Lächerlich in Babyblau!

Vorab: Hören wir auf Michael Krüger, Schriftsteller und Dichter. Er hat ein Gedicht geschrieben, indem er eine Erfahrung mit einem Gottesdienst in Worte fasst.

Brief
Gestern Abend ging ich – bitte
frag nicht: warum? – in die Kirche
im Dorf, hockte mich bibbernd
zwischen die alten Leute
in eine der engen Bänke
und bewegte die Lippen, als hätte ich
mitzureden. Es war ganz leicht.
Schon nach dem ersten Gebet – wir
beteten auch für dich – wuchs mir
die Maske des Guten übers Gesicht.
Vorne pickte der alte Pfarrer,
ohne eine Lösung zu fordern,
wie ein schwarzer Vogel lustlos
im Evangelium, schien aber nichts
zu finden, uns zu verführen.
Kein Leitfaden, kein Trost.
Nach einer Stunde war alles vorbei.
Draußen lag ein unerwartet helles Licht
über dem See, und ein Wind kam auf,
der mich die Unterseite der Blätter sehen ließ.
(aus: Wettervorhersage, 1999)

Und so halten wir fest: Die Kirche ist alt geworden. Das Blut fließt nicht mehr so schnell und lebendig durch ihre Adern, wie noch ein paar Jahrtausende zuvor. Die Sprungkraft hat nach gelassen. Auch die vielen Kämpfe, die schrecklichen Kreuzzüge und die vielen Kriege, auch die großen innerhalb, die im Namen und mit und für das Geld der Kirche geführt worden sind, haben ihre Spuren hinterlassen. Bisweilen wirkt die Kirche kraftlos. Ein bisschen überfordert. Mittlerweile hat sie auch viele Eigenschaften ritualisiert, die damals, als der Apostel Paulus noch Briefe geschrieben hat, absolut neu waren. Sie hat an Kraft verloren, ist ein bisschen grau geworden, genauso wie die überwiegende Zahl ihrer Besucherinnen und Besucher.

Erste Hilfemaßnahmen laufen schon lange an und aus. Einige wurden, mangels Aussicht auf Erfolg, wieder abgebrochen, andere mit großem Aufwand fortgesetzt. Sie soll sich mehr zentralisieren, sagen die einen. Sie soll im Dorf bleiben, sagen die anderen. Aber egal, wo sie ist, sie ist alt.

Die Menschen um sie herum nehmen die alte Kirche nur noch war an den großen wichtigen Tagen im Leben eines Menschen. Dann, wenn man existentiell betroffen ist. Oder an den großen Feiertagen, wenn das Licht aus der Kirche heraus warm und einladend auf die Straßen leuchtet und wohl auch manche geschönte Kindheitserinnerung den Blick auf die Wirklichkeit trübt. Oder wenn Bachs Oratorien in ihr erklingen und der Organist mit dem Chor alles gibt, was die Orgel und der Chor geben können.

Die Besucherzahlen sind lange schon rückläufig. Heute gibt es scheinbar nichts, das die Menschen vom Stuhl reißen könnte. Was waren das noch für Zeiten, seufzt die alte Kirche, als man sich darum noch Sorgen machen musste. Damals waren zu viele von den Stühlen gerissen worden und niemand konnte den anderen mehr verstehen.
Paulus erzählt davon, wie man die Eifrigen zügeln und ihnen etwas mehr Besonnenheit verordnen musste:

[TEXT]

Damals redeten viele in Zungen, in Sprachen, die sie selbst nicht kannten oder konnten. Und verkündeten lautstark, so glaubten sie, was der Heilige Geist ihnen eingegeben hatte. Das war mitunter natürlich für Umstehende befremdlich und sorgte wiederum für sich leerende Bänke. Dinge, die man nicht versteht, laden bekanntlich nicht zum bleiben ein.

Heute sucht die alte Kirche verzweifelt nach neuen Wegen, die Massen zu begeistern. Ist aber der charismatische Weg, der Weg der spirituell aufgeladenen Zungenrede von damals ein solcher Weg für die heutige Kirche? „Schlecht wären wir beraten, als Patentrezept gegen das Altern unseren nicht mehr ganz so jungen Kirchen das Lallen von Säuglingen zu verschreiben, nur weil uns die Zungenrede als charismatische Gabe der Urkirche vermeldet wird.“(Jo Krummacher, in: Assoziationen. Gedanken zu biblischen Texten, Bd. IV., S. 123.)

Die Kirche ist schon gut beraten damit darauf zu achten, was sie ihren Besuchern (sprachlich) zumutet. Lallend in Babyblau , das wäre lächelich. Denn das faszinierende und zum Guten verführende Wort Gottes kommt nicht dadurch besser zur Geltung, dass man die willige und suchende Zuhörerschaft durch derartige Zumutungen wie die Zungenrede bewusst weiter reduziert.

Viel eher muss die über lange Zeit erwachsen gewordene Sprache unserer Kirche zum Einsatz kommen und der uns umgebenden Wirklichkeit ihrerseits immer wieder ins Wort fallen. Die Herausforderungen für die heutige Kirche liegen eben nicht in der Wiederentdeckung der ohnehin vielbeklagten Unverständlichkeit und der Zungenrede, die eh keiner unsere Gläubigen versteht, sondern in der deutlichen Rede, die sich einmischt und entgegen der vorherrschenden Rationalität eine andere Wirklichkeit beschreibt.

„Der Name Jesu steht für Gottes Liebe zu allen Menschen; er steht für die verschwenderische Großzügigkeit, mit der Gott alle Menschen aus der Selbstbefangenheit befreien will, in der sie ihre Welt und sich zerstören.“ (Wolfgang Huber, in: Kirche, S. 215.)
Würde uns bei solch einer elementar wichtigen Aussage keiner mehr verstehen, wie wir so klar und deutlich von Jesus Christus und seinem Wirken erzählen, würde keiner dem Inhalt dieser Worte mehr ernsthaft folgen können, dann könnten wir uns getrost in unseren Kirchen einschließen und die Schlüssel wegwerfen!
Denn solches wäre gleichbedeutend mit einem gewaltigen Rückzug aus dem öffentlichen Raum und vor einer solch rückschrittigen Gemeindeerweckung warnt Paulus. Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht.
Es ist für mich nicht verwunderlich, dass der stotternde Paulus nicht so überzeugt ist von der Wirksamkeit der verworrenen, unverständlichen Sprache. Ist er doch eher einer, der stets nach den richtigen Worten sucht, mit sich und der Sprache ringt. Nicht immer zur Gefälligkeit des Hörenden, aber doch präzise und schnörkellos.

Dabei leitet ihn immer wieder die Frage, wer dieser Gott eigentlich ist? Und weil dieser Sachverhalt viel zu kompliziert ist, als das man eine Antwort darauf leichtfertig verschenken dürfte, wehrt er sich vehement gegen alles, was den Zugang zu dieser Frage und zur Erkenntnis Gottes verstellen könnte. Strebt nach der Liebe!, rät Paulus zuallererst den allzu sehr begeisterten. Denn alle verquaste und unverständliche Sprache über Gott, die ihn nicht erkennbar macht, ist tote Sprache.
Warum sollte man schließlich einer Sache folgen, warum an diesen Gott glauben, wenn man nicht versteht, was er will oder wofür er steht?

Wie aber erkennt man diesen Gott? Karl Waldeck, Pfarrer in unserer Landeskirche, bringt eine mögliche Erkenntnis in Erinnerung: „Im Anfang war das Wort“, so beginnt das Johannes-Evangelium. „Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz“, gab der Dichter und glaubensabtrünnige Pfarrerssohn Gottfried Benn zu verstehen. […]“
In einer Zeit, in der es ohnehin schon so viel dummes Gequatsche und blödes Gerede gibt und die moderne Infrastruktur dieses auch noch beflügelt, man denke nur an „[…] Niedrigst-Tarife fürs Telefonieren und Chatten und TV-Palaver“. […] ist es gar nicht erschreckend, dass wir einander nicht immer verstehen. Warum also diese vertrackte Situation noch weiter anheizen und den Rückzug in ganz alte, längst überkommene Zeiten antreten?

Schließlich weiß man doch:
Man erfährt nichts von Gott, in kalten, trostlosen Kirchen.
Man hört auch nicht zu, wenn man lustlos aus dem Evangelium vorgelesen bekommt.
Man erfährt zudem nichts über Gott, wenn nicht verständlich über ihn gesprochen wird.
Darum: Träumen von den früheren Zeiten und dabei vergessen, welchen Schatz wir besitzen bringt keinen voran. „Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Erquickung meint:
Der Durstige erhält Wasser, der Hungrige Brot, der Ukrainer echte Wahlfreiheit, der ausgebeutete Landarbeiter muss sein Feld nicht für ein popliges Handy hergeben und die Kirche steht am Kopf einer Bewegung, die den Zorn gegen das Unrecht kanalisiert und in gute, klare Sprache bringt und so der Wirklichkeit ins Wort fällt. (nach Jo Krummacher, in: Assoziationen. Gedanken zu biblischen Texten, Bd. IV., S. 123.)
Die Aussicht darauf, nicht kindisch im Denken zu werden, das ist doch eine Idee, die diese Kraft hat, die Menschen von den Stühlen zu reißen. AMEN!

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