Achtung: Gutmenschen!

Liebe Gemeinde,

„Achtung, Gutmenschen! Warum sie uns nerven. Womit sie uns quälen. Wie wir sie loswerden.“ So lautet ein Buchtitel, auf den ich kürzlich gestoßen bin: geschrieben von einem Autor namens Dietmar Bittrich, und Autoren wie er erfreuen sich in den letzten Jahren eines zunehmend hohen Zuspruchs, siehe Thilo Sarrazin, Henrik Broder und Co.

Achtung Gutmenschen! – das ist auch der Satz, der mir als erstes zum heutigen Predigttext eingefallen ist. Ja, das ist ja wohl auch der Tenor hier: Christen und Christinnen sind Gutmenschen. Immer freundlich, niemals nachtragend, niemals böse und aggressiv, sanftmütig, bereit zurückzustecken – immer die Guten eben, auch dann, wenn sie selber noch so angegriffen und beschimpft werden… – das kann anderen Zeitgenossen, die das nicht so hinkriegen und auch gar nicht so hinkriegen wollen, ganz schön auf die Nerven gehen.

Aus diesem Grund hat das Wort „Gutmensch“ in der gesellschaftlichen Debatte heutzutage auch keinen positiven, sondern meist einen ziemlich negativen Klang.

Zwei Tendenzen gab und gibt es in unserer Gesellschaft:

Eher ironisch haben Leute wie Harald Schmidt oder die Satire-Zeitschrift „Titanic“ das Wort benutzt, um sich über Menschen lustig zu machen, die meinen, mit ihrem großen Eifer die ganze Welt retten zu können. Die gibt es ja tatsächlich manchmal, und man hat sie des Öfteren genüsslich auf’s Korn genommen, weil ihr hoher moralischer Anspruch manchmal vielleicht tatsächlich überspannt und naiv ist. Kann man ruhig mal durch den Kakao ziehen, muss man aushalten – ein Beispiel dafür mag auch der eingangs genannte Buchtitel sein.

Etwas ganz anderes ist in meinen Augen die Tendenz, dass das Wort „Gutmensch“ seit einigen Jahren zunehmend als Schimpfwort verwendet wird. Besonders in rechtsnationalen und anti-islamischen Kreisen geschieht das immer häufiger, um Menschen zu diffamieren, die sich für ein friedliches Zusammen leben der Religionen, für Umweltthemen oder für einen bescheideneren Lebensstil einsetzen.

2011 war der Begriff „Gutmensch“ darum auch Kandidat für das Unwort des Jahres in Deutschland und kam bei der Wahl desselben auf den zweiten Platz. Dies wurde durch die Jury folgendermaßen begründet:„Mit dem Ausdruck Gutmensch wird insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren. Ähnlich wie der meist ebenfalls in diffamierender Absicht gebrauchte Ausdruck Wutbürger widerspricht der abwertend verwendete Ausdruck Gutmensch Grundprinzipien der Demokratie, zu denen die notwendige Orientierung politischen Handelns an ethischen Prinzipien und das Ideal der Aushandlung gemeinsamer gesellschaftlicher Wertorientierungen gehören. Der Ausdruck wird zwar schon seit 20 Jahren in der hier gerügten Weise benutzt. Im Jahr 2011 ist er aber in unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Kontexten einflussreich geworden und hat somit sein Diffamierungspotential als Kampfbegriff gegen Andersdenkende verstärkt entfaltet.“

Auf dem Hintergrund dieser Entwicklung neige ich dazu, mich doch lieber als „Gutmensch“ belächeln oder sogar diffamieren zu lassen, als die weit verbreitete Verächtlichmachung von Menschen, die sich für bestimmte Ideale engagieren, und die noch Hoffnungen und Visionen für diese Welt haben, zu unterstützen. Und wenn ich auf den heutigen Predigttext höre, dann fühle ich mich darin bestärkt: Denn der hohe Anspruch, der hier formuliert wird, dem müssen wir uns glaube ich schon stellen, wenn wir uns Christen oder Christinnen nennen wollen: auch auf die Gefahr hin, dass uns das Etikett „Gutmenschen“ angehängt wird – und auch auf die Gefahr hin, dass wir immer wieder hinter dem zurückbleiben, was hier von uns erwartet wird.

Natürlich wissen wir, wie schwierig es oft schon ist, innerhalb der Gemeinde einen guten Umgang miteinander zu finden. In manchen Situationen merken wir, wie schnell uns der Teamgeist, den wir gerade in dieser Zeit besonders nötig haben, verloren gehen kann. Manchmal prallen auch bei uns Meinungen und Gefühle aufeinander. Aber sollten wir, auch wenn’s hin und wieder mal hoch her geht, nicht alles daran setzen, diese Aufforderung des Predigttextes einzulösen: lebt einträchtig, mitfühlend, geschwisterlich und mit weitem Herzen. Ist es nicht gut, durch die Worte des Petrusbriefes heute wieder an das erinnert zu werden, dass es das ist, was uns als Gemeinde ausmacht?

Ja, darauf sollten wir uns immer wieder besinnen, und es ist gut, dass wir in unserem Predigttext heute so ein Korrektiv haben, das uns wieder neu ausrichtet auf diese Haltung: einträchtig, mitfühlend, geschwisterlich und mit weitem Herzen, so sollen wir in einer christlichen Gemeinde miteinander umgehen, und da muss jeder, jede seinen, ihren Anteil dazu beitragen…

Auch die zweite Empfehlung des Petrusbriefes ist beachtenswert: Vergeltet nicht Böses mit Bösem und üble Nachrede mit übler Nachrede. Verbales Abrüsten nennt man das auch. Ist auch manchmal ganz heilsam, das zu beherzigen und sich wieder klar zu machen: auch wenn ich mich mal über jemanden geärgert habe, ist das kein Grund, ihn oder sie gegenüber anderen schlechtzumachen. Passiert uns im Alltag leider wahrscheinlich trotzdem immer mal wieder einmal, dass wir uns über einen Menschen auslassen und dabei übers Ziel hinausschießen – aber gut tut es einer Gemeinde, einer Nachbarschaft, einer Gesellschaft nicht.

Besser ist es, dem Rat des Textes zu folgen, der empfiehlt: „Wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede…“ Das heißt: Beteilige dich nicht daran, Menschen oder Dinge schlechtzureden, negative Sichtweisen und Stimmungen zu verbreiten – nein: tu das Gegenteil, trage zum Guten bei! Das nämlich bedeutet das lateinische Wort für segnen: benedicere = gutsprechen. Das ist nicht dasselbe wie: etwas schön reden, es meint vielmehr: mit meinen Worten dazu beitragen, dass sich das Leben entfalten kann, dass Konflikte, die es immer wieder mal gibt, entschärft und gelöst werden können, und dass der Respekt vor den anderen, die anders denken und empfinden, gewahrt wird. Auch dazu sind wir durch unseren Glauben aufgefordert.

Gelegenheiten dazu gibt es genug: nicht nur in der Gemeinde, auch am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, oder in der Gesellschaft überhaupt. Als Christinnen und Christen haben wir diesen Auftrag, den Frieden zu suchen, für Gerechtigkeit einzutreten, Menschen zur Seite zu springen, die an den Rand gedrängt werden, über die hergezogen oder gegen die Stimmung gemacht wird.

Dass man sich damit nicht immer Freunde macht, wissen wir auch. „Ihr immer mit eurer Nächstenliebe, mit eurer Toleranz, mit eurem permanenten Gut-Sein-Wollen“: ja, das kriegen wir dann schon immer wieder mal zu hören. Auch dass wir naiv sind, wenn wir lieber einen Dialog mit den bei uns lebenden Muslimen führen wollen, als das Gespenst der Islamisierung an die Wand zu malen; oder wenn wir andere Wege der Konfliktlösung einfordern, als militärische Gewalt; oder wenn wir von einer anderen Welt, von einer anderen Form des Wirtschaftens träumen, in der nicht mehr einige Wenige auf Kosten der Vielen leben, sondern alle Menschen genug zum Leben haben. Aber dafür lasse ich mich gerne als Gutmensch belächeln oder beschimpfen…

Und der Petrusbrief gibt uns ja zum Glück auch noch den einen oder anderen hilfreichen Hinweis darauf, womit wir der Häme oder der Diffamierung von Außenstehenden begegnen können. Ich nenne zwei Dinge zum Schluss.

Das Erste: heiligt Christus in eurem Herzen. Ich verstehe das so: gebt Christus und seiner Kraft Raum in dem, was ihr tut. Denkt nicht, ihr müsst alles selber schaffen, mit eurer Kraft. Rechnet auch mit seiner Kraft, die in den Schwachen mächtig ist, wie die Jahreslosung es uns sagt.

Das Zweite ist die Aufforderung: Seid jederzeit bereit, Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, die in euch ist. Für mich heißt das: redet offensiv von dem, was euch antreibt. Lasst euch nicht in destruktive Kreisläufe hineinziehen, sondern haltet die Hoffnung dagegen, die wir durch die Geschichte von Jesus Christus haben: dass alle Mächte der Welt durch ihn überwunden sind, und dass darum nichts so bleiben muss, wie es ist.

Rechenschaft von eurer Hoffnung geben: dazu passt auch mal wieder mein Lieblingssatz von Ernst Bloch: Hoffnung ist ins Gelingen verliebt! Darum sollten uns auch Rückschläge nicht davon abbringen, das Gute zu suchen, dem Frieden nachzujagen, und einträchtig, mitfühlend, geschwisterlich und mit weitem Herzen zu leben. Lasst die Spötter, die Skeptiker und die phantasielosen Pessimisten ruhig weiter rufen: Achtung Gutmenschen. Uns sollen sie so schnell nicht loswerden!!!

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