Statt Predigt ein Gespräch

Liebe Gemeinde,

stellen Sie sich vor, es käme noch jetzt jemand in den Gottesdienst, in diese Kirche hinein. Ein Mann, den wir alle nicht kennen. Vielleicht jemand, der aus dem Osten zugewandert ist. Er schaut sich freundlich um. Bemerkt, dass hier etwas im Gange ist. Er will keinesfalls stören.

Hilfesuchend fragt er flüsternd jemand in den ersten Reihen: "Was macht ihr hier?"

"Wir feiern Gottesdienst", flüstert die Angesprochene zurück und bedeutet mit einer Geste, er möge sich doch setzen und schweigen.

Unser höflicher Gast nimmt Platz. Kaum aber, dass er sitzt, hebt er die Hand: "Darf ich eine Frage stellen?"

Störungen haben Vorrang, sagt man in der Gruppenpädagogik. Also darf er fragen. Er dreht sich zu ihnen hin, liebe Gemeinde.

"Ihr feiert Gottesdienst. Glaubt ihr denn alle an Gott?", fragt er mit staunendem Unterton.

Die Konfirmanden fangen spontan an zu kichern. Zuerst gehen Blicke hin und her in der Gemeinde. Aber wie von Zauberhand geordnet schauen am Ende alle nach vorne. Auf solche Fragen muss der Pfarrer antworten: "Glaubt ihr denn alle an Gott?"

Also gut. So möchte ich antworten: "Wir, die wir hier versammelt sind, stehen im Horizont Gottes."

"Aber ich hatte gefragt, ob sie alle an Gott glauben", setzt unser Gast nach.

"Geduld, bitte. Wir stehen im Horizont Gottes. Die Antwort auf die Frage nach dem Glauben kann nicht einfach Ja oder Nein lauten. Mancher, der hier ist, wird gestehen: Ich muss ja hier sein, sonst werde ich nicht konfirmiert. Aber eigentlich sehe ich mich nicht unter Gottes Horizont.

Andere werden so sprechen: Ich bin hier, weil mir das Wissen um den Horizont, den Gott um mein Leben gelegt hat, immer Orientierung gegeben hat.

Oder jemand antwortet wie folgt: In meinem Alter spüre ich immer stärker eine große Sehnsucht nach diesem weiten Horizont, den ich um mein endliches Leben erhoffe. Ich zweifle oft daran, ob es ihn gibt. Sehnsucht aber treibt mich, hierher zu kommen.

Denkbar wäre auch diese Aussage: Viele Menschen leben rein diesseitig. Aber in Gott weiß ich meinen Ursprung und mein Ziel. Gott ist das Geheimnis, das diese Welt umgibt. Das will ich feiern."

Unser Gast schweigt nachdenklich. Dann sagte er: "Darüber reden sie hier, über diesen Horizont?"

"Ja, so ganz allgemein gesagt. Aber eigentlich wollte ich heute über das Thema "Religiöses Gespräch" predigen", gebe ich zur Antwort," Paulus vergleicht im 14. Kapitel des Korinther-Briefes zwei Arten, von Gott und mit Gott zu sprechen. Dabei geht er zuerst auf die ekstatische Erfahrung der sogenannten "Zungenrede" ein. Das ist ein seltsames Phänomen. Manche Menschen können sich so sehr in ihre religiösen Gefühle hineinsteigern, dass sie nur noch unverständliche Laute von sich geben. Sie sind sozusagen weggetreten. Dieser Zungenrede stellt Paulus die prophetischen Rede gegenüber. Damit meint er das verständliche, vernünftige Gespräch über Gott. Das Wort "prophetisch" hat hierbei nichts mit Weissagung zu tun. Im Griechischen heißt das "als Fürsprecher" reden, als Fürsprecher Gottes. Paulus wusste ja auch darum, dass in der Gemeinde sehr unterschiedliche Menschen zusammen kommen. Menschen, die ganz fest glauben. Andere, die zweifeln. Leute, die suchen. Wenn ihr darüber redet, so Pauls, so helft ihr euch gegenseitig. Redet prophetisch, also redet für Gott. Dann redet ihr auch füreinander."

"Und ihr wollt heute auch darüber reden?", hakt unser fremder Gast nach.

"Ehrlich gesagt, am meisten spricht bei uns der Pfarrer. Aber wir singen gemeinsam. Wir beten gemeinsam. Wir erleben uns gemeinsam unter dem Horizont Gottes."

Der Gast schaut sich um.

"Ihr seid nicht gerade viele. Sind das alle, die zu euch gehören?"

"Da sprechen sie ein Thema an, dass uns auch immer wieder beschäftigt. Es gibt weitaus mehr Menschen, die an Gott glauben, als hier sind. Unsere Gemeinde ist auch viel größer. Vielen aber reicht es, wenn sie mit sich und Gott ganz alleine sind."

"Seid ihr damit zufrieden?"

"Nein, nicht wirklich. Eben hatte ich von Paulus erzählt. Er kritisierte die "Zungenredner", weil sie nur sich und Gott kennen. Den anderen bringt das nichts. So ist das auch mit denen, die nicht hierher kommen. Sie bleiben außen vor, hören wenig vom Wort Gottes. Sie sind wie Blumen, die nur wenig Wasser bekommen und deswegen kaum wachsen. Sie teilen ihren Glauben nicht mit uns. Sie sind wie die Zungenredner damals. Ihnen reicht ihre eigene Frömmigkeit. "

Wieder schweigt unser Gast eine ganze Weile.

Aber jetzt, liebe Gemeinde, kann ich die geplante Predigt nicht mehr halten. Das würde zu lange dauern.

Er rührt sich schon wieder.

"Ja, gerne, fragen sie nur weiter. Wir stellen heute unser Programm einfach um."

"Ich muss noch einmal auf das Bild vom Horizont zu sprechen kommen." sagt unser Gast," Das Bild fand ich überraschend. In meiner Heimat gibt es auch religiöse Menschen. Das wenige, was ich von denen wusste, hat bei mir den Eindruck hervorgerufen, dass die in einem sehr engen Raum leben, umgeben von lauter Zäunen und Verbotsschildern."

"Gut, dann gehe ich noch einmal auf das Bild mit dem Horizont ein. Wir erweitern es und stellen uns vor, dass vor uns ein Weg liegt, der dem Horizont entgegen führt. Ganz weit weg sehen wir ein Kreuz. Oder vielleicht auch einen Kirchturm. Da geht unser Lebensweg hin."

"Und die anderen Religionen?", fragt der Gast dazwischen.

"Die anderen Religionen sehen am Horizont ihres Glaubens ein anderes Symbol. Eine Moschee, eine Synagoge oder eine Buddhafigur. Manchmal hat man das Gefühl, obwohl die Religionen unterschiedlich sind, schlagen sie den gleichen Weg ein. Aber manchmal gehen sie tatsächlich ganz andere Wege hin zum Horizont Gottes. Es mag ja sein, wenn wir den Horizont einmal erreicht haben, dass wir feststellen werden, dass alle Symbole Türme auf ein und dem demselben Haus sind. Aber darüber will ich nicht spekulieren. Wir Christen gehen unseren Weg."

"Woher kennt ihr denn diesen Weg. Was gibt euch Orientierung? Woher wisst ihr, wo ihr lang gehen müsst im Leben?"

Es scheint, das unser Gast richtig Interesse am Gespräch gefunden hat.

"Ich antworte mit einem Bibelwort. Jesus sagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit."

"Das klingt aber sehr theoretisch", wendet unser Gast ein, "können sie mir das noch besser erklären?"

"Jesus, so glauben wir, ist aus dem fernen Horizont Gottes zu uns gekommen, uns den Weg zu weisen. Er sagt sinngemäß: Die meisten Menschen denken nur an sich und ihren Vorteil. Aber im Leben, dass zu Gott führt, denken wir aneinander. Jesus lehrt uns, einander zu vergeben. Er lehrt uns die Nächstenliebe. Er ist unser Lebenslehrmeister. Er sagt uns, wie wir auf dem Weg zum Horizont Gottes bleiben können. Gott, so glauben wir, beurteilt dereinst das, wie wir uns auf dem Weg zu ihm hin verhalten haben."

"Und das glauben hier alle, alle, die hier sitzen?" Schon wieder fragt er so skeptisch.

"Ich müsste mich wiederholen. Wie wir Jesus sehen und glauben ist z.T. sehr unterschiedlich. Deswegen hat Paulus ja auch die "prophetische Rede" empfohlen, also das religiöse Gespräch in der Gemeinde, in der man sich gegenseitig ermahnt, sich tröstet und einander Mut gibt. Er empfiehlt das Gespräch, in dem wir gemeinsam die Texte der Bibel auslegen. Jeden Sonntag denken wir über das Evangelium nach. Das Evangelium steht in unserer Bibel. Sie enthält hunderte Geschichten von Menschen, die unterwegs zum Horizont Gottes waren. Was wir da lesen, vergleichen wir mit unseren Erfahrungen. Meistens hilft es uns, diese Texte zu lesen und zu hören. Da sind wir wie Wanderer, die auf die Karten derer schauen, die vor ihnen den Weg gegangen sind."

"Seid ihr dem Horizont denn jetzt schon näher gekommen?"

"Als Antwort zitiere ich das, was mir diese Tage ein Mann gesagt hat: Ich bin tausend Kilometer auf dem Jakobsweg gewandert. Gott aber bin ich kaum einen Millimeter näher gekommen. Wir sind unterwegs. Und sie wissen doch: Der Horizont bleibt immer im gleichen Abstand. Wir erreichen viele Lebensorte und oft sind wir Gott sehr dankbar dafür. Wir sind Christus dankbar, weil wir ohne seine Wegweisung manches Ziel im Leben nicht erreicht hätten."

Unser Gast kräuselt die Stirn. Man merkt ihm an, dass er noch immer nicht zufrieden ist.

"Eine Frage noch," platzt es aus ihm heraus. "Eigentlich ist das keine Frage. Ich versuche einmal, das zusammen zu fassen, was ich verstanden habe. Ihr feiert hier Gottesdienst, weil Gott euer Horizont ist.

Mancher sieht ihn, mancher glaubt ihn, mancher weiß ihn. Mancher zweifelt.

Da seid ihr sehr unterschiedlich. Ich finde das sehr gut, dass bei euch eine solche Offenheit herrscht. Also ihr seid keine frommen Leute hinter einem Horizont aus Brettern. Und Jesus ist euer Weggefährte. Einmal in der Woche trefft ihr euch. Das ist wohl wie eine Tankstelle auf dem Lebensweg. Verzeihen sie mir das profane Bild. In meiner Heimat war ich bei der Erdölindustrie. Aber so wirklich redet ihr nicht miteinander, oder?"

Er schaut lächelnd in die Runde.

Und ehe ich doch noch eine ganz kurze Predigt halten könnte, ruft er plötzlich: "Ein Satz noch, bitte! Einen einzigen Satz noch! Jetzt weiß ich nämlich, was mich an ihrem Bild vom Horizont stört. Das ist ein schönes Bild, und ich will sie auch nicht korrigieren, aber je länger ich das Bild vor Augen habe, desto mehr drängt sich mir der Gedanke auf: Was ist denn, wenn ich diesen Horizont nicht sehen kann, wenn ich ihn aus den Augen verliere? Das muss euch doch auch passieren?"

"Ja, das geschieht. Das geschieht auch uns. Immer wieder gibt es Strecken auf unserem Lebensweg, auf denen uns große Sorgenberge den Blick auf den Horizont verstellen. Oder wir sehen uns auf unserem Lebensweg auf einmal in einer Wüste und es ist nur Sand am Horizont. Manchmal kommt das einfach so über einen. Oft fühlen wir so düster, wenn ein geliebter Mensch hinterm Horizont verschwunden ist. Manchmal lässt und das Leben und all die Arbeit keine Zeit, diesen Horizont Gottes im Blick zu behalten. Manchmal glauben wir, es gibt nur den Horizont aus Habgier und Streit."

"Und was macht ihr dann? Das ist nun wirklich meine allerletzte Frage."

"Wir beten, wir beten füreinander. Wenn wir den Horizont nicht mehr sehen können, ist manchmal die Erinnerung in uns, die uns hilft. Wir beten z.B. den 23 Psalm. Wir singen unsere Lieder. Die irischen Fußballfans sangen zur Niederlage ihrer Mannschaft das Lied "The fields of Anthenry". Wir singen unsere Lieder auch in der Trauer und in der Not.
Wir Christen kennen die Rede vom "Heiligen Geist". Das ist ein schwieriges Thema. Da fragen sie jetzt bitte nicht auch noch, was das bedeutet. Ich sage nur so viel. Im Neuen Testament wird der Heilige Geist der "Tröster" genannt. Das meint eine Kraft, die uns von Gott zukommt, keine übernatürliche, keine magische Kraft. Nein, nur einfach die innere, seelische Kraft auch unterm Kreuz weiter zugehen. Weiter zu wandern mit schmerzenden Füssen. Wieder aufzustehen, wenn wir gestürzt sind. Da ist Gott in uns als "Heiliger Geist", als Tröster."

Unser Gast schweigt.

Ja, liebe Gemeinde, nun wollte ich eigentlich eine Predigt halten über die "prophetische Rede", das "religiöse Gespräch", das Paulus uns zur wechselseitigen Erbauung, Mahnung und Tröstung ans Herz legt. Strebt nach der Liebe, sagt er. Bleibt unter dem Horizont Gottes, bleibt auf dem Weg Jesu. Aber nun haben wir unseren lieben Gast heute empfangen dürfen. Unseren Überraschungsgast.

Nein, sie haben uns nicht gestört. Ich predige hier öfter, was ich sagen wollte, kann ich das nächste Mal auch tun. Ich danke ihnen, denn das ist wirklich sehr mutig von ihnen, dass sie hier so offen mit uns – na ja, mit mir – gesprochen haben. Nun habe ich nur eine einzige Frage an sie:

Werden sie wiederkommen?

Er antwortet nicht. Er lächelt nur. Was immer das bedeuten mag.

Amen

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