Die Wahrheit braucht Menschen, die für sie eintreten

Die Wahrheit – und nichts als die Wahrheit, so lautet der Kernsatz vieler Eidesformeln überall auf der Welt. Keine Gemeinschaft und keine Gesellschaft kommt ohne Wahrheit aus, selbst wenn Psychologen berichten, dass der gewöhnliche Mensch angeblich viele Male am Tag nicht die Wahrheit sagt. Das Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten, im Volksmund: Du sollst nicht lügen, befasst sich mit der Stimmigkeit menschlicher Kommunikation, denn wenn diese durch Unwahrheit unterlaufen wird, werden Vertrauen und Beziehungen unter Menschen gleichermaßen zerstört.

Das Thema Wahrheit und Lüge führt uns heute in eine Zeit vor 2600 Jahren, in das Königreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem, in der damals die Könige des Südreiches regierten, die der Prophet Jeremia kritisch begleitete. Das Nordreich Israel war bereits im Jahre 722 v. Christus, also über 100 Jahre vor Jeremia im Machtkampf der Großmächte untergegangen. Doch nun geht auch das Südreich mit Riesenschritten dem Untergang entgegen. Im Jahre 597 v. Christus wird Jerusalem durch den babylonischen König Nebukadnezar eingenommen, zerstört und seine Bewohner werden in das babylonische Reich deportiert, um die Identität des Volkes auszulöschen. Jeremia tritt unmittelbar vor diesem furchtbaren Ereignis in Jerusalem auf und mischt sich mit lautstarken Worten in die Politik der schnell wechselnden Könige ein. Jeremia ist im Grund gegen seinen Willen als junger Mann von Gott zum Propheten berufen worden, damit er dem Volke Israel das Gericht verkünde: Jeremia wird deshalb auch als Unheilsprophet bezeichnet. „Siehe, ich setze dich heute über Könige und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen“ so erfahren wir aus der Berufungsgeschichte dieses Propheten. Und weiter: „Ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer machen im ganzen Lande wider die Könige Judas, wider seine Großen, wider seine Priester, wider das Volk des Landes.“

Jeremias Botschaft lautete Gericht, dazu musste er fest stehen können wie eine Säule und wie eine Mauer. Denn es war klar, dass niemand diese Botschaft gerne hören würde, auch nicht die anderen Propheten, die den Königen nach dem Mund redeten. Auch ihnen bringt Jeremia das Gerichtswort Gottes. Hören Sie den umfangreichen Text aus Jeremia Kapitel 23,16-29:

[TEXT]

Jeremia, liebe Gemeinde, zieht in dieser bedrohlichen Situation seines Volkes eine eindeutige Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, trotz aller möglichen Gegenargumente. Die Argumente dagegen sind damals und heute gleich: „Die Wahrheit enthält immer auch Lüge“, so schon Goethe; jeder hat seine Wahrheit, sagen andere, also: Wahrheit unterliegt der Perspektive, was sicher richtig ist, doch wird die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge dadurch aufgehoben? Und dann die vielen verschiedenen Wahrheitstheorien, ich nenne nur einige: die Konsenstheorie – Wahrheit ist das, worauf sich die Gemeinschaft einigt; die Kohärenztheorie – Wahrheit ist die Stimmigkeit innerhalb eines Systems; die Korrespondenztheorie – Wahrheit ist die Übereinstimmung mit Tatsachen. Wahrheit: Was ist das überhaupt? Richtete nicht bereits Pilatus an Jesus die skeptische Frage: Was ist Wahrheit? Jeremia traut sich, sagt die Wahrheit, wie er sie von Gott erkennt und zieht eine Grenze. „Nur Kinder und Narren sagen die Wahrheit“ erfahren wir aus dem Sprichwort. Jeremia macht sich aus Sorge um sein Volk schier zum Narren. Er will nicht, dass sein Volk wie viele andere Völker damals und auch heute durch die sich immer tiefer einfressende Unwahrheit von innen zerstört werden und zerfallen. Er wagt es deshalb Klartext zu reden und die Wahrheit beim Namen zu nennen, obwohl sie schmerzt.

„Kinder und Narren sagen die Wahrheit“. Der dänische Autor Hans Christian Andersen erzählt in seinem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ dass der König und die ganze Gesellschaft es nicht wagen die Wahrheit zu sagen, bis ein Kind kommt und ausspricht, was niemand sonst sich traut.

Müssen nicht auch wir in unserer Zeit die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge immer neu ziehen? Brauchen eine Gesellschaft und eine Kirche nicht trotz aller notwendigen Kompromisse sowie political correctness immer neu die Abwendung von der Falschheit, der Unwahrheit und die Hinwendung zum Wahren, Richtigen und Echten? Stellen wir uns nur einmal vor, in Gerichtsverfahren in unserm Land würde nicht die Wahrheit gefragt sein, sondern die Lüge sich durchsetzen! Stellen wir uns vor, unsere verantwortlichen Politiker würden das Volk bewusst und ständig belügen! Stellen wir uns vor, in den Kirchen würde anstatt die Wahrheit, die Lüge das Sagen haben! Im Kleinen wie im Großen sind wir alle, ist unser aller Leben auf Wahrheit angewiesen. Deshalb fand ich es sehr richtig, dass Anke Engelken beim Song Contest in Aserbaidschan die Probleme des Landes öffentlich angesprochen hat. Es gibt Zeiten, in denen die Wahrheit ausgesprochen werden muss, selbst wenn das zu Problemen führt.

Jeremia spricht Klartext, liebe Gemeinde, und zwar auf außergewöhnliche Art und Weise. Er versieht seine anstößige Wahrheit nämlich mit einem letzten Ernst, es ist Gott selbst, so sieht er es, der durch ihn spricht, der die Grenze zieht und die anderen Propheten auf die Seite der Unwahrheit stellt. Jeremia äußert hier also weder eine Meinung noch macht er eine sachliche Aussage, die wahr sein könnte, sondern er beruft sich direkt auf Gott, er geht weiter als das der Fall ist, wenn ein Mensch einen Eid ablegt: Gott spricht durch ihn in der 1. Person! Stellen wir uns nur einmal vor, heute, in unserer Zeit, würde ein Pfarrer, ein Bischof oder gar der Papst so im Namen Gottes sprechen. Nein, in unserer Zeit sind es religiös Extreme, die auch Fanatiker genannt werden, weil sie sich direkt auf ihren Gott berufen. Der Begriff Fanatiker stammt von dem lat. fas oder fes und steht für religiöse Handlungen, das fanum war der heilige Ort, speziell der Tempel. Als fanaticus wurde deshalb derjenige bezeichnet, der am heiligen Ort rasend wurde, also in Verzückung geriet, außer sich wurde. Zu Fanatikern wurden deshalb solche Menschen erklärt, die wie besessen und unbelehrbar bestimmten Ideen nachjagten und versuchten, diese umzusetzen. Fast könnte man sagen, ein Fanatiker hat sie nicht mehr alle, er ist wie in einer Wahnwelt gefangen.

Jeremia, liebe Gemeinde, geht das Risiko ein, die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge mit der Berufung auf Gott zu ziehen und dabei in Kauf zu nehmen, dass man ihn für verrückt erklärt, verspottet und ihn Repressalien aussetzt. In Kapt. 20 bemerkt er: „Ich bin zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich… ich höre, wie viele heimlich reden: Schrecken ist um und um.“ Weil Jeremia Gottes Gericht also Schrecken verkündet, geben Sie jetzt auch ihm selbst diesen Namen: „Schrecken ist um und um“, so wird er genannt. An anderen Orten berichtet er, dass seine Verwandten und die Tempelpolizei ihm nachstellen, schließlich und endlich wird er in einen Brunnen geworfen und darin gefangen gehalten. Und dabei ist er doch selber zutiefst traurig darüber, dass er den Menschen die Gerichtsbotschaft Gottes verkünden muss, ja er leidet so, dass er einmal sogar den Tag seiner Geburt verflucht und nicht mehr leben will. Die Wahrheit, der er sich ausgesetzt weiß, bringt ihn an den Rand des Ruins, sie kostet sein Leben, er ist wie lebendig tot und doch gibt er nicht auf, sie auszusprechen, bringt immer neu den Mut auf, das Böse schlecht und das Gute gut zu nennen. Einen Orden haben ihm seine Mitmenschen dafür nicht umgehängt, wie ein Dorn im Auge war Jeremia für sie.

Ein chinesisches Sprichwort lautet: Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd! Auch das, liebe Gemeinde, ist eine Wahrheit, eine bittere Wahrheit, dass wir Menschen oft lieber mit der Unwahrheit oder mit Halbwahrheiten leben als mit der Wahrheit, weil die Wahrheit uns auf diese oder jene Weise zu viel kostet, zu viel Geld, zu viel Veränderung, die nötig wäre, zu viel irgendetwas – denn die Wahrheit lässt uns nicht wie wir sind.

Als die Babylonier unter ihrem König Nebukadnezar einige Jahre später Jerusalem eroberten, zerstörten und tausende Menschen in die Gefangenschaft führten, wurden die Worte Jeremias auf tragische Weise wahr. In jener 70jährigen Gefangenschaft, die auch Exil genannt wird, verlor das Volk Israel alle äußeren Sicherheiten, so dass sich die Menschen in ihren Herzen neu auf Gott und seine Wahrheit besinnen konnten. Israel lernte, dass es im Leben letztlich nicht auf das äußere Wohlergehen ankommt, sondern auf die innere Wahrheit, dass das Herz Gott und seiner Wahrheit zugeneigt ist. Der Prophet Jeremia hat auf seine Weise zu dieser Kehrtwende beigetragen. Im 31. Kapitel seines Buches sagt er, dass Gott wird sein Gesetz in die Herzen der Menschen schreiben und ihre Unwahrheit von ihnen nehmen wird.

Wir können fragen, ob denn wenigstens Jeremia selbst ein gutes Ende erlebt hat, ob Gott diesen treuen Propheten in den Wirren der Zeit bewahrt hat. Die Antwort lautet Nein: Jeremia musste zunächst nicht mit in die Gefangenschaft gehen, sondern konnte in Israel bleiben. Doch dann erhoben sich einige Juden gegen den babylonischen König und flüchteten anschließend aus Angst nach Ägypten, wobei sie Jeremia mitnahmen. Selbst in Ägypten soll Jeremia zunächst noch den Götzendienst angeprangert haben, doch dann verliert sich seine Spur. Er verschwindet im Niemandsland der Geschichte.

Doch das prophetische Buch mit seinen eindeutigen Worten bleibt für alle Zeit ein wichtiger Anstoß den Glauben echt und wahrhaftig zu leben, auch heute, und die Grenze zwischen Wahrheit und allem anderen immer neu zu suchen und zu ziehen. Denn die Wahrheit braucht Menschen, die für sie eintreten.

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