Über Gott und die Welt

Sie redeten den ganzen Abend über Gott und die Welt…
Angeregt, lebhaft, mit Lachen und mit Ernst und durchaus mit einigem Unterhaltungswert.
„Schön, dass wir mal wieder Zeit füreinander hatten und, dass ich wieder einmal mit jemandem über so vieles reden konnte…
Das waren die Worte zum Abschied!
Ja, es wurde die ganze Zeit über Gott und die Welt geredet. Ein Thema ergab im Laufe des Abends das nächste.
Es war kurzweilig, es war durchaus auch ernsthaft, nicht nur oberflächlich.
Über Gott und die Welt reden, das heißt auch, die ganze Welt einmal ins Gebet zu nehmen und in die große Weltanalyse, wie sie uns medial auch jeden Abend nach 23.00 Uhr via Fernsehen angeboten wird, einzustimmen, eben nur aus ganz persönlicher Perspektive.
Ach, wir haben über Gott und die Welt geredet…
Trotz allem weckt dieses Fazit zwiespältige Gefühle in mir.
Es ist gut, nicht immer nur bei sich zu bleiben, die eigenen Gefühle und Probleme zu betrachten und zu beleuchten, zu pflegen und zu kultivieren. Es gab und gibt eine Welt und ein Leben da draußen – unabhängig von meiner Befindlichkeit
Aber heißt über Gott und die Welt reden, nicht auch unverbindlich, zwanglos und vor allem folgenlos über alles und damit über nichts zu reden?
Mal ist das sehr schön – auf Dauer ist das unbefriedigend.
Ernsthaft und klar einander Meinungen austauschen in Angelegenheiten, die uns wirklich angehen, in der Hoffnung, dass sich etwas verändert, macht meines Erachtens mehr als nur manches Mal Sinn.
Oder liegt es am Thema „Gott und die Welt“, dass dies gerade nicht geschieht?
Es sind sich alle schnell einig darin, dass die Welt schlecht ist und immer schlechter wird.
Und das Wetter…
Und die Politik…
Und dann Gott: Die Religion ist auch ein dankbares Thema.
Wie hältst du es denn mit ihr? Wir sind ja tolerant und aufgeschlossen – soll doch jeder glauben woran er mag.
Ich muss in einer großen Gesprächsrunde mit Menschen unterschiedlichster Profession und Lebensgeschichte nur meinen für Manche schon etwas exotisch anmutenden Beruf bekannt machen und schon bin ich in die lebhaftesten Gespräche über die Welt, aber noch mehr über Gott eingebunden. Ein Pfarrer, ein Theologe – leibhaftig unter uns… Was ich schon immer einmal sagen oder fragen wollte!
Ich gebe ja gerne zu, dass ich mich in solchen Runden dann auch durchaus wohl fühle: über Gott und die Welt mit Menschen zur reden, ist ja meine Aufgabe und meine Leidenschaft. Deswegen bin ich ja im besten Sinne des Wortes Theologe geworden, aber ich bin dies lieber als einer der von Gott spricht als einer, der lediglich über ihn wie über einen Abwesenden und also gerade deshalb redet. Geht es doch nicht ums Wetter, so wichtig diese Frage gerade Pfingsten wegen der geplanten kurzen Urlaubstage oder Frühlingsausflüge auch ist, geht es doch auch nicht um die Frage, wie viele Feiertage unsere Volkswirtschaft verträgt, um wettbewerbsfähig zu bleiben, sondern darum, ob wir noch spüren und ahnen, dass ich nicht von Gott reden kann, ohne, dass dies etwas mit mir zu tun hat.
Ich kann über Gott überhaupt nicht reden wie über einen Gegenstand, den ich betrachten und dann unberührt weiterziehen kann. Wir sind ja hier eben nicht im Museum oder in einer Galerie, sondern mitten im Leben und zwar mit seinen Beziehungen, Herausforderungen und Begrenztheiten. Und das hat immer und überall etwas mit mir zu tun! Gott hat unbedingt etwas mit mir zu tun, egal wie sehr Menschen, wie sehr ich ihn im Alltag ignoriere und so lebe als gäbe es ihn nicht…
Natürlich kann ich dabei nicht meinen Verstand, meine Vernunft an der Garderobe ablegen. Ganz im Gegenteil, unsere Rede von Gott muss verantwortlich und vernünftig sein und da müssen wir uns auch Fragen gefallen lassen und für unseren Glauben letztlich einstehen.
Natürlich versuchen Menschen Gott auch mit Mitteln der Vernunft zu fassen oder gar zu widerlegen.
Das Mittelalter und auch noch die anbrechende Neuzeit kannten Gottesbeweise. So argumentierte man:
Gott ist das höchste Sein, dem sich alles, was ist, verdankt. Denn von Nichts kommt auch nichts.
Gott ist das höchte Gut, dem alle Moralvorstellungen sich verdanken und ohne den es keine Orientierung an gut oder böse gäbe. Wer sollte mir das denn sonst sagen, wenn nicht ein absolutes moralisches Gut und Bewusstsein?
Und doch enden wir damit in einer Sackgasse, kommen ab einem Punkt nicht mehr weiter, bleiben bei der Feststellung: spätestens hier beginnt der Glaube und endet das Wissen.
Ich kann dir Gott nicht beweisen. Ich kann deinen Widerspruch vielleicht hinterfragen, dein Lebensgefüge ins Wanken bringen, das doch spätestens bei den letzten Fragen nach Leben und Tod wieder zu dem Punkt ankommt, dass es – ich sage hier deutlich: heute und jetzt – Zeit ist, wahrhaft über Gott und die Welt zu reden, nämlich wie sie wahrhaft und wirklich sind: und da geht Gott nicht ohne die Welt und die Welt nicht ohne Gott!
Damit sind wir nun wirklich und endlich bei Pfingsten angekommen.
Wenn dieses Fest einen bleibenden Sinn hat, dann den, dass es uns von Gott reden lässt, vor allem darüber, wie es sich von Gott reden lässt.
Paulus ist da in der Sprache seiner Zeit hochaktuell:
Natürlich, so betont er, kann ich über Gott und die Welt reden, so wie es alle Welt ja auch tut.
Aber am Ende wird mich das nicht berühren, bewegen, verändern – weil es abstrakt, weil es unkonkret, weil es rein sachlich bleibt.
Ich kann über das Leben reden, über biologische und chemische Abläufe, ich kann über Gott reden, was für oder gegen ihn spricht.
Ich kann die Liebe in Geschichte und Literatur zum Thema machen, die das größte Glück und das schlimmste Verhängnis der Menschen sein kann.
Aber zu lieben, zu leben und zu glauben ist noch einmal etwas ganz anderes: Etwas wunderbares, unverfügbares, unendlich Kostbares. Ein Geschenk, eine Gnade, ein Erlebnis, ein Wunder und noch vieles mehr.
So also ist es mit Gott und mit dem Glauben. Da ist nicht nur Vernunft, da ist auch Herz, da ist nicht nur Geist, da sind auch alle Sinne. Deswegen nehme ich das Leben und die Welt um mich herum mit den Augen des Glaubens auch so ganz anders wahr. Die Welt ist dann nicht nur Ansammlung von toten oder nützlichen Gegenständen, sondern als Schöpfung lebendiger Lobpreis Gottes. Jeder Baum und jeder Grashalm, jeder Sonnenstrahl in dieser Jahreszeit ist ein dinglich, sinnlicher Lobgesang des Schöpfers.
Pfingsten ist das Fest aller Sinne, die Gott in uns anrührt, um uns zu berühren.
Pfingsten ist das Fest der Begegnung Gottes, wo ich allein vergeblich suchen würde.
Pfingsten ist wie die Liebe – wie ein Kribbeln in der Magengegend und ein Klopfen und Brennen des Herzens und wie das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu können.
Pfingsten ist die Gewissheit, dass ich von Gott nicht nur wie von einem guten Freund rede, sondern dass ich immer und stets mit einem guten Freund unterwegs bin.
Pfingsten ist die Nüchternheit, dafür nicht allein sorgen zu können. Gott bleibt mir unverfügbar.
Pfingsten ist aber auch die wunderbare Erfahrung, dass Gott sich längst an unser Herz verschwendet hat und unsere Hände, die ihn nicht greifen können, längst in seine Hand genommen hat.
Gottes Geist lässt sich nicht beschreiben, wohl aber erfahren und so dann auch besingen.
So wünsche ich uns allen im Glauben festen Boden unter den Füssen, einen klaren gar nicht mal immer geraden Weg vor Augen, aber Gottes gute Hand in greifbarer Nähe und das Brennen, die Leidenschaft und die Liebe seines Geistes in unseren Herzen für ein gelingendes und getragenes Leben, dass gerades so von Gott erzählt – eben ein gesegnetes Pfingstfest
Amen

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