Deutungshoheit

Liebe Gemeinde!

Erinnern Sie sich noch an die beiden letzten Landtagswahlen? Am Ende so eines Wahlabends gibt es dann immer ein festes Ritual, nämlich die Berliner Runde im Fernsehen. Dort wird dann der Ausgang der Wahl gedeutet – und sechs verschiedene Köpfe haben meist sechs verschieden Ansichten, wer denn nun der eigentliche Gewinner und Verlierer der Wahl ist. »Deutungshoheit« nennen das die Soziologen – und so findet man die Sarrazins und die Piraten, die Euroskeptiker und die Atomkraftbefürworter in den vielen Talkshows im Fernsehen und sie erklären uns die Welt, wie es ihnen gefällt! – »Deutungshoheit«!

Heute an Pfingsten spricht der Apostel Paulus auch über Deutungshoheit. Aber ihm geht es nicht um Politik oder Energiewende, sondern um etwas noch Wichtigeres – nämlich um unser Leben, um meine und deine Lebenszeit, um Lebensqualität, um Maßstäbe für gelingendes Leben.

Paulus weist darauf hin, dass wir nur mit dem Geist aus Gott erkennen können, was uns von Gott geschenkt ist. – »Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.« wird der Dichter Antoine de Saint-Exupéry Jahrhunderte nach Paulus schreiben. Und Paulus würde ergänzen: Mit dem Herzen, das vom Geist Gottes erfüllt ist: »Mit Worten, die der Geist lehrt, deuten wir geistliche Dinge für geistliche Menschen!«

Doch da ist der Geist der Welt. Er maßt sich an, Leben zu bewerten und zu beurteilen.

Aber wie will man Glück messen? In Euro, in Quadratmeter, in PS?

Wie misst man Lebenswege? – mit der Wasserwaage und dem Richtscheit? Und was dann, wenn etwas „schiefgeht“?

Wie bemisst man Lebenszeit? Sind Jahre und Stunden ein Maß für erfülltes Leben?

Der Geist der Welt bietet uns seine Maßstäbe an: Ein Leben muss lang sein, gesund und erfolgreich. Toller Beruf, gutes Einkommen. Ein schönes Haus, ein flottes Auto, und natürlich Schönheit und Fitness – so, sagt uns der Geist der Welt, nur so werden wir glücklich. Spaß soll es machen, das Leben, alles andere erscheint als nicht lebenswert. „Besser, wenn es dann gar nicht geboren würde!“ – Das ist die gängige Denkweise der Welt – doch das ist Unsinn, sagt Paulus! Denn wer so denkt, der beschneidet das Leben. Der klammert einen Teil der Existenz einfach aus, obwohl dieser genauso zum Leben dazugehört, nämlich das Scheitern, das Leiden, die Krise.

Eine Welt, die nur 100%ige Perfektion, makellose Schönheit und erfolgreiche Lebensläufe als „wahres Leben“ sieht, ist keine glückliche Welt, sondern sie ist kalt und unbarmherzig – und sie weiß nicht mit Leiden und Scheitern umzugehen.

Der Geist der Welt bleibt an Oberflächlichkeiten kleben und ist blind für die Dinge, die dahinter liegen, blind für den Geist Gottes, der manchmal so überraschend trägt und Leben zur Entfaltung bringt trotz mancher Einschränkungen und Krise.

Ich fand dazu eine kleine Anekdote von Lothar Zenetti:
Ich traf einen jungen Mann, kerngesund, modisch gekleidet, Sportwagen, und fragte beiläufig, wie er sich fühle: „Was´ne Frage“, sagte er: „- alles Mist!“ Ich fragte, ein wenig verlegen, eine schwerbehinderte ältere Frau in ihrem Rollstuhl, wie es ihr gehe: „Gut“, sagte sie, „es geht mir gut….“ Da sieht man wieder, dachte ich bei mir, immer hat man mit den falschen Leuten Mitleid …“

Der scheinbare Gewinnertyp im Sportwagen äußert das Lebensgefühl vieler, die nach den Maßstäben der Welt alles zu haben scheinen: Es fehlt trotzdem immer noch etwas! Und auf diese Defizite blickt er erstarrt und frustriert. Eben: „Alles Mist!“

Anders die alte Frau. Kein Sportwagen ist da, sondern ein Rollstuhl. „Gut!“, sagt sie, „Es geht mir gut.“ Sie achtet nicht so sehr auf das, was ihr fehlt (Gesundheit und Traumkörper), sondern auf das, was da ist: das Leben! Sie erkennt, wie reich beschenkt sie ist. »Durch den Geist Gottes können wir erkennen, was uns von Gott geschenkt ist!«, schriebt Paulus.

Das macht das Lebensgefühl dieser Frau aus. Ihr Blick auf das Leben ist dankbar. Trotz aller Behinderungen. Ein Leben, in dem sie Platz hat, ihren Platz. Ein Leben, das sie lebt, ihr Leben! Überraschend, wie viel Lebensfreude sie ausstrahlt.

Eine Pfarrerskollegin schrieb einmal über eine Erlebnis auf einer Konfirmandenfreizeit [Ich danke Pastorin Dr. Martina Janßen für die Anregungen im Heidelberger Predigtforum http://www.predigtforum.de/predigten/geist-der-welt-und-heiliger-geist/#predigt. Ich habe die Passage leicht überarbeitet]:

»Die Konfirmanden sitzen im Kreis auf dem Boden, es ist dunkel. Am letzten Abend unserer Freizeit feiern wir Gottesdienst. Leise Gitarrenklänge sind zu hören, langsam kommen alle zur Ruhe. Unser Diakon stimmt das erste Lied an. Alle schlagen ihre Liederbücher auf – bis auf Sven. Sven ist anders. Er ist weder schlau noch besonders attraktiv. Trisomie 21 – eben ein Downi.

Er geht auf eine andere Schule als die anderen und kann nur schwer lesen. Sven hat kaum Freunde. Oft versteht er nicht, was um ihn herum passiert. So wie jetzt. Er blättert in seinem Liederbuch, hebt den Kopf, schaut hin und her, senkt den Kopf wieder und blättert weiter – suchend und ratlos – während die anderen leise vor sich hinsingen oder stumm die Lippen bewegen. Lautes Singen wäre ja peinlich.

Plötzlich steht einer auf, geht langsam zu Sven, setzt sich neben ihn, schlägt ihm die richtige Seite auf und hält seinen Finger auf das Lied, das wir gerade singen. Sven legt seinen Finger daneben und lacht. Den Text kann er zwar immer noch nicht lesen, doch er fängt an, die Melodie zu summen, erst leise, dann immer lauter. Laut summen ist Sven nicht peinlich, denn Sven ist nie etwas peinlich.

Sven summt laut, und plötzlich beginnen alle lauter zu singen. Erst sind es nur wenige, erst klingt das Singen zaghaft und tastend, doch dann machen alle mit. Wir alle singen laut, aus ganzem Herzen, mit Leib und Seele und lachenden Augen, geist- befeit. Nach der letzten Strophe gibt es einen Spontanapplaus. Sven lacht und alle lachen mit. Ich bin mir sicher, dieser Moment gräbt sich ins Gedächtnis ein, hinterlässt Spuren und nährt die Sehnsucht, dass ein anderes Leben möglich ist« – ein Leben das die Freiheit, die Breite, die Tiefe und die Fülle des Geistes Gottes atmet.

Liebe Gemeinde!
Es geht hier nicht um Klischees: man kann wirklich auch im Porsche glücklich sein! – aber eben auch im Rollstuhl oder mit Downsyndrom. Und man kann natürlich auch im Rollstuhl weinen oder als Downi sich einsam fühlen – aber eben genauso im Porsche!
"Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.", mahnt Paulus.

– Das ist die Botschaft von Pfingsten: Es ist ein mächtiges Zeichen gegen den manchmal doch sehr beschränkten »gesunden Menschenverstand« – dem Geist der Welt.
Pfingsten ist ein deutliches Wort gegen die Angst, dass Gott unsere Not übersehen könnte. – Ganz im Gegenteil: Er ist mitten drin in der Bedrohung, gibt seine Kraft, seinen Trost, seine Liebe, seinen Geist – seine Gelassenheit, seine Hoffnung und einen Blick für ein Leben, in dem ich meinen Platz finde – mit meinen Begabungen und Sträken – aber auch mit meinem Scheitern und meiner Not.

Menschen, die in solche Krisenzeitenden gelernt haben, mit dem Geist Gottes die Welt zu deuten – mit dem Herzen zu sehen, sprechen hinterher oft von einer tiefen Gewissheit, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, sie scheiden kann von der Liebe Gottes in Jesus Christus! Denn es gibt keinen Ort, keine Situation, keinen Moment, in dem Gott nicht bei mir ist und mich trägt und hält – im Leben und im Sterben und darüber hinaus!

Wie befreiend ist dieser pfingstliche Geist: Wir wissen von den Bedrohungen dieser Welt, aber wir wissen auch von der Hoffnung auf ein Leben, wo der Geist Gottes die Deutehoheit hat, en Leben, in dem ich meinen Platz finden darf. Ein Leben, in dem mich Gott trägt und hält, auch wenn ich schwach bin, wenn ich scheitere, wenn ich schuldig werde, wenn ich um jemanden trauer, ja sogar wenn ich sterbe – und darüber hinaus!

Und so wünsche ich Ihnen und uns allen frohe und gesegnete Pfingsten!

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