Das geht gar nicht!

Liebe Schwestern und Brüder,

ich habe heute ein Einrad mitgebracht. Haben sie schon einmal versucht, auf einem Einrad zu fahren? Ich hab es probiert – und bin ganz kläglich gescheitert. Sobald ich mich auf den Sattel setze merke ich: das geht gar nicht!

Das Thema der Sommerfreizeit in Banjole war dieses Jahr bei den jüngeren TeilnehmerInnen: Zirkus Banjole! Als die kids gehört haben, was wir so alles mit ihnen vorhaben, da haben viele die Augen weit aufgerissen und gesagt: geht gar nicht! Aber dann haben sie geübt und trainiert und nach 10 Tagen hat es eine tolle Aufführung gegeben: da waren auf einmal Zauberer und Akrobaten, Jongleure und Clowns zu sehen, Menschen, die über Glasscherben gehen konnten und – welche die Einrad fahren.

Natürlich haben die Kinder das nicht alles allein gelernt. Wir MitarbeiterInnen haben geholfen, so gut wir konnten. Aber auch die größeren Kids haben den Kleinen Tipps und Tricks verraten, wie das eine oder andere Kunststück zu erlernen sei. Und so sind aus 12 Kindern zwischen 9 und 12 Jahren „Stars in der Manege“ geworden.

„Geht gar nicht!“ – das hat sich wahrscheinlich auch der Finanzminister aus Äthiopien gedacht. Er hatte in seiner Heimat von dem einen Gott Israels gehört und war fasziniert gewesen. Was er zu hören bekommen hat, das hat sein Herz berührt. Und zwar so sehr, dass er bereit war, ein großes Wagnis auf sich zu nehmen. Denn immerhin macht er sich auf eine Reise von etwa 2000 Kilometern, auf die Reise nach Israel. Hier, im Tempel, wollte er dann mehr erfahren vom Gott Jakobs.

Aber er wurde bitter enttäuscht. Denn im Tempel war nicht jeder willkommen, der auf der Suche nach Gott war. Der Tempel war für die Menschen reserviert, die schon zu Gott gehörten. Nur Juden durften hinein in das mächtig Gebäude und sich so ihren Gott nähern.

Es bleibt den Mann aus dem fremden Land also gar nichts anderes übrig, als sich wieder auf die Heimreise zu machen. Aber so ganz mit leeren Händen wollte er dann doch nicht abreisen. Und deshalb leistet er sich eine Reiselektüre. Er kauft sich eine Schriftrolle, die die Worte des Propheten Jesaja beinhaltet. Voller Freude beginnt er zu lesen – und merkt sehr bald: „Das geht gar nicht!“ Denn er versteht einfach nicht, wovon Jesaja redet und was er damit sagen will.

Szenenwechsel: Philippus versteht die Welt nicht mehr. Ganz erfüllt von der Botschaft Jesu hat er in Jerusalem den Menschen zu erklären versucht, dass in diesem Jesus von Nazareth alle Prophezeiungen an ihr Ziel gekommen waren, dass Gott in Jesus selbst Mensch geworden war. Aber er ist mit dieser Botschaft auf wenig Gegenliebe gestoßen. Und schließlich hat es geheißen: „Das geht gar nicht mehr!“ Und Philippus wurde aus Jerusalem ausgewiesen. Er hatte dort nichts mehr zu suchen und er durfte niemanden mehr von Jesus Christus erzählen.

Frustriert fließen die Tage wie ein zäher Brei dahin, einer wie der andere, deprimierend und sinnentleert. Bis, ja bis er plötzlich einen neuen Auftrag bekommt: „Geh nach Süden, auf die Straße die von Jerusalem nach Gaza führt!“ „Was? In diese öde, menschenleere Gegend soll ich ziehen? Was soll denn das jetzt bitte?“ Philippus versteht die Welt, ja er versteht vor allem Gott nicht mehr. Aber er macht sich auf den Weg. Und tatsächlich taucht auf dieser verlassenen Straße ein Kutsche auf. Sofort erkennt er, dass der Reisende ein Fremder ist. Sein Hautfarbe und seine Kleidung sprechen eine eindeutige Sprache. Und er merkt auch, dass dieser Mann auf der Kutsche reich sein muss. Immerhin kann er lesen und sich auch eine Schriftrolle leisten.

Umso erstaunter ist er, als er mitbekommt, dass der Mann aus den Heiligen Schriften der Juden laut vorliest. Die beiden Männer kommen ins Gespräch und Philippus beginnt dem Fremden zu erklären, was es mit der Botschaft des Jesaja auf sich hat und wie das Ganze mit Jesus zusammenhängt.

Aber das Gespräch zwischen Philippus und dem Kämmerer, dessen Zeugen wir hier werden, ist eigentlich gar kein Dialog. Denn Gott selbst schaltet sich mit ein. Gott selbst verschafft sich Gehör und Zugang zum Herzen und Leben des Mannes aus Äthiopien. Wenn wir sagen, dass uns in der Bibel Gottes Wort begegnet, dann sagt es doch genau das aus! Gott spricht durch sein Wort Menschen an, den Kämmerer aus dem Morgenland, mich und dich, und alle, die sich der biblischen Botschaft aussetzen.

So, nur so kann Glaube wachsen, kann Glaube erwachsen werden, kann er sich Gehör verschaffen. Wir sollten darauf achten, dass dieses Gespräch möglich bleibt unter uns, in unserer Gemeinde, in unserer Stadt, in unserem Land, damit Gott Menschen ansprechen kann.

Mit Hilfe des Diakons gelingt es dem Minister endlich zu verstehen. Sein „das geht gar nicht!“ verändert sich in ein „das geht gar nicht mehr ohne diesen Jesus!“ – und so tauft Philippus im Vertrauen darauf, dass Gott sein Werk vollenden wird. Und der Kämmerer tritt zufrieden seinen Heimweg an.

Durch die Taufe sind auch wir alle – du und ich – von Gott angenommen und unverbrüchlich mit ihm verbunden. Und immer wenn ich vor Aufgaben stehen, die ich meine, nicht bewältigen zu können, immer wenn ich mich klein und ohnmächtig fühle, wenn dieses „das geht gar nicht“ in mir hochkommt, immer dann darf ich mich daran erinnern, dass ich Gottes geliebtes Kind bin. Von ihm geliebt, ohne Wenn und Aber!

Doch Gott lässt mich nicht alleine auf meinem Weg zu ihm. So wie er dem Kämmerer den Diakon Philippus zur Seite stellt, so hat er auch mir immer wieder Begegnungen mit Menschen geschenkt – und schenkt sie mir noch heute – , die mir helfen, sein Wort zu verstehen: PfarrerInnen, ReligionslehrerInnen und PresbyterInnen bis hin zu Kindern und Menschen, die noch nie etwas von Gott gehört haben und mich mit ihren Fragen ganz neu auf die Suche schicken nach ihm.

Ich wünsche uns, liebe Schwestern und Brüder, dass es uns geht wie dem Minister aus dem fremden Land. Dass uns die Augen aufgehen über der Liebe und Güte Gottes. Und das wir froh unsere Wege ziehen mit der befreienden Erkenntnis: „Geht gar nicht gibt’s nicht in meinem Leben. Weil Jesus selbst an meiner Seite ist.“

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