Hallo, ist da wer?

Hallo, ist da wer?

Also doch – ich hatte die ganze Zeit schon das Gefühl: heute ist einer mehr da! Na dann, Glück auf! … Und wer bist du? Ich kann dich nicht sehen!

Was soll das heißen, das sei normal? „Alleinstellungsmerkmal Unsichtbarkeit“? Also noch mal: Wer um Himmels Willen bist du?

Du bist es? Echt? Ohne Schei…? Ups… Tschuldigung, sowas sagt man nicht in Deiner Gegenwart… Na da hast du dir ja genau den passenden Tag ausgesucht um hier mal vorbeizuschauen…

Mensch, du kannst ja richtig laut werden. Sorry, sorry, natürlich bist du heute nicht zu ersten Mal hier, weiß ich doch auch. Aber sonst erlebe ich dich im Gottesdienst eher zurückhaltend. Und das musst du doch zugeben: Mit mir gesprochen hast du noch nie.

Ist ja schon gut, auch das stimmt so nicht, du hast ja recht. Ich meine nur: so klar und deutlich wie heute, das ist doch nun wirklich das erste Mal…

Sag mal, bei allem gebotenen Respekt: höre ich da ein bisschen den Beleidigten heraus, den stets zu kurz Gekommen und oft Übersehenen? Ich meine, ich wundere mich ja auch darüber, dass du, was die Dreieinigkeit angeht, so schlecht wegkommst. Das Glaubensbekenntnis redet in einem fort vom Vater und Schöpfer, der Lebensweg von Jesus wird von der Empfängnis bis zum Jüngsten Gericht geschildert und dir haben sie damals nur ein karges credo in spiritum sanctum gegönnt. Ich finde auch, das ist ein bisschen wenig…

Was ich von dir halte, willst du wissen? Also ich find dich wichtig! Na selbstverständlich. Ja, du bist unverzichtbar! Du bist der „Beweger“, die „Kraft für neue Aufbrüche“, der „Schöpfergeist“. Du bist der „individuell und verschiedentlich wirkende dynamische Widerschein der Gegenwart Gottes in seinen Geschöpfen…“ – hab ich vorgestern in der Pfingstausgabe meiner Kirchenzeitung gelesen…!

Wieso lässt du das nicht gelten?

Phrasen? Hast du Phrasen gesagt? Also hör mal, wenn du bist, der du bist, dann weißt du genau, dass es zwar nach Phrasen klingen mag, aber von mir ganz ernst gemeint ist: Du bist doch nun mal in der Kirche für die Erneuerung zuständig, den Wandel, die Reformen. Das Feuer unter dem Hintern. Die Dynamik eben. Mensch, das endlich etwas besser wird, anders wird. Anders wird, damit es besser wird. Nun glaub‘ mir schon, dass ich das tatsächlich von dir erwarte und nicht von uns Menschen.

Ich drücke mich um meine Verantwortung? Hey, du müsstest wissen, wie viel ich für die Kirche ackere!

Wie meinst du das mit dem Zeitgeist?

Wachstumsideologien haben mit dir nicht zu tun? Wie soll ich das denn verstehen?

Du kannst doch die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mit der Kirche vergleichen! Klar muss es in der Wirtschaft um Wachstum gehen. Wir haben Kapitalismus – schon gemerkt? Du kannst doch nicht behaupten, dass wir es in der Kirche der Wirtschaft nachmachen…!

Aber das ist doch was ganz anders: Wir schrumpfen seit Jahren! Irgendwann ist niemand mehr da, dafür brauchen wir dich!

Da machst du nicht mit? Was soll das denn jetzt! Ich erinnere dich mal an Apostelgeschichte 2: Dreitausend neue Christen an einem Tag! Und da ist ja nun ganz ausdrücklich von dir die Rede!

Der Lukas hatte einen Hang zur Übertreibung? Also jetzt mach aber mal halblang: Dann lass es dreihundert gewesen sein – auf jeden Fall wird dieses Ereignis damals, das erste Pfingstfest, als Geburtstag der Kirche gefeiert. Und ich wiederhole mich: dass es weitergegangen ist, dafür bist du doch immer verantwortlich gewesen. Bis heute.

Ja, natürlich haben da immer auch Menschen was gemacht. Jetzt zier‘ dich doch nicht so: Du kannst doch auch nicht wollen, dass wir als Kirche den Geist aufgeben. Wir brauchen dich. Wir brauchen dich! Das muss dir doch runter gehen wie Öl!

„In der Not frisst der Teufel Fliegen…“ wo hast Du denn solche Sprüche gelernt? Mensch, ich meine es wirklich ernst. Wir sind mit unserm Latein ziemlich am Ende.

Na das credo in spiritum sanctum habe ich im Studium gelernt, das sitzt eben… Nun komm: Hier kriegst du‘s nochmal auf lateinisch: veni creator spritus! Du musst uns helfen!

Auch wieder richtig, du musst gar nichts…

Ja, ich kenne den Vers: „…der Geist weht, wo er will…“ – Johannes 3 Vers 8, glaube ich.

Ja, ich kenne auch Sacharja 4 Vers 6 – haben wir ja vorhin erst gehört, ist der Wochenspruch.

Nicht durch Heer oder Kraft … ja, steht ja da…

Du meinst, du machst es immer ohne Kraft und Heer. Ohne Power? Ohne klare Zahlen und ohne Erfolgsbilanzen?

Ist das dein Ernst?

Klar kannst du auch lustig, aber jetzt mal Klartext: Du willst uns das Wachstum nicht geben? Den sichtbaren Aufschwung, den Erfolg, dass es weitergeht mit dem Glauben und dem Christsein und der Kirche?

Das hast du nicht gesagt? Aber so hast du es gemeint. Oder?

Du wehst lieber? Na das meine ich doch, gewaltiges Brausen – Apostelgeschichte!

Lukas hat übertrieben… Langsam gehst du mir auf den Geist! Und trotzdem ist damals etwas passiert!

Heute auch? Das ist doch kein Argument! Was passiert denn heute?

Die Menschen atmen? Was soll das denn jetzt bedeuten?

Na gut, das stimmt natürlich, alle Menschen haben ihr Leben vom Schöpfer. Und sie atmen natürlich alle. Solange sie leben. Aber das kann doch nun noch nicht alles sein.

Wieso ist das schon viel?

Du kennst dich ja richtig aus: „Ihr lebt in einer atemlosen Gesellschaft…“ Du meinst, wir brauchen mehr Ruhe?

Klar: Du willst nicht als Anstifter fürs Ausbrennen verantwortlich sein.

Da wäre also eine bewusste Atempause am Tag schon so was wie ein kleines Rendezvous mit dir?

Langsam verstehen wir uns!

Und was empfiehlst du sonst noch, wenn ich fragen darf?

Den Finger in den Wind halten?

Und vorher in den Mund stecken?

Und die Phrasen über dich im realen Leben suchen? Mit dem Finger im Mund?

Ich kenn‘ das mit dem Finger: um rauszukriegen, woher der Wind weht.

Das sagtest du ja schon, dass du gern wehst.

Ja, meinetwegen, dass du gern still wehst.

Unscheinbar, na gut, von mir aus auch unscheinbar. Obwohl das mit dem Widerschein dann nicht mehr so richtig aufgeht – hatten wir gerade: „…. du bist der individuell und verschiedentlich wirkende dynamische Widerschein…“
..
Ja, na klar, es gib auch unscheinbaren Widerschein.

Schön, wie du das nennst: Schlichter Glaube.

Unbestechlichkeit. Gradlinig leben. Ja, das ist eigentlich das Größte.

Zu sich selbst stehen, so würde ich es sagen. Und euch Dreien in allen Dingen vertrauen.

Genau, und seine Verantwortung wahrnehmen. Für sich und die Schöpfung.

Da bist du dabei. Na endlich mal eine klare Ansage von dir!

Alle Achtung, vielleicht geht es gar nicht um mehr als das. Wusste ich aber eigentlich alles schon.

Das verdanke ich dir? Na dann sag ich dir bei dieser günstigen Gelegenheit gleich mal: Danke! Was steht denn in Johannes 16 Vers 13? Ich bin in Bibelkunde schon immer etwas schwach gewesen?

Hallo dann also, mein persönlicher „In-die-Wahrheit-hinein-Leiter“. Schön, dass du da bist!

Und du kommst und gehst, wie und wann es dir passt?

Nicht berechenbar…

Und das heißt, wenn du dich mal nicht meldest, ist das normal?

Aber irgendwie cool, dass du immer wieder kommst. War‘ nett heut, mit dir. Gerade heute!

Ich danke dir für dieses geistreiche Gespräch.

Ja, ich fühle mich jetzt nicht ganz schlecht. Bin irgendwie raus aus der Energiemulde.

Na viel hast du ja eigentlich gar nicht gemacht.

Das wünsche ich dir auch.

Mach‘s besser!

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