Goldene Konfirmation: Unsere Vielfalt spiegelt göttliche Vielfalt wider

Drei Ärzte – vier Meinungen. Oder zehn Theolog_nnen – elf Meinungen. Anderswo ist es ähnlich. Das ist manchmal beschwerlich, wenn wir nach einer klaren Antwort suchen. Kein Wunder, daß manche sich wünschen, daß endlich mal Schluß sei mit dem Wirrwarr. Eine klare Meinung muß her, ein Führer, und es soll endlich mal gesagt werden, was richtig ist und was falsch.
Doch im Leben läuft es nicht so. Es gibt nicht nur eine Ursache und eine Wirkung, sondern oftmals ein Bündel von Ursachen und eine Fülle von Auswirkungen. Wir leben in einer vernetzten Welt und merken immer mehr, wie alles voneinander abhängt und vieles sich bedingt.
Früher haben Sie in der Schule gelernt: von der Ursache zur Wirkung – und umngekehrt läßt es sich dann gut zurückschließen. Sie haben einen Lösungsweg gelernt und mußten die eine richtige Lösung finden.
Wir haben emerkt, daß die Welt komplexer ist.
Schüler_nnen heute wissen, daß es nicht nur einen Weg gibt. Wer am Computer sitzt, weiß: Du kannst es so oder so machen. Ein Wort markieren und löschen geht über Doppelklick und die entsprechende Schaltfläche. Oder über Bearbeiten und das Kontextmenü, das sich dann öffnet. Oder über die Steuerungstasten. Wenn du es nicht hinbekommst, kannst du es auch anders versuchen.
Die bunte Fülle von Möglichkeiten, sie spiegelt sich auch in uns ab, die wir heute in der Kirche sitzen. Da ist die Gemeinde, die jeden Sonntag zusammenkommt, und die ehemaligen KonfirmandInnen. Solche, die es in alle Winde verschlagen hat, sitzen neben anderen, die ihr ganzes Leben in der Gegend geblieben sind. Da sind die, die dicht dran an Gemeinde geblieben sind, und andere, die mit Kirche wenig Berührungspunkte hatten. Wie bunt und vielfältig das Leben ist, davon erzählen auch unsere unterschiedlichen Lebenswege.
Was im Kleinen angelegt war, zeigt sich heute. Manches war schon in der Schule zu erahnen, anderes hat sich später herausgebildet. Sie haben sich im Laufd der Jahre profiliert und differenziert.
Auch in der Kirche: es gibt nicht einen Glauben, sondern Glauben an Gott spiegelt sich in vielen Facetten, und jede ist ein bißchen anders.
Das feiern wir zu Trinitatis. Dreieinigkeit, früher Dreifaltigkeit.
Gott erscheint schöpfend, kreativ, erweckt zum Leben. Gott kommt zu uns in Jesus, schaut uns mit menschlichem Antlitz an. Gott wirkt als heilige Geistkraft, die die Menschen ergreift, verbindet, frischen Wind bringt, Wahrheit und Frieden. Gott begegnet uns in Vielfalt.
Trinität, das heißt für die meisten Gott Schöpfer, Jesus Christus, Gottes Geist. Die Bibel erzählt, wie unterschiedlich Menschen Gott erlebt haben, am brennenden Dornbusch, im Traum mit der Himmelsleiter, Jacob, der mit einer dunklen Gestalt am Fluß ringt. Gott erscheint in Feuerschein und Wolke, auf Flügeln der Morgenröte, in Nacht und Licht, als Schutz und Schirm. Gott spricht durch Frauen und Männer, die den Machthabern ins Gewissen reden, uind singt im Lied der Maria, die von einer anderen Welt träumt.
Gott erleben wir auf vielfältige Weise. Das feiern wir zu Trinitatis. Die Vielfalt Gottes spiegelt sich in der Vielfalt des Lebens auf der Erde, in der
Vielfalt unserer Biografien wider.
In Diktaturen ist so etwas nicht wohlgelitten. Ein autoritäres System kennt nur einen einzigen Weg, es unterscheidet streng zwischen Freund und Feind, und erhebt Anspruch auf die Wahrheit. Grautöne, Buntheit oder gar Chaos verunsichert. Das unterwandert sämtliche Ideologien und entzieht ihnen die Alleingültigkeit.
Vielfalt ist keine Bedrohung, sondern Chance. Gemischte Teams erzielen an der Börse bessere Ergebnisse. Große Unternehmen haben inzwischen alle ein Diversity-Management. Zunächst ging es darum, Diskriminierung zu verhindern, etwa wegen Geschlecht, Sprache, Ethnie, Alter, Behinderung, sexueller Orientierung und Identität, wegen Behinderung oder Religion. Inzwischen aber und mehr noch ist das Ziel, die vielen Facetten in den Belegschaften zu nutzen, sie fruchtbar zu machen und zu fördern. Unternehmen führen ein Diversity-Management ein – nicht weil eine Behörde sie dazu zwingen würde, sondern weil es der Wirtschaftlichkeit dient. Wenn unterschiedliche Begabungen, unterschiedliche Sichtweisen zusammenkommen, tut das dem Ergebnis gut.
Zu Trinitatis merken wir: Vielfalt ist in Gott selbst angelegt. Gott ist nicht einsam oder unveränderlich. Sondern Gott ist Viele, könnten wir sagen. Von drei Personen spricht die Theologie. Gott ist eine „gesellige Gottheit“, so hat der Schweizer Dichterpfarrer Kurt Marti ein Buch betitelt. Gott ist schon in sich selbst im Gespräch und bewegt sich. Die gesellige Gottheit geht aus sich heraus, sucht die Geselligkeit mit uns, lebt in der Begegnung und dem Austausch mit den Geschöpfen, mit der Kreatur.
Begegnung ermöglicht Veränderung und Austausch. Wenn wir uns begegnen, erfahren wir etwas Neues. Wir kommen auf andere Gedanken und verändern uns auch ein winziges bißchen. So wandeln wir uns, wandelt sich die Welt.
Der Tag heute ist ein Fest. Wir sind dankbar darüber, was wir im Laufe der Jahre erlebt und für Erfahrungen gemacht haben. Darin spiegelt sich etwas von göttlicher Fülle wider. Wenn wir uns begegnen, mögen wir Gott erfahren.

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