Erbauung aus Liebe

Davon haben wir schon öfter geredet. In der Gemeinde in Korinth, die Paulus begründet hat, gab es Streit. Nicht nur ums Abendmahl, sondern auch um den Gottesdienst. Ich muss ja ehrlich zugeben: Ich habe auch in unserer Gemeinde harte Diskussionen um den Gottesdienst erlebt. Da ging es dann entweder um Zeiten oder um moderne Gestaltungselemente. Vielleicht noch um die Frage des geeigneten Ortes oder der angemessenen Länge.

In Korinth ging es um mehr. Da gab es das Phänomen der Zungenrede. Für uns kaum vorstellbar, was das ist. Im Griechischen ist Zunge und Sprache das gleiche Wort. Gemeint ist: Sie reden in Sprachen, die kein Mensch versteht und mit denen niemand etwas anfangen kann. Aber es wirkt beeindruckend. Für die Menschen damals war klar, dass so ein Reden Gabe des Heiligen Geistes sein musste. Aber es macht auch ratlos – und darum wird Paulus gefragt, wie denn nun damit umzugehen wäre. Er geht in seinem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth auf die Anfragen ein.

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Haushaltung ist das entscheidende Wort – auf Griechisch: oikodomä.

Dahinter steht die Kernfrage: Was dient dem gemeinsamen Leben, was hilft allen Beteiligten gut zu leben, glücklich zu werden. Und: Gott will zur Sprache kommen in seiner Gemeinde – und die soll sein Wort verstehen. Über allem steht nämlich die Liebe mit der Gott den Menschen begegnen will.

Die Sprache allein macht noch keine Verkündigung. Sie muss ankommen, verstanden werden und angenommen werden. Dazu gehören klare Worte und Gedanken, die auf den Menschen eingehen. Davon sollen unsere Gespräche geprägt sein. Alles nebulöse Reden von Gott und seinem Heiligen Geist hilft niemandem in der Kirche nicht, in der Schule nicht und am Arbeitsplatz auch nicht. Vom glauben muss ich erzählen und zwar so, dass mich die Menschen verstehen.

Für Paulus ist jeder Gottesdienst Missionsgottesdienst. Jeder Gottesdienst steht unter der Frage: Was bewirkt er bei Menschen, die zufällig anwesend sind. Wenn das gesprochene Wort bei denen nicht ankommt, dann ist es kein wirklich christlicher Gottesdienst.

Das Zungenreden, wie es die neutestamentlichen Zeugnisse beschreiben, ist uns wohl wenig bekannt. Kirchisch reden eher. Es gibt sie, diese gebildete Kirchensprache, die außerhalb der Kirchenmauern kein Mensch verstehen kann. Das hört sich deutsch an, sind aber Sätze und Gedanken, die dem Alltag fremd sind. Auch die sind für Paulus nicht möglich. Wie kommt das Evangelium zu den Menschen, das ist seine Leitfrage. Das ist eine Frage, die aus der Liebe kommt.

Wenn wir sagen: ‚Gott ist die Liebe.‘, dann stellt sich automatisch die Frage: warum verweigern wir diesen Grundgedanken der Welt? Oder andersrum: Was tun wir, dass die Liebe zu einemAllgemeingut des Alltags wird. Die kirchenführenden Personen allein können das nicht. Sie können nur hinweisen, ermahnen. Die Bewegung muss von der Basis kommen, von den Christenmenschen im Alltag.

In diesen Tagen ist so viel von Macht und Stärke die Rede, in Eurokrise und im Fußball. Gerade im Fußball gewinnt die Militärsprache die Oberhand. Da wird plattgemacht ohne Ende. Da ist nichts zu spüren von einer Haltung der Liebe. Da muss gesiegt werden – auf Teufel komm raus, als gäbe es gute Fußballer nur im deutschen Trikot. Und in der Eurokrise sollen alle Vorleistungen bringen. Die Liebe zu den Menschen in Spanien oder Griechenland interessiert nicht. Obwohl jeder Mensch eigentlich weiß: Die Menschen, die nichts dafür können, leiden auf der ganzen Welt. Überall.

Erbauung aus Liebe aber ist das entscheidende Argument, wenn es darum geht als Schwestern und Brüder miteinander zu leben. Erbauung aus Liebe ist auch das einzige Argument, wenn es um den Umgang mit anderen Glaubensrichtungen und anderen Religionen geht. Die Gegenwart des Geistes Gottes steht im Mittelpunkt. Er ist die Liebe und er bewirkt Liebe. Ihr hat sich alles unterzuordnen. Nicht Menschen – auch nicht Prediger – dürfen das letzte Wort behalten.

Das Evangelium rückt die Einladung Jesu zum Mahl der Endzeit in den Mittelpunkt. Es gibt viele, gute Gründe, dem auszuweichen. Aber keiner ist ausreichend. Das Heil will erkannt und ergriffen sein. Ein Angeld auf dieses Heil erhalten wir im Mahl der Gemeinde, zu dem alle Getauften eingeladen sind. Dort dürfen wir Liebe erfahren und den Heiligen Geist.

Vom Tisch des Herrn können wir gehen als Menschen, die befreit sind, Gutes zu tun und Liebe zu leben.

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