Um der Zukunft willen

[Anmerkung: Bei einigen Gemeinden, die gut mit biblischen Geschichten vertraut sind, empfiehlt es sich, auf den Predigttext oder Hinweise auf den Text zu verzichten und die Predigt als Geschichte vorzulesen.]

In der ersten Morgenfrühe gehen sie los.

Das wenige, was sie mitnehmen können, tragen sie selbst. Etwas Mehl und Wasser, zum Trinken und Brotbacken, getrocknete Früchte, ein paar Tiere für das Fleisch.

Am Vorabend hatte erst der Alte seine Sachen zusammengeschnürt. „Wo willst du hin?“ fragte seine Frau. Der Alte schwieg und zuckte mit den Schultern. „Ich kann nicht anders, ich muss aufbrechen.“ Dann hatte er etwas von einer Stimme gemurmelt, die er gehört hatte und dass es schon gut werden würde. „Du kannst nicht alleine gehen“, sagte sein Neffe. „Du bist zu alt – und was soll aus deiner Frau werden?“ Der Alte sah ihn lange an. „Er hat nur zu mir gesprochen… Bleibt ihr besser hier bei den anderen, wo es gut und sicher ist!“

Seine Frau und sein Neffe berieten sich lange, bevor auch sie ihre Sachen packten und sich bereit machten. Auch ihren Knechten und Mägden befahlen sie, mitzugehen. Die anderen Stammesmitglieder standen fassungslos dabei, Tränen in den Augen.

So brechen sie auf. Als die vertraute Landschaft hinter dem Horizont verschwindet, als die Wüste mit ihrer Trockenheit und Hitze die Kraft zu rauben beginnt, fragt seine Frau: „Weißt du wirklich, was du da tust?“ Der Alte nickt nur. Lange sind sie unterwegs. Was am Anfang aufregend und abenteuerlich war, wird mühselig und langwierig. Die Tage sind glühend heiß in der Wüste, die Nächte frostig kalt. Selbst sein Neffe in der Blüte seiner Jugend ist oft am Ende seiner Kraft und Geduld. Wenn sie nach einem Ziel fragen, zuckt der Alte mit den Schultern. Wenn Zweifel laut werden, sieht der Alte sie nur an. Mal aufmunternd, mal bittend oder drängend. Er hat sich verändert seit dem Aufbruch. Er ist noch schweigsamer geworden als sonst. Aber eine Kraft strahlt aus von ihm, die die Fragenden wieder verstummen lässt. Und dann gehen sie weiter.

Sie haben die Tage nicht gezählt, als sie in der Abenddämmerung in der Ferne eine fremde Stadt sehen. An einem Baum machen sie Rast.

Als die große Kälte der Wüste wie jede Nacht hereinbricht und die Knechte und Mägde längst schlafen, sitzen nur noch der Alte, seine Frau und der Neffe am vergehenden Feuer. Plötzlich murmelt der Alte: „Gott hat etwas vor mit mir…“ Seine Frau und sein Neffe sehen auf. „Welcher der vielen Götter, die wir kennen?“ In der Stimme der Frau liegt Schrecken. „Keiner, den wir bisher gekannt haben…“, antwortet er. „Dieser Gott war so tief in meinem Herzen… Seine Stimme war so freundlich und doch bestimmend… Ich habe die anderen Götter vergessen, seitdem wir in der Wüste sind.“

„Was hat er denn gesagt, der unbekannte Gott?“ fragt sein Neffe neugierig, wie er nun mal war. „’Geh los!’ hat er gesagt. ‚Geh los!“ Der Alte spricht jetzt mit fester Stimme. „’Weg aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft, aus deinem Elternhaus in das Land, das ich dich sehen lasse. Ich werde dich zu einem großen Volk machen und dich segnen und deinen Namen groß machen. Werde so selbst ein Segen! Ich will segnen, die dich segnen; wer dich erniedrigt, den verfluche ich. In dir sollen sich segnen lassen alle Völker der Erde.’“ Der Alte steht auf, geht ein Stück. Sein Blick wandert zur Unendlichkeit der Sterne am Himmel.

Sein Neffe und seine Frau sehen sich an. „Ihm ist die Sonne so lange auf den Kopf geschienen…“ flüstert der Neffe. Seine Frau lächelt. „Mag sein… Aber es klingt so schön, was er gesagt hat… So hat er sonst nie gesprochen.“ Der Neffe nickt nachdenklich. Sein Onkel hatte ihn nach dem Tod seiner Eltern aufgenommen. Der Alte war liebevoll, aber das harte Leben machte auch ihm zu schaffen. Und die Jahre veränderten jeden Menschen auch irgendwie merkwürdig.

„Was meint er mit Segen?“ fragt der Neffe. Die Frau wirft noch ein Stück Holz in die Glut. Das Feuer flammt wieder auf und macht ihr Gesicht hell. „Segen… Ich ahne nur, was das heißt. Eine Zusage, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen auf unserem Weg.“ „Zu Hause hatte ich weniger Angst“ sagt der Neffe. Die Frau des Alten lacht. „Hattest Du überhaupt mal Angst? Früher hast Du Dich jedem Gegner bei einer Rauferei gestellt. Du konntest die Viehverkäufer herunterhandeln wie kein anderer. Und als sie uns einmal überfallen wollten, hast Du sie unter Lebensgefahr vertrieben…“ Der Neffe schweigt. „Jetzt ist alles anders. Ich habe niemanden anderen zum Kräftemessen oder zum Verhandeln. Ich habe nur mich selbst!“ Ein leiser Zorn liegt in seiner Stimme. Die Frau sieht ihn an und nickt. „Das ist die Wüste… Es gibt nur den Himmel und die Sonne und den Sand und die Sterne. Und dann, nach einer Zeit, gibt es irgendwann nur noch Dich.“

Schweigend blickt der Neffe ins Feuer. Sein Leben steht ihm vor Augen. Was hätte es gut sein können, da in der Heimat, wo er jeden Busch kannte und schon ein Auge auf ein Mädchen geworfen hatte. Nun war er fremd in der Fremde. Sein Traum von einem ruhigen Leben ausgeträumt. Die Wüste war nicht mehr nur die Landschaft, durch die sie liefen. Sie hatte sich in ihm ausgebreitet. Eigentlich, so überlegte der Neffe, war die Wüste schon immer in ihm. Jeden Tag war doch gleich. Und die Zukunft war auch geplant – er würde heiraten, Kinder bekommen und jeden Tag die Tiere hüten, ihnen Wasser geben und Futter suchen. Irgendwann würde er sich nach einem ruhigen Leben zu seinen Vätern legen. Aber wie beruhigend war das auch, zu wissen, was die Zukunft bringt. Vielleicht würden sie ja morgen einer Karawane begegnen, die ihn wieder mit zurücknehmen würde. Sollten die beiden doch alleine weitergehen – Segen hin oder her!

Das Holzscheit ist abgebrannt, doch die Frau legt keinen neuen mehr in die Glut. Sie hören leise Schritte hinter sich. Der Alte kommt wieder auf sie zu. Er deutet mit dem Kopf auf die Stelle, wo er war. Ein Steinhaufen steht jetzt dort. In seinen Augen liegt ein Glanz als hätte er das Licht aller Sterne in sich aufgenommen.

„Das wird unser Land, das Land unserer Kinder und Kindeskinder…“ er breitet die Hände aus und deutet in die Ferne. Dann setzt er sich an die Glut. Den rechten Arm legt er um seine Frau, den linken um seinen Neffen. So nah haben sie ihn noch nie erlebt. Eine große Kraft spüren sie plötzlich von dem Alten ausgehen. Der Neffe fühlt sich auf einmal geborgen, voller Zuversicht in der lebensfeindlichen Wüste. Nicht mehr das Ziel ist ihm wichtig, sondern nur noch die Reise. „Vielleicht ist das der Segen“ denkt der Neffe.

Und die Frau lacht leise, weil in ihrem Bauch etwas kitzelt. Sie weiß plötzlich: Dort wird einmal in vielen Jahren ein Kind wachsen. Sie weiß: sie ist die Wurzel eines weiten Baumes, dessen Äste den Himmel berühren werden.

Schon um dieses Augenblickes willen war es gut gewesen, aufzubrechen. Und um einer Zukunft willen, die sich ihnen nie so aufgetan hätte, wenn sie geblieben wären.

Am nächsten Morgen wird der Tau auf den Blättern das Licht der aufgehenden Sonne in die Farben des Regenbodens verwandeln. Abram, Sarai und Lot ziehen weiter.

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