Was wir voneinander wissen

Gnade sei mit euch und Friede! Amen

Es gärt im Bibelkreis der Gemeinde Groß-Stöttingen. Seit vielen Jahren kommt die kleine Runde nun schon in fast unveränderter Konstellation zusammen, sie treffen sich im sogenannten „Kaminzimmer“ des Gemeindehauses. Es gibt eine feste Sitzordnung: Gerhard, ein ehemaliger Lehrer, ist im Laufe der Jahre immer rundlicher und immer mehr zum Leiter der Gruppe geworden, er sitzt am Kopfende des Tisches. Vor ihm liegt bereits aufgeschlagen die alte Bibel seiner ostpreussischen Großeltern – eins der wenigen Erbstücke, das Flucht und Vertreibung überstand. Lisa, inzwischen fast 80, hat den einzigen Stuhl mit Armlehnen in Beschlag genommen. Sie ist gerade mal wieder beim Friseur gewesen – sie liebt die Stunden unter der warmen Trockenhaube gar zu sehr. Stolz zeigt sie die lila Strähne, die in ihrem schlohweißen Haar leuchtet. Rudolf und Annette sind etwas jünger und noch berufstätig, sie sind seit etwa zehn Jahren dabei. Die beiden kommen – sehr zum Amüsement der anderen – oft im Partnerlook und teilen sich das Sofa. Erst seit etwa fünf Jahren kommen Gisela, Waltraud und Heddi dazu, alle drei um die 70. Sie verloren vor fünf Jahren im Abstand weniger Wochen ihre Ehemänner. Seitdem suchen die sonst sehr fröhlichen und sportlichen Damen in der Bibel nach Antworten auf die Fragen des Lebens und des Todes. Die drei sitzen linksseitig des Tisches.
Wie gesagt: Es gärt im Bibelkreis. Die letzten Treffen waren von Miss-Stimmungen und Miss-Verständnissen geprägt. Ein falscher Ton, eine falscher Satz – jedesmal war einer von ihnen sichtbar beleidigt oder gekränkt wegen irgendeiner Kleinigkeit. Gesagt hatte aber keiner was. Nur die Umarmungen beim Abschied waren kühl geworden, und Gertrud – seit 20 Jahren schon Mitglied des Kreises – hatte sich mit fadenscheinigen Begründungen sogar abgemeldet. Alle haben sich mit leichtem Magengrimmen auf den Weg gemacht, sie legen ihre Bibeln mit einem unbestimmten Gefühl von Furcht und Unbehagen vor sich auf den Tisch.

„Heute ist ein Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief dran“, verkündigt Gerhard, und schaut dabei – das ist so eine Eigenart von ihm – über den Rand der Brille in die Runde. Lisa lächelt, ihr ist es egal, was gelesen wird, sie sucht die Geselligkeit im Kreis. Aber Waltraud presst die Lippen zusammen. „Der lässt auch jedesmal den Oberlehrer heraushängen“, denkt sie patzig. Rudolf und Annette stecken sofort die Köpfe über ihrer Hochzeitsbibel zusammen und suchen – und dafür brauchen sie ein bisschen mehr Zeit als die anderen – die Bibelstelle. Gisela verdreht die Augen, als sie das sieht, und Heddi unterdrückt ein Kichern.
„Wer liest?“, fragt Gerhard, und weil sich wie jedesmal kein Freiwilliger findet, übernimmt er diesen Dienst.
„Also: Ich lese aus dem 1. Petrusbrief, Kapitel 3, die Verse 8 bis 15. Das ist der Predigttext für den 4. Sonntag nach Trinitatis:

Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun« (Psalm 34,13-17). Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen. Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.“

Nach der Bibellesung ist es still im Kaminzimmer. Das ist es immer. Aber diesmal ist es irgendwie anders. Diesmal dauert die Stille viel länger als sonst. Niemand sieht in seine Bibel, alle sehen auf Gerhard. Und der merkt es erst nach einer ganzen Weile, so versunken war er in den Text und vielleicht auch – das kommt ja bei sehr klugen Leuten manchmal vor – in den Klang seiner eigenen Stimme.
„Was ist?“, fragt er schließlich. „Stimmt was nicht?“
„Du hast gelesen, als wolltest du uns das predigen“, bricht es schließlich aus Waltraud heraus. „Ich mag das nicht, wenn mir jemand sagt, was ich denken und fühlen soll.“ Sie hatte sich furchtbar über die Reihe von Forderungen gleich zu Beginn geärgert. Man solle „gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig und demütig“ sein – das war ein bisschen viel für die resolute Waltraud, die dem Gerhard schon lange mal gern die Meinung gesagt hätte.
„Woher weißt du eigentlich, dass das der Predigttext für Sonntag ist?“, setzt Heddi misstrauisch nach. Sie fand, dass Gerhard selbstgefällig geklungen hatte beim Lesen, als hielte er sich selbst für einen dieser Gerechten, die laut Text die besonders herzliche Aufmerksamkeit Gottes genießen dürfen.
„Also, ich hab heut morgen beim Friseur eine Geschichte gehört, die genau zu dem Text passt“, versucht Lisa die Situation zu entschärfen, wofür sie empörte Blicke von allen erntet.
Gerhard ist tief getroffen. Sein Gesicht ist ganz rot geworden, in den Augenwinkeln schimmern Tränen. Er hält den Kopf gesenkt und tut so, als läse er die Bibel, aber in Wirklichkeit ringt er um Fassung. Männer weinen nicht und streiten will er nicht. Der Text, der ihm eben noch so erhaben und bedeutend schien, scheint sich gegen ihn zu wenden.
Rudolf und Annette rühren sich nicht. Das tun sie nie, aber Annette wirkt nervös. Sie knetet ihre Hände, die Schultern sind angespannt, die Knie fest zusammengepresst, als fürchte sie, ihre Beine würden ihr davonlaufen, wenn sie einen Moment die Kontrolle verlöre.
Da sitzen sie mit ihren Bibeln auf dem Schoss und wissen nicht weiter.

Liebe Gemeinde, Sie haben gemerkt: Dieser Bibelkreis ist nicht in jeder Hinsicht typisch. Da ist Lisa mit der lila Strähne, unsere drei aktiven Frühwitwen, Gerhard, der Lehrer, und das etwas unscheinbar wirkende Ehepaar Rudolf und Annette. Normalerweise sind Bibelkreise – wo es sie denn noch gibt – etwas homogener. Aber hier wie dort treffen sich Menschen, die es ernst meinen mit der Bibel, die etwas daraus lesen und leben möchten. Darum haben die Groß-Stötteraner so lange herunter geschluckt, was sie ärgert, darum kommt es jetzt bei unserem Predigttext zum Eklat.

Und das ist kein Zufall: Was der Text hier verlangt, das funktioniert so nicht, wo Menschen es ernst miteinander meinen. Da kann man nicht Tag für Tag sanftmütig lächeln, demütig und barmherzig sein. Das wäre nicht nur furchtbar langweilig, das wäre auch verlogen. Denn in jeder Familie, in jeder Beziehung, in jeder Gemeinde gibt es mal Zoff – ich glaube, es gehört zu den großen Problemen der Kirche, dass wir nach außen immer so tun, als gäbe es das bei uns nicht. Natürlich ärgern wir uns mal übereinander, aber viel zu selten schaffen wir es, das vernünftig zu regeln. Und dann wird es erst richtig schlimm, dann kann aus kleinen Nervereien richtig große Wut und sogar Hass werden.

Wie so oft in der Bibel ist es wichtig, dass man ein bisschen von ihrem Hintergrund versteht: Der 1. Petrusbrief entsteht in der Zeit der ersten Christenverfolgungen. Der römische Kaiser ist auf die Christen aufmerksam geworden, sie werden immer mehr, und wo sie ihren Glauben leben, stellen sie allein durch ihre Lebensform die staatliche Ordnung in Frage: Sie verweigern sich dem Kaiserkult, sie behandeln ihre Sklaven wie ihresgleichen, sie bilden eine Gemeinschaft, die irgendwie anders ist. Und das ist gut so, sagt der 1. Petrusbrief. „Seid anders, aber seht zu, dass ihr nicht Anstoß erregt.“ Für die junge Christengemeinde ist es wichtig, Einigkeit zu zeigen und Frieden untereinander zu halten. Es ist überlebenswichtig in dieser gefährlichen Situation Anfang des ersten Jahrhunderts nach Christus.

Der 1. Petrusbrief will helfen, dass Menschen sich vertragen und gut miteinander leben können. Aber wenn wir nicht aufpassen und nicht ehrlich miteinander sind, dann kann diese Hilfe geradezu nach hinten losgehen.

Woll’n wir nochmal gucken, was aus unserem Bibelkreis wird?
Es ist Annette, die das Schweigen bricht. „Rudolf und ich – wir werden jetzt erst einmal in getrennte Wohnungen ziehen“, sagt sie leise, „wir schaffen das einfach nicht mehr. Wir sind wie gleichpolige Magneten, die immer wieder auseinanderdriften.“ Es ist gar nicht viel, was sie erzählt. Aber alle begreifen: Da haben zwei so sehr eines Sinnes und demütig und sanftmütig und lieb zueinander sein wollen, dass sie sich ganz und gar aus den Augen verloren haben. Vor zehn Jahren waren sie zum Bibelkreis gekommen, weil sie hofften, in der Bibel und in der Gemeinschaft Hilfe zu finden. Jetzt fehlt ihnen die Kraft für alles. „Ich bin schuld“, sagt Rudolf, „ich kriege meinen Jähzorn nicht in den Griff. Immer wieder habe ich sie so angeschrien, dass sie Angst bekam. Mir ist Sanftmut nicht in die Wiege gelegt. Ich habe darum gebetet, aber mir wurde nicht gegeben.“
Betroffen schweigen die anderen. Wie kann es sein, dass niemand etwas davon mitbekommen hat? Sie sehen einander an: Was wissen wir eigentlich voneinander?, fragt sich jeder im Stillen. Dass Gerhard nie eine Partnerin gefunden hat, wissen alle, aber wie sehr ihn die Einsamkeit quält, ahnt niemand. Lisa, die immer auf kess macht, ist depressiv, sie nimmt seit Jahren Medikamente gegen die Traurigkeit – niemand weiß davon. Und Heddi, Waltraud und Gisela jagen zwar von einem Termin zum nächsten, aber am Abend ist die Wohnung immer noch leer und keine Hand nimmt die ihre, um sie zu trösten. Dann kommt die Sehnsucht zurück und der Schmerz um das, was verloren ist und nie mehr wiederkehrt.

An diesem Abend erzählen sie sich alles. Jeder hört jedem zu. Es fließen Tränen, Tränen der Trauer und Tränen des Mitgefühls. Am Ende ist es Annette, die die Bibel noch einmal in die Hand nimmt. „Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig“, sie liest noch einmal aus dem ersten Petrusbrief. „Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.“ Es ist derselbe Text, aber plötzlich klingt er anders.

Vielleicht nehmen wir den Text so mit in unsere Herzen: als Anregung, aufeinander zu achten, als Bitte, einander mit dem Herzen anzusehen, als Hoffnung, dass Gott mitten unter uns ist, wenn wir seine Liebe suchen und ehrlich miteinander meinen. Amen

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