Eine erstaunliche Geschichte

Heute ist unser Predigttext eine Geschichte, eine schöne Geschichte aus der Apostelgeschichte, also aus der Zeit der ersten Christinnen und Christen. Da handeln nur zwei Personen und die eigentlich auch nicht wirklich: Philippus ein frommer Christ, der sich von Gott auf die Landstraße schicken lässt und ein Finanzminister aus Äthiopien, der auf der Suche nach Sinn in seinem Leben ist und sich deswegen eine wenig unterhaltsame Lektüre mitgenommen hat auf den Heimweg von einer Dienstreise nach Jerusalem: Jesaja – die Gottesknechtslieder. Da passiert Folgendes:

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Das, was Menschen tun, steht hier weniger im Mittelpunkt, als vielmehr das Handeln Gottes mit den Menschen. Die Menschen spielen nur insoweit eine Rolle, wie sie sich für das Handeln Gottes öffnen.

Philippus lässt sich senden. Und er tut erst einmal nichts, als mitzugehen. Vielleicht ein erster Hinweis: wenn ich jemanden für den Glauben gewinnen will, muss ich nicht reden und überzeugen. Erst einmal muss ich mich auf ihn einlassen, seinen Weg teilen. Und hinhören. Der Minister liest nach damaliger Sitte halblaut. Und dann darf ich in aller Vorsicht mich einklinken, darf einhaken: Verstehst du, was du liest?

Verstehest du, was du liest? Mit dieser Frage wird ein Dialog eröffnet, der Beiden die Chance gibt über Lebensfragen zu reden.

Verstehest du, was du liest? Mit dieser Frage ärgern mache LehrerInnen ihre SchülerInnen – manchmal aus Sadismus, manchmal zu Recht. Aber eigentlich ist es eine biblische Frage, bei der es nicht um das Interesse geht, jemanden zu kränken oder runterzumachen, sondern um ein Angebot der Hilfe: wenn du nicht verstehst können wir vielleicht gemeinsam hinschauen und herausfinden, was das bedeutet.

Der Kämmerer zieht fröhlich seiner Straße. Mehr wissen wir nicht von ihm. Aber ist das nicht toll: Da findet Begegnung statt. Das Evangelium wird gesagt und getan und der Partner lebt fröhlich sein Leben. Es gibt Spekulationen: Die koptische Kirche sei die Gründung dieses einflussreichen Mannes. Wäre schön, aber auch ohne das eine wichtige und schöne Geschichte.

Und eine Geschichte, die auch von uns handelt – vielleicht im Gegensatz zu einer Geschichte aus Berlin:

Ein Berliner Junge fragt eine ältere Dame nach dem Weg. Die betrachtet ihn von oben herab und sagt: ‚Mein lieber Junge, wenn du mit einer Dame sprichst, nimm erst einmal deine Hände aus der Hosentasche, deine Mütze vom Kopf, putz dir die Nase und dann darfst du sagen: Darf ich Sie mal etwas fragen?‘ – Der Junge: ‚Nee, da verloof ick mir lieba!“

Begegnen wir Menschen, die nach einem Gottesdienst fragen, den sie verstehen können, die nach unserem Glauben und unserem Leben fragen, genauso schroff? Wie die Mission begann, wie Menschen anfingen sich aus Mitmenschen einzulassen, um vom Glauben erzählen zu können, davon erzählt unser Predigttext.

Die Geschichte begann mit einem Menschen, der sich von Gott auf einen Weg senden ließ und dort einfach mitging, sich einließ auf den Fremden und seine Wirklichkeit, erst einmal hinhörte, was ihn beschäftigte. Wie ein guter Seelsorger hatte er kein Konzept zu dem, was er sagen wollte. Er hatte nur eins: zu hören, wie es dem Anderen geht. Er lädt den mächtigen Mann ein, zu erzählen, was ihn bedrückt – und das ist eine ganze Menge. Er ist zwar erfolgreich und reich. Er geht auf Dienstreisen und kann sich ein Buch leisten. Aber der Preis ist hoch. Er ist Eunuch, kastriert – und das heißt nicht nur einiger Körperfunktionen beraubt und mit einigen Hormonen weniger, das heißt auch nach jüdischem Religionsverständnis nicht fähig am religiösen Leben teilzunehmen. Er wollte eine Religion kennenlernen, die ihm, keinen Zugang gewährte. Ein Außenseiter, der keine Chance hat.

Trotz aller seiner Probleme scheint er relativ unbekümmert. Er nähert sich dieser Religion, die ihn nicht lassen will, über eine Schriftrolle, die er liest ohne zu verstehen, wovon der Prophet redet.

Und hier greift der ein, der bisher einfach neben ihm her gegangen ist. Er bietet Hilfe an – Verstehenshilfe – und mehr. Der Kämmerer hört das Angebot. Er könnte ablehnen, aber er ist froh und nimmt an, lässt dich den Propheten erklären und die Predigt über Jesus Christus gefallen.

Die Taufe ist nicht der Schlusspunkt eines Glaubenslebens, sondern der Anfang einer Geschichte mit Gott: was hindert es, dass ich getauft werde? Nicht erfülle ich alle Bedingungen?

Ziel ist, dass ich herausfinde, wo die Kreuzungen meines Lebens sind, an denen ich Menschen das Wort sagen darf und an denen ich es von Menschen hören darf.

Um den Kämmerer müssen wir uns keine Sorgen machen. Er zieht fröhlich seiner Straße. Um uns vielleicht. Wann ziehen wir nach einer Begegnung fröhlich unserer Straße und wann ziehen Andere fröhlich Ihrer Straße?

Und von diesem Weg wird nicht mehr gesagt, als dass er fröhlich geht. Wir wissen auch wirklich nicht mehr. Wir wissen nicht, ob der Kämmerer seiner Taufe entsprechend gelebt hat, das ist auch hier nicht die entscheidende Frage. Erst einmal zieht er heute am Tage seiner Taufe fröhlich seine Straße und was er morgen damit macht, dass er getaufter Christ ist, entscheidet er morgen. Schon erstaunlich diese Geschichte.

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