Besser sehen, mit dem Herzen

Liebe Gemeinde, hören wir den heutigen Predigttext bei Jeremia.

Liebe Gemeinde,
beim Aufräumen fiel mir ein Buch in die Hand: „Der kleine Prinz“, geschrieben vom französischen Schriftsteller Antoine de Saint-Exupery. Es erinnerte mich wieder, von ihm stammt das Zitat: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Den ersten Halbsatz daraus: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“, habe ich oft auf Karten geschrieben. Als Trostspruch verwandt und sogar in Poesiealben geschrieben.

Gelegentlich ging mir durch den Kopf, dass dieser Spruch sehr gut in der Bibel stehen könnte. Und ich glaube, viele Menschen würden ihn dort auch vermuten. Wenn ich ihn nutzte hatte ich stets das Gefühl, etwas Richtiges damit zu sagen. Etwas voll Wärme, Gefühl und Herzlichkeit.

Und plötzlich, ganz unvermittelt durch die Predigt, trifft mich Jeremias Wut. Ohne viel Federlesens wettert er gegen die Propheten, die aus ihrem Herzen heraus reden.

„Sie betrügen euch“, lesen wir bei ihm, „denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen.“ „Wann werden sie aufhören, ihres Herzens Trug zu weissagen“, fragt er grimmig.

In diesem Zusammenhang fällt mir der Satz von Martin Luther King ein: "I have a dream." (engl.: Ich habe einen Traum.) Muss ich mich jetzt von diesen schönen Sätzen verabschieden?

Aber halt, bevor ich dies mache schauen wir lieber noch mal in Jeremias Anklageschrift. Vielleicht wird uns deutlich, worum es ihm geht. Sein Tenor ist: „Ich klage euch an, dass ihr euch nur an den Wünschen eures Herzens orientiert.

Ich klage euch an, weil ihr es euch zu einfach macht.“ „Easy (engl.: leicht, einfach).“ Easy ist heute vieles, weil neudeutsch, das Englische so beliebt ist. „Easy“ gibt es einen Kredit, weil das Warten auf Wunscherfüllung für viele ein unerträglicher Gräuel ist.

„Easy“ müssen Lebensweisheiten sein, weil die Geduld des heutigen Menschen sehr kurz bemessen ist und jederzeit schnelle Erfolge gewünscht werden. Wehe, es wird schwierig, differenziert und auch noch langwierig. Dann wird schnell zu dubiosen Hilfen gewechselt. Ausdauer und Beharrlichkeit sind damals wir heute unbeliebt weil arbeitsintensiv und anstrengend.

Jeremia klagt weiter: „Warum denkt ihr so einfach über das Leben? Ich klage euch an, weil ihr euch so viel vorgaukeln lasst. Steine hängt ihr euch um den Hals; ihr tragt Armbänder, Ringe und Kränze und glaubt den seichten Worten der falschen Propheten. Diese sagen: „Nun bist du beschützt! Jetzt kann dir nichts mehr geschehen“. Ihr raunt euch Worte zu und doch schwatzt ihr nur aus den Sehnsüchten eures Herzens.

Glaubt ihr wirklich, Gott in einem Stein fangen zu können? Glaubt ihr wirklich, Gott wolle als Amulett an eurem Halse baumeln? Glaubt ihr wirklich, durch das Sehnen eures Herzens nach schnellem Erfolg GOTT zu finden?

Warum denkt ihr so einfach über Gott? Ich klage euch an, dass ihr ohne Liebe leben wollt. Aus der Wut eurer Herzen seid ihr allzu schnell bereit, Menschen ohne Arbeit zu verachten. Aus der Wut eurer Herzen gedeihen finstere Gedanken für eine Welt, in der Hass und Neid wieder regieren dürfen. Merkt ihr nicht, wie gefährlich eure Sehnsucht ist, das Leben möge einfach sein? Warum denkt ihr so lieblos?“

Halt ein, lieber Prophet Jeremia! So viel Zorn am frühen Sonntagmorgen ist kaum zu ertragen. Gewiss, die Anklagen sind unschön, wohl aber berechtigt. Lassen sie uns ihnen gegenüber treten.

Vorhin haben wir das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus gehört. Dieses Gleichnis hat mit der Anklageschrift des Jeremia etwas gemeinsam. Beide biblischen Texte stellen ein Warnschild auf. Darauf steht: „Denke nicht falsch über Gott.“

Über mehrere Jahrhunderte hinweg haben die Menschen der Alten Kirche um das richtige Verstehen von Gottes Tun gerungen. Diese Verständnisfragen sind uns fremd geworden. Ein wirklicher Lebensbezug in den Fragen nach Gott ist kaum noch erkennbar. Die Grundstimmung ist, soll doch jeder über Gott denken wie er will. Und weil wir so einfach über Gott denken, ist er uns entglitten und zu einer lebensfernen Chiffre geworden.

Ansatzweise spüren wir allerdings, wie gut unser Leben, auch unser Gemeinsames, werden könnte wenn wir es vor Gott verantworten würden. Um Gott erfassen zu können, müssen wir über unsere Beziehungen zu Ihm und den Mitmenschen nachdenken. In der frühen Zeit des Christentums war man sich dessen gewiss, Gott muss im Zusammenhang mit dem Leben und dem Zusammenleben erfasst werden.

Die Bibel bringt das, wie ich meine, in zwei einfachen Sätzen auf den Punkt: „Gott ist Liebe.“ Und: „Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder, seinen Nächsten lieben.“ Solche Sätze klingen sehr romantisch und wir sehen förmlich die Rosen an ihnen empor ranken. Wir sind geneigt, das Poesiealbum, sprich, die Bibel zu schließen.

Andererseits klagen wir über die Kälte dieser Welt, klagen über den Egoismus des Einzelnen, klagen über das Geld als gottgleiche Macht, klagen über Gleichgültigkeit, klagen über Gewalt und Krieg.

Trotz allem, Gott ist die Liebe. Jesus demonstriert uns wie hart derjenige leiden muss, der in der Wahrheit der Liebe Gottes lebt. Er demonstriert uns, wie viel Kraft und Geduld in einem ruhen muss, um diese Wahrheit immer wieder zu bezeugen. Er zeigt uns, wie lebenspendend es ist, Liebe, die Liebe Gottes im Leben zu erfahren, zu leben und zu verkünden.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Dieser Satz steht in der Geschichte vom Kleinen Prinzen im Zusammenhang mit der Frage wie man Gräben der Fremdheit überwinden kann.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Ja, dieser Satz hat seine Berechtigung. Er ist mit Fug und Recht auch als ein Satz unseres Glaubens anzuerkennen, obwohl er in einem anderen Buch als der Bibel steht. Er ist ein gültiger Satz, wenn wir GOTT als Quelle der Güte annehmen.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Lassen Sie Ihr Herz von Gottes Wort erfasst, geformt, bereitet und für das Leben gestärkt werden. Und plötzlich sind es nicht mehr Ihre und meine Wünsche, die uns leiten. Nun sind es die Hoffnungen auf GOTT, seine Kraft, seine Liebe und sein Wort.

Und der Liebe GOTTES, die höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn in Liebe und Zuneigung zu unserem Nächsten, in Ewigkeit.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Dekan Jürgen Zinck in Kulmbach.)

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