach jemand so unzweifelhaft als Fremder und von außen, dass es kein selbstgemachter Gott sein konnte, dem man die eigenen Sehnsüchte in den Mund legt.

Also das ist geklärt, wie der Glaube an Gott beginnt, was zuallererst geschehen muss, damit es losgeht: Gott meldet sich zu Wort. Fremd, unerwartet, ungewohnt, überraschend.

Und auch das ist jetzt klar: Das geht ohne alle Vorbildung, sogar ohne dass jemand schon einmal etwas von diesem Gott gehört hat. Und wenn ein Mensch schon viel von Gott weiß und dennoch nicht glauben kann, dann ist das demnach kein wirklicher Hinderungsgrund, den fremden Gott doch ganz deutlich hören zu können.

Weder Unwissenheit also, noch Vorbildung, weder Skepsis noch Gewöhnung eröffnen oder verschließen die Möglichkeit dieser Erfahrung!
Wir könnten sagen: Glauben beginnt mit einer Erschütterung. Weil einem Menschen etwas passiert, etwas zustößt, weil Gott in sein Leben tritt. Weil Gott einem Menschen zustößt. In bisher nicht dagewesener Weise!

Gehen wir weiter im Lexikontext: Was sagt er denn nun, der unbekannte, plötzlich aufgetauchte Gott? Was sagt er, wenn dieser Abram ein Urbild ist, das beschreibt, wie es immer wieder ist, wenn bei einem Menschen der Glaube anfängt?
„Geh!“ sagt er. Das ist das erste Wort Gottes, wenn der Glauben beginnt. Das erste Wort des Glaubens ist immer wieder dieses „Geh!“ Verlasse das Bekannte, Vertraute, Gewohnte. Alles Bisherige. Das, was immer war. Das was immer galt.

Und ich will dir ein neues Land zeigen. Der Fremde lockt in die Fremde! „Geh!“ das ist eine Aufforderung. Du wirst in ein neues Land kommen, das ist ein Versprechen. Eine Verheißung. Verlasse das Alte, mache dich auf einen Weg, der dir unbekannt ist in ein neues Land, das ich dir zeigen werde. Von dem du dir heute noch keine Vorstellungen machen kannst.

Glauben beginnt also immer mit einer klaren Anweisung sich zu bewegen und zugleich mit einem Versprechen, auch anzukommen. Geh fort und du wirst ankommen. Mache dich auf und dir wird etwas Neues geschenkt. Und der ganze Weg zwischen Aufbruch und Ankommen wird Sinn haben. Göttlichen Sinn.

Wohlgemerkt: Es gibt keinen Anflug einer Sicherheit! Göttlicher Sinn ist uns fremder Sinn. Kein Etappenziel, keine Karte, kein Navigationsgerät. Geh in den offenen Raum, das unbekannte Land, den unbekannten Weg. Das ist Glauben. Alles andere wäre ja auch Wissen. Nichts gegen das Wissen, auch das ist menschlich und gut, wenn es reichlich vorhanden ist. Aber im Glauben ist die Zukunft offen. Genau hier liegt zwischen beidem der Unterschied.

Vertraue darauf: Der Weg wird nicht ins Nichts führen. Das neue Land wird kein Utopia sein. Weg und Ziel haben ihren Sinn in Gott.
Das meint der nächste Satz im Lexikon-Predigttext: „Ich will dich segnen.“ Dein Weg hat einen Sinn, den du ihm nicht selbst verleihen musst. Den du nicht einmal immer selbst verstehen musst. Dieser neue Weg ist gesegnet und geschützt durch mich, den einen Starken und Souveränen, der dich ruft. Nun ist es an dir, mir dein Vertrauen zu schenken, zu prüfen, ob ich auch der Starke und Souveräne bin, der weiß, wo es für dich in der Zukunft lang geht.

Hierher gehört die Zwischenbemerkung, dass dieser neue Weg jetzt nicht wie eine Schneise durchs Gelände geht, ohne Umwege und Höhenunterschiede. Wenn man die Abrams-Geschichte weiterliest, wird man auf viele so ganz und gar menschliche Verstrickungen stoßen. Abram wird auf diesem Weg zu Abraham, nicht etwa zu einem Engel oder gar zu einem Gott!

Aber nie geht dieser Geschichte der Sinn aus. Und die Verheißung des neuen Landes wird einerseits erfüllt und bleibt doch bis heute immer noch offen. Und das ist gut so.

Ein gläubiger Mensch geht also immer Gottes Weg. Nicht, weil er weiß, wo es lang geht. Sondern weil er Gott vertraut. Das ist Glauben.

„Geh!“ „Ich will dir ein neues Land zeigen!“ Eine Aufforderung und eine Verheißung. Beidem tatsächlich zu folgen, diese Entscheidung steht jedem frei. Es ist eine Vertrauensentscheidung. Und sie ist nicht leicht zu fällen.
Vielleicht war Abram nicht der erste, dem Gott zustieß. Und er hatte schon andere zuvor gefragt, ob sie losgehen wollen. Zwei, drei, hunderte, tausende vielleicht?
Und erst dieser eine ging tatsächlich. Und aus ihm wurde ein großes Volk, Millionen Menschen, die diesem herausrufenden und mitgehenden Gott vertrauen.

Liebe Freunde, liebe Gemeinde,
und damit kein „Nach – dem – Glauben – Fragender“ sagen könnte, bei ihm spräche zu viel dagegen, einfach aufzubrechen, sich heimatlos zu machen und schutzlos, und einen Lebensabschnitt zu beginnen, in dem zunächst alles ungewiss und unruhig ist – und der Abram, der hatte einfach günstigere Bedingungen, dem fiel es leichter -, deshalb steht am Ende noch, dass Abram 75 Jahre alt war. Im Ruhestand eigentlich. Und dass er seinen Neffen mitnahm, die Verwandtschaft also, und damit genug menschliche Reibungsflächen, auch davon kann man dann im Folgenden lesen…

Man tritt also nicht ein ins Paradies, wenn es losgeht, mit dem Glauben. Man bekommt nicht die Sehnsucht nach Sicherheit und einem ruhigem Leben gestillt. Ganz im Gegenteil. Abram verlässt gerade seine Heimat, die gewohnten Alltäglichkeiten und findet sich schnell in der Wüste wieder – um seine neue Heimat zu finden, von der er keine Vorstellung hat.

Glauben heißt also laufen. Gehen. Unterwegs sein. Nicht gefahren werden, einfach reinsetzen und dann rollt der Wagen und jemand anderes lenkt alles zum Guten.

Dann schon eher getragen werden, manchmal, wenn man mit den eigene Kräften am Ende ist, nach dem langen Laufen. Und das geht schnell, gerade in unbekanntem Gelände. Dass es weitergeht, liegt also nicht in der eigenen Kraft begründet. Sondern dafür ist derselbe verantwortlich, der die ganze Geschichte angefangen hat. „Gesegnet sein“ heißt darum auch: getragen werden.
Vom „Anfänger und Vollender des Glaubens“ – so nennt dann das Neue Testament den segnenden Gott.

So viel hat man also gar nicht zu tun, wenn man glauben will. Hinhören, ob da jemand ruft und wenn, dann aber auch losgehen. Alles andere passiert nicht etwa von allein, sondern liegt in Gottes Hand.

Und noch eine letzte kleine Lektion. Wir haben einen Halbsatz im Lexikontext übersprungen: „…und du sollt ein Segen sein…“ heißt es da. Du! Ein gläubiger Mensch wird also nicht nur mit Sinn beschenkt, er stiftet auch Sinn für andere. Wird nicht nur getragen sondern trägt auch. Was könnte ein Leben sinnvoller machen als diese Wirkung: Zu zeigen, dass Gott in der Welt am Wirken ist und wir eben nicht allein und ziellos auf den Wegen unterwegs sind, die wir uns selbst suchen und auf denen wir uns mit eigener Kraft durchs Leben schlagen.

Schlagen wir das Lexikon zu. Vielleicht haben wir ja wieder etwas gelernt.

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