„Der Gott der Fremdlinge und Migranten!“

Liebe Gemeinde,
in einem Fragebogen, den wir im letzten Konfirmandenkurs ausgaben, antworteten nur drei von 16 Jugendlichen auf die Frage: „Was ist Dein Lieblingsland?“ mit: Deutschland.

Bei regelmäßig gemachten Umfragen heißt es, dass viele Deutsche von einem Leben in einem anderen Land träumten. Inzwischen gibt es zu diesem Thema ganze Fernsehserien wie z.B. "Goodbye Deutschland"- Die Auswanderer oder die Sendung „Mein neues Leben“.

Tatsächlich, liebe Gemeinde, klaffen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander, denn die Wenigsten können sich dazu entschließen, ihr Land zu verlassen und das hat gute Gründe. Wer wirklich seine Heimat verlässt, der muss doch praktisch alles aufgeben, was ihm bisher lieb und teuer war.
Das Schwierigste dabei ist nicht unbedingt das Materielle, sondern dass man seine persönliche Geschichte, seine Beziehungen zu Menschen und Orten mit einem klaren Trennungsschnitt unterbricht. Man kappt die eigenen Wurzeln und ist im wahrsten Sinn des Wortes erst einmal „entwurzelt“. Und wieder neu Wurzeln zu schlagen das ist sehr schwierig.

Vor kurzem sprach ich mit einer Person, die ihre Wohnung in Deutschland aufgelöst sogar und ihren Beruf aufgegeben hatte und eigentlich nur wenige hundert Kilometer weit weggezogen ist und die sagte: „Selbst wenn man seinen Lebensmittelpunkt nur nach Österreich oder in die Schweiz verlegt, wo man ja deutsch spricht, merkt man, wie lange es braucht, bis man eine neue Heimat gefunden hat und akzeptiert wird. Manchmal wird man aber immer als Ausländer behandelt“.
Wie viel mehr spüren das Menschen, die in ein Land kommen, das ihnen kulturell total fremd ist.

Unser Predigttext heute, liebe Gemeinde, berichtet uns vom berühmtesten Auswanderer der Bibel, von Abraham. Abraham gilt als der Stammvater von drei Religionen, dem Judentum, dem Christum und dem Islam.

Ursprünglich stammte er aus Ur, einer Stadt im heutigen südlichen Irak und mit der Familie seines Vaters zog er nach Haran, im heutigen Süden der Türkei. Danach ging die Reise weiter nach Kanaan (Israel), später nach Ägypten und dann wieder zurück nach Kanaan. Insgesamt eine Wanderung von über 3000 Kilometern, die viele Jahre gedauert hat.

Abraham, liebe Gemeinde, ist nicht nur der berühmteste Migrant des Alten Testamentes sondern auch der bekannteste Wirtschaftsflüchtling, wie wird heute dazu sagen würden. Er folgte dem Ruf Gottes, weil ihm etwas versprochen wurde: Land, Nachkommenschaft und gesellschaftliche Anerkennung. D.h. eine dauerhaft stabile Existenz für sich und seine Großfamilie.

Im weltweiten Horizont ist die Migrationsgeschichte Abrahams heutzutage nichts mehr Außergewöhnliches, im Gegenteil. Die Zahl der Menschen, die Ihre Heimat verlassen, oftmals auch verlassen müssen, nimmt ständig zu.

Im Jahr 2009 z.B. mussten etwa 3,5 Prozent der Weltbevölkerung, das sind rund 220 Millionen Menschen, weit entfernt von ihrer Heimat leben.

Fast nie verlässt ein Mensch gerne seine Heimat, fast immer sind es äußere Faktoren, die ihn da zwingen. Verfolgung, Vertreibung oder materielle Not und die dabei immer verbundene Hoffnung, die auch Abraham anspornte.
Hoffnung auf Land, d.h. eine sichere Lebensgrundlage, Hoffnung auf Nachkommenschaft, d.h. Zukunft und Sicherheit im Alter und Hoffnung auf gesellschaftliche Anerkennung, d.h. als Mensch wahrgenommen, geachtet und geschätzt zu sein.

Liebe Gemeinde,
wer sicher und zufrieden lebt, mit einem gewissen Wohlstand oder Auskommen, für den ist der Ruf Gottes an Abraham erst einmal fremd. Wahrscheinlich geht es uns auch so.
Wir fühlen uns von dem Ruf wegzugehen in ein anderes Land, nicht angesprochen es betrifft nicht unsere Lebenswirklichkeit.
Aber was machen wir dann mit solchen Erzählungen, die so wichtig sind, dass sie Einzug in unseren Predigtplan gefunden haben?

Wir könnten die Geschichte Abrahams, als ein Gleichnis oder wie eine Allegorie interpretieren. Dann würde die Aussage des Bibeltextes lauten: Dem Ruf Gottes folgen heißt: Wir sollen alle immer wieder aufbrechen und neue Wege im Vertrauen auf Gott beschreiten.

Oder wir übertragen die Verheißung Gottes an Abraham auf uns selbst und sagen: „Gott will uns immer wieder zum Segen für andere machen“.

Diese Auslegungen sind möglich und legitim!

Ich möchte den biblischen Text heute ein wenig anders verstehen und sagen: „Der Gott, der damals wie heute zu uns spricht, ist eine Gott der Fremdlinge und Migranten!“

So wie es im jüdischen Urbekenntnis aus dem 5. Buch Mose heißt: „Ein umherziehender Aramäer war mein Vater; er zog nach Ägypten hinab und hielt sich dort als Fremdling mit wenigen Angehörigen auf; aber er wurde dort zu einem großen, starken und zahlreichen Volk. (5. Buch Mose 26,5)

Unsere christlich/jüdische Identität, liebe Gemeinde, gründet sich auf die Gottesbegegnung eines Auswanderers, eines umherziehenden Migranten. Dieser wird in unseren Glaubensaussagen sogar als Vorbild bezeichnet und die Vorstellung der Heimatlosigkeit wird direkt im Neuen Testament mehrfach aufgegriffen.

Einmal heißt es von Jesus selbst: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hin lege.“

Und das Motiv des ständig „wandernden Gottesvolkes“ das keine feste Bleibe hat, ist ein zentraler Gedanke des christlichen Glaubens bis auf den heutigen Tag.

Die Geschichte Gottes mit dem umherziehenden Abraham, dem durch die Wüste umherirrenden Volk Israel; dem in der Fremde lebenden Volk Gottes in Babylon; die Erzählung des Jesuskindes, das vor der Verfolgung nach Ägypten flieht.
Das alles sind direkte Hinweise, dass wir an einen Gott glauben, der den Auswanderern, Flüchtlingen und Migranten besonders nahe ist.

So erinnert uns das Bibelwort heute in besonderer Weise daran, dass es eine Christenpflicht ist, Fremde aufzunehmen und Flüchtlingen ein neues zuhause zu geben.

Diese diakonische Aufgabe gilt es ganz aktuell, laut und deutlich in unsere Gesellschaft hinein zu rufen und praktische Solidarität mit Flüchtlingen zu zeigen.
Denn die politisch Verantwortlichen ziehen sich mehr und mehr aus ihrer Verantwortung zurück

Die Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche, hat zu diesem Thema vor noch nicht langer Zeit (10. Oktober 2010) ein Charta verabschiedet, aus der ich zitieren möchte:

Die Lage der Migranten und Migrantinnen, die in Europa Aufnahme und Schutz suchen, ist alarmie¬rend.

Obwohl Europa erheblich zu den Ursachen von Flucht und Migration beiträgt, … ist sein Beitrag zur Lösung des weltweiten Flüchtlingsproblems in beschämender Weise gering.

Als Christinnen und Christen in Europa sind wir nicht bereit, diesen Umgang mit Menschen in Not hinzunehmen. Wir sind ihnen verbunden. Sie sind Gottes Ebenbilder wie wir. Darum sind wir in unse¬ren Kirchen, Pfarrgemeinden, Klöstern, Kommunitäten und Solidaritätsgruppen herausgefordert, Ver¬antwortung zu übernehmen und Partei zu ergreifen: …

So weit nur ein paar kurze Auszüge

Ein tolles Beispiel dafür, wie christliche Verantwortung gegenüber Flüchtlingen wahrgenommen werden kann, findet sich im aktuellen Sonntagsblatt in der Ausgabe zum 8. Juli 2012. Dort wird erzählt, wie in einem typischen mittelfränkischem Landgasthaus, eine Wirtsfamilie Asylsuchenden nicht nur ein Dach über den Kopf anbietet, sondern jungen Männern aus Somalia und Äthiopien ein Stück Heimat und zuhause gibt. Und der dreiseitige Artikel schließt mit einem bewegenden Zitat der Gastwirtin, sie sagt: „Ich kann meinen Jungs“ damit meint sie die meist sehr jungen afrikanischen Männer, „ein besseres Leben ermöglich, warum sollte ich es dann nicht tun?“.

Liebe Gemeinde,
der Ruf Gottes heißt für uns heute nicht mehr: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause, in ein Land, das ich dir zeigen will“.

Sondern: „Mache Dein Land zur Heimat, für die Menschen, die gezwungen sind, ihr Vaterland und ihre Verwandtschaft zu verlassen. So sollst du sollst ein Segen sein.“

Denn ein „ein umherziehender“ Auswanderer und Flüchtling war unser Vater Abraham!

Amen

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