Dem Guten Raum geben

Liebe Gemeinde,

mein Sohn – er war damals 5 oder 6 Jahre alt – und ich hatten Streit. Ich weiß nicht mehr, worum es ging, aber es war ein böser Streit. Es flogen die Fetzen, Vorwürfe und harte Worte. Beide pochten wir auf unser Recht. Als es Abend wurde, war der Streit immer noch nicht beigelegt und er ging grußlos zu Bett. Womit er dem gemeinsamen Kuscheln, Beten und Singen eine Absage erteilte. Als ich später bei den Kindern noch einmal die Runde machte, kam ich auch zu seinem Bett. Er hatte die Augen geschlossen und atmete ruhig. Als ich flüsternd den Segen über ihm sprach, öffnete er die Augen, sah mich, aufmerksam lauschend, an. Die böse Spannung zwischen uns löste sich auf und verzog sich wie Frühnebel beim ersten Sonnenlicht. Wir lächelten beide, erst zögernd, dann befreit. Ich nahm ihn in den Arm, er kuschelte sich an mich und wir sagten uns liebe Worte.

Liebe Gemeinde, genauso wenig, wie ich mich daran erinnere, worum wir uns eigentlich gestritten hatten, genauso wenig weiß ich noch, wie es am nächsten Morgen weiterging. Ich habe nur behalten, dass uns das Segenswort aus unserer verbiesterten, verfahrenen Situation hinausgeführt hat.

Diese kleine, doch so alltägliche Geschichte – denn welche Mütter und Väter unter uns haben nicht ähnliches erlebt? – zeigt, wie der große Anspruch des Bibeltextes im Kleinen völlig unspektakulär umgesetzt werden kann. „Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.“

Nun müssen wir uns natürlich fragen, ob Petrus, als er seinen Brief schrieb, so eine Situation vor Augen hatte. Wobei wir Petrus nicht mit dem Jünger, dem Fischer aus Galiläa, verwechseln dürfen. Das waren zwei verschiedene Männer. Aber Petrus, der Briefschreiber, wusste um die Situation der jungen Gemeinden in Kleinasien. Die Christinnen und Christen wurden – wir würden heute sagen – gemobbt. Und das bedeutete, damals wie heute, dass sie nicht nur ausgegrenzt wurden, sondern auch bitterlich unter den Verleumdungen litten (3,16 und 4,4)). Dazu kamen Repressalien von Seiten der Behörde. Und auch, wenn diese nicht Leib und Leben bedrohten, reichten sie doch aus, das Leben zu vergällen.

So betreffen die Ermahnungen in dem Brief sowohl das Verhalten der Gemeinden in der Öffentlichkeit als auch im Privaten. Denn das kennen wir heute auch: Wenn wir sehr unter Druck stehen, lassen wir uns schneller als sonst zu einer scharfen Erwiderung hinreißen. Und dann ergibt ein Wort das andere und schon sind Streit in der Familie oder ein politischer Konflikt entstanden.

Petrus beschrieb einen anderen Weg: reagiert, wenn jemand euch provoziert, schlecht über euch spricht, euch Vorwürfe gemacht werden nicht mit einer Provokation eurerseits, mit übler Nachrede und mit Vorwürfen. Vielmehr entschärft die Eskalation mit lebensbejahenden Gedanken und Worten, begegnet auch denen, die dem Geist der Zwietracht huldigen, mit Respekt und Achtung.

Und wie recht er hat. Die kleine Geschichte zu Anfang hat es gezeigt. Dadurch, dass ich meine wütenden Gedanken zur Seite legen und meinem Sohn wieder liebevoll begegnen konnte, hatte sich zwischen uns die Situation total verändert. Und so konnte er auch mit mir wieder herzlich sein.

Nun weiß ich sehr genau, dass es – privat wie öffentlich – Situationen gibt, in denen das Segenswort nichts ausrichten kann; wo nur noch Hohn und Verachtung die Antwort sind. Das ist, wenn es uns begegnet, nur schwer zu ertragen, entbindet uns aber nicht von dem Anspruch, Bösem friedfertig zu begegnen.

Wenn wir den Glauben verlieren, dass Gottes Segen, Gottes gute Geisteskraft in unserem Leben Gutes bewirken kann, dann sind wir wirklich von allen guten Geistern verlassen.

Aber wir brauchen auch gar nicht daran zu zweifeln, ob wir mit einem Segenswort wirklich mehr ausrichten können als mit einem Scheltwort. Denn eigentlich ist uns die Kraft des Segnens sicher. Das schrieb jedenfalls Petrus. „Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.“

Erben bedeutet, dass das Vermögen von Verstorbenen auf deren Angehörige oder von ihnen benannte Personen übergeht. Und das meist, ohne dass die Erbenden selber etwas dazu getan hätten. „Erben“ und „Beschenkt-Werden“ sind oft deckungsgleich. Wir kennen es aber auch, wenn ein Amt, Aufgaben oder Rechte und Pflichten übergeben werden. Da müssen wir nicht gestorben sein, um zu sagen: „Du sollst in dieser oder jener Angelegenheit mein Erbe sein.“ Sondern wir meinen, dass etwas mit einem bestimmten Ziel, in einem bestimmten Geist weitergeführt werden soll.

Wir sind Gottes Erben, weil wir Gottes Kinder sind. Und als solche erben wir von ihm den Segen, ohne dass wir etwas dazu getan hätten. Wir sind Gesegnete und unsere heilige Pflicht ist es, diesen Segen weiterzugeben, damit auch andere an der Kraft und Gnade Gottes Anteil bekommen. Diese Pflicht fällt uns leicht, wenn alles gut ist zwischen uns und den anderen. Sie wird auf die Probe gestellt, wenn es uns unser Gegenüber schwer macht.

Aber wie schön und entlastend ist es und beglückt, wenn mit einem guten Wort, mit einer freundlichen Geste oder mit einem Lächeln eine Spannung abgebaut und so dem Guten wieder Raum gegeben werden kann. Segnen heißt, die lebenwollende und lebenliebende Kraft Gottes weiterzugeben. Und genau das dürfen wir – im Grossen wie im Kleinen, im Privaten wie im Öffentlichen, überall da, wo unsere Stimme gehört wird – genau das dürfen wir tun!

Amen.

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