Gottes Wort? Besser ist das!

(Der Predigttext wird als Epistel von Konfirmanden gestaltet)
Gnade sei mit euch von Gott, der da war, der da ist und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde,
eigentlich ist der Gottesdienst fußballfreie Zone. Das ist wichtig, weil Leute wie ich, die das Ganze nicht die Bohne interessiert, einen Ort auf der Welt brauchen, wo man mal Ruhe hat. Nun muss ich diejenigen enttäuschen, die wie ich auf einen fußballfreien Gottesdienst gehofft hatten. Der Predigttext, den die Konfis vorhin vorgetragen haben, bringt praktisch das Runde ins Eckige.

Lassen Sie mich Ihnen eine fiktive Geschichte erzählen:
Es ist der Vorabend der großen Meisterschaft. Tagsüber wurde nochmal hart trainiert, um Punkt Acht schickt der Trainer seine Mannschaft zu Bett, sie sollen fit sein für das Vorrundenspiel. Er wolle Bestleistungen sehen, hat er nachdrücklich gesagt. Und alle hatten sehr, sehr ernsthaft genickt.
Aber schon um halb Neun entsteht Unruhe auf dem Flur. „Ich kann nicht um diese Zeit zu Bett“, mault Anton auf dem Weg ins Bad, „was soll der Quatsch, wir sind doch keine Kinder!“ „Es gibt kein Bier im Quartier, es gibt kein Bier … “ – das kam aus dem Raum von Marius – der 19jährige Mittelfeldspieler ist immer für einen Spaß zu haben. Einer nach dem anderen kriechen sie aus ihren Zimmern, und flugs ist ein Plan geschmiedet: Miroslav, der eh nicht mit will, soll auf krank machen und den Trainer beschäftigen. Die Tür zum Mannschaftskapitän, der sie bestimmt verpfiffen hätte, wird abgeschlossen. Die Betten werden so aufgeschüttelt, dass ihr Verschwinden nicht sofort auffällt, und dann zieht der ganze Tross kichernd wie kleine Mädchen durch das nächtliche Dorf, schnurstracks in die nächste Kneipe.
„Die Taktik vom Trainer funktioniert so nicht“, erklärte Steven nach dem dritten Pils gewichtig. „Fußball hat sich verändert, er kann nicht so spielen lassen wie vor 20 Jahren, das wird nichts.“ Das Mittelfeld müsse sich mehr auf den Sturm konzentrieren, die Außenspieler müssten ihren Blick darauf lenken, dass das Mittelfeld den Ball früher bekäme.
Er bekommt viel Beifall, vor allem von denen, die sich selber für verkannte Torschützenkönige halten. Dann wird ein bisschen über den Trainer gelästert, der sei ja auch ordentlich in die Jahre gekommen, und vielleicht kriege er auch manches gar nicht mehr so mit. Es sei bestimmt in seinem Sinne, wenn die Spieler auch in Sachen Taktik mehr Eigeninitiative zeigen. Mit jedem Bier wird die Runde zuversichtlicher: Matthias sieht sich schon nach gewonnener Meisterschaft als Fußballspieler des Jahres auf dem Titelblatt der Boulevard-Blätter, Peter fährt in Gedanken im offenen Cabrio durch das Brandenburger Tor, jubelnde Massen zu beiden Seiten. Und Ingo sieht vor seinem inneren Auge die Mädchen vor ihm knien: „Fußballgott, ich will ein Kind von dir!“
Der Abend wird lang, der Abend wird feucht. Und nach dem Abend kommt der Morgen. Nach nur zwei Stunden Schlaf stehen unsere Jungs stramm wie Haubitze mit dicken, rotgeränderten Augen und stinkend wie die Luchse vor ihrem Trainer.

Machen wir mal einen kleinen Zeitsprung. Sehen wir mal in Richtung Israel in das Jahr 600 vor Christus. Die Bezeichnung Israel ist eigentlich falsch: Nach verheerenden Kriegen ist das Reich, das David einmal groß und berühmt gemacht hatte, praktisch zerstört. Ein Rest ist geblieben, das Südreich Juda, vielleicht so groß wie Dithmarschen und Nordfriesland zusammen. Bloß in den Köpfen ist das irgendwie nicht angekommen: „Wir holen uns Davids Reich zurück!“, heißt es in den Kneipen und auf den Märkten, „das ist unser gutes Recht, und Gott wird uns beistehen.“ Der König liebt diese Reden, er will mehr als diesen Zwergstaat, er fühlt es genau, dass er zu viel Größerem berufen ist – und darum bezahlt er Leute, die als Propheten Gottes auftreten, den Leuten nach dem Munde reden und ein bisschen Stimmung machen. Sie träumen angeblich von großen Taten, von Milch und Honig, von Gold und Prunk und davon, dass die Völker der Welt zum Zion kommen und staunend anbeten – ihren König und ihren Gott.

Armer Jeremia. Er hört, was Gott wirklich dazu sagt. Und die Worte Gottes, liebe Gemeinde, könnten dem Trainer unserer Jungs nach durchzechter Nacht als Vorbild dienen:
„Seid ihr denn wahnsinnig,“ spricht Gott, „auf diese Lügen-Propheten zu hören? Sie sagen: Ihr seid die Größten, ihr seid die Schönsten, alles wird gut – und ihr glaubt ihnen das? Leute, ich sag euch: Was da auf euch zukommt, ist ein Donnerwetter wie es Israel noch nicht gesehen hat.“ Und er sagt: „Leute, ich warne euch. Ich hab’s immer gut mit euch gemeint, aber ich kann auch anders. Bin ich nur ein Gott, der nahe ist und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“

Mal ganz ehrlich, liebe Gemeinde, das ist nicht gerade das, was man am Sonntagmorgen gerne hört, auch wenn wir sicherlich alle die Nacht brav in unseren Betten verbracht haben. Und ganz ehrlich: Ich predige Ihnen auch lieber Anderes. „Gott hat dich lieb“ – ich sag das jedem Täufling, ich sag das jedem Menschenkind, ich sag es einfach zu gerne, und ich bin auch überzeugt davon, dass es so ist. „Er ist immer bei dir, was auch geschieht“, das sage ich den Kranken und ich glaube es auch. „Selbst dann, wenn das Schlimmste dich trifft, wird er dich nicht verlassen, sondern dich hindurch tragen“ – nein, das ist keine Lügenprophetie, das habe ich erlebt, das finde ich in der Bibel, davon bin ich auch überzeugt. Aber Jeremia hat Anderes zu sagen: Gottes Wort ist wie ein verzehrendes Feuer, und seine Kraft kann zerstörerisch sein wie ein Hammer. Er ist keineswegs nur der „Liebe Gott“, sagt Jeremia – Gott kann auch anders.

Deckt sich das mit meinen, mit Ihren Erfahrungen? Ja, ich habe erlebt, dass Gott fern sein kann. Ich fand keinen Zugang mehr zu ihm, sein Wort hat mir nicht mehr geleuchtet, da war „tote Hose“ zwischen uns. Und etwas in mir dachte, er wolle mich strafen, weil ich zu sehr eigene Wege gegangen war. Ich hab Menschen begleitet, die um Gottes Nähe gerungen haben und sie nicht fanden, und dann hab ich wiederum mit Gott gerungen, dass er sich ihnen doch bitte zeigen möge in ihrer Not, aber er tat es nicht. Ich hab erlebt, dass Leben zerstört wurden wie durch Gottes Hand, und ich fand keine Antwort auf das Warum und Wieso.
Kann Gott so wütend sein, dass er sich selbst nicht mehr unter Kontrolle hat und wie mit einem Hammer dreinschlägt? Nein, in der Regel sind wir es selbst, die uns kaputtmachen. Aber Gott weiß, dass unser Leben sich manchmal so anfühlt, als käme das Schlimme von außen, als käme es von ihm. Dann ist er da und fegt mit uns die Scherben auf.

Wir wissen, wie es mit Jeremia weiterging. Niemand wollte dem jungen Propheten glauben. Man sperrte ihn weg, man versuchte sogar, ihn zu ermorden – das harte, unbequeme Wort Gottes wollte niemand hören. Aber die Katastrophe kam, so wie er sie vorausgesehen hatte: Der babylonische König Nebukadnezar ließ sich die judäischen Provokationen nicht mehr gefallen, Jerusalem wurde belagert, die Bevölkerung deportiert, der Tempel zerstört – das war ein Hammerschlag für Israel, da blieb kein Stein auf dem anderen. Und Israel deutete all dies als den gerechten Zorn Gottes. Im Predigttext geht es aber – das wissen wir aus der Nachschau – nicht um einen Gott, der blinden Gehorsam fordert und im Zorn dreinschlägt, sondern um einen, der fürsorglich weitblickend vor Gefahren warnte und aus Liebe zu seinem Volk dann auch scharf im Wort wurde. Etwas mehr Bescheidenheit und Demut angesichts des gefährlichen babylonischen Nachbarn wären politisch klüger gewesen.
Klüger wäre es auch für die Spieler gewesen, am Vorabend des Turniers auf den Trainer zu hören und brav zu Bett zu gehen. Klüger sind auch wir, wenn wir damit rechnen, dass Gottes Wort auch mal hammerhart sein kann, unbequem und fordernd. Der Klimawandel zum Beispiel müsste uns eigentlich wach machen und zur Umkehr bewegen. Wenn wir nicht aufhören mit diesem verschwenderischen Lebenswandel, gibt es bald kein Leben mehr, in dem unsere Kinder wandeln können.

Gehen wir doch noch einmal in unser Trainingslager zurück. Die Jungs sind noch kaum nüchtern, aber schon ordentlich zerknirscht. Sie haben einen Riesenfehler gemacht, es würde an ein Wunder grenzen, wenn sie das Spiel in diesem Zustand gewinnen könnten. Sie hätten es verdient, geschlossen nach Hause geschickt zu werden.
„Seid ihr wahnsinnig“, sagt der Trainer, und seine Stimme klingt gefährlich leise. „Seid ihr total durchgeknallt?“ Die Spieler ziehen die Köpfe ein, das heraufziehende Unwetter ist nicht von schlechten Eltern.
„Ab mit euch in den Bus“, sagt er schließlich mit zusammengebissenen Zähnen. Ein kurzes Gespräch mit dem Mannschaftsarzt, und dann gehen sie von einem zum anderen, verteilen Aspirin und viel Kaffee, geben Decken und Kissen aus, damit die Jungs auf der Fahrt noch ein bisschen schlafen können. Einzige Strafe: Jeder hat kalt zu duschen, bevor das Spiel beginnt, und der Trainer prüft mit unerbittlicher Grausamkeit die Gänsehaut auf den Armen.
Dann geht’s raus, alle geben ihr Bestes, und das ist gar nicht mal so schlecht.
„Tut mir das nicht wieder an“, sagt der Trainer am Ende, „tut euch das nicht wieder an. Hört in Zukunft auf mich, ich meine es gut mit euch.“
Amen.

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